Schule – und dann?
Dreizehn Jahre Schule, Abitur … und dann? Für mich lautet die Antwort „Freiwilligendienst in Kambodscha.“ Im November 2024 fand ich, zwei Tage vor Bewerbungsschluss, das Programm mit Brot für die Welt und bewarb mich, ohne zu zögern. Im Dezember bekam ich meine Zusage und dann begannen auch schon die Vorbereitungen: Videokonferenzen mit Brot für die Welt und meiner Einsatzstelle, Impfungen, Finanzkrams und noch mehr Impfungen. Im Juli fand dann schließlich der einwöchige Vorbereitungskurs in Berlin statt, bei dem ich auch meine Mitfreiwilligen kennenlernte, das Highlight der Vorbereitungsphase. Am 22. August stiegen wir schließlich in den Flieger, in Richtung Süd-Ost-Asien.
In Kambodscha angekommen, merkte ich erst so richtig, was es bedeutet für ein Jahr in einem anderen Land, mit einer doch recht anderen Kultur und Geschichte, zu leben und Freiwilligenarbeit zu leisten.
Ankunft in Kambodscha
Unsere Landesmentorin Lim holte uns vom Flughafen ab und zeigte uns unsere Wohnung. Außerdem führte sie das fünftägige Ankunftsseminar durch, bei dem wir viel über die Geschichte und Kultur des Landes lernten. Bei dem Seminar waren auch Gäste da, zum Beispiel ein Mitarbeiter unserer NGO und ein ehemaliger Süd-Nord-Freiwilliger. Bald begann der Arbeitsalltag in unseren Einsatzstellen. Die Organisation, bei der ich arbeite, heißt Khmer Community Development (KCD). Die NGO führt zahlreiche Projekte in den Bereichen Kinderrechte, Bildung, Frauenrechte, Rechte der vietnamesischen und der muslimischen Minderheiten, sowie im Bereich der nachhaltigen Landwirtschaft durch. Der Fokus liegt dabei stets auf der Unterstützung ländlicher Gemeinden. Bei KCD fühlte ich mich direkt sehr wohl. Die Mitarbeitenden kennen sich sehr gut und es herrscht eine fast schon familiäre Atmosphäre. Toll finde ich beispielsweise, dass wir immer gemeinsam Mittag essen, oder dass mir meine Kolleg*innen beim Lernen der Landessprache Khmer helfen.
Apropos Khmer: Ich habe echt unterschätzt, wie lange es dauert, eine Sprache zu lernen. Ich bin jetzt schon seit vier Monaten hier und lerne die Sprache seit meiner Ankunft, im Durchschnitt 45 bis 60 Minuten pro Tag. Bisher kann ich mich vorstellen, auf dem Markt einkaufen und gaaanz einfache und kurze Gespräche halten. Es ist ein wenig frustrierend zu wissen, dass ich vermutlich, selbst wenn ich mehr lernen würde, bis zum Ende des Jahres nur rudimentäre Sprachkenntnisse erreichen könnte. Zwar sprechen in der Stadt viele Menschen passables bis extrem gutes Englisch (auf dem Land sieht das jedoch anders aus), doch eine Sprachbarriere bleibt trotzdem. Deshalb fällt es mir manchmal schwer, mit Kambodschaner*innen längere und tiefere Gespräche zu führen.
Kulturschock?
Die kulturellen und sprachlichen Barrieren sowie die für mich ungewohnte Umgebung hatten bei mir im September und Oktober zu einem Zustand geführt, den man vermutlich als Kulturschock bezeichnen würde. Obwohl alle sehr wohlwollend waren und mich herzlich aufnahmen, fühlte ich mich überfordert und fehl am Platz. Kulminiert ist dieses Gefühl auf einer Dienstreise mit KCD nach Siem Reap, was eine wunderschöne Stadt ist, nördlich von der man die Tempel von Angkor besuchen kann. Obwohl objektiv gesehen alles super war, fühlte ich mich leer, fehl am Platz und traurig. Ein längeres Telefonat mit meinen Eltern und ein Gespräch mit einem Kollegen, der selbst längere Zeit in Deutschland gelebt hat und sich deswegen in meine Situation hineinversetzen konnte, wirkten wahre Wunder!
...und was ich daraus lernen konnte!
Ich bin mir nicht sicher, was genau sich in meiner Wahrnehmung an dem Tag verändert hat, doch ab dem nächsten Tag ritt ich auf einer Welle des Glücks, die bis heute anhält. Auch wenn es auch danach noch schwere Momente gab, stehe ich diesen nun gelassener gegenüber. Ich denke, ich habe gelernt, dass es okay ist, überfordert zu sein – selbst, wenn ich vorher dachte, ich sei ein sehr offener Mensch und käme mit allen Herausforderungen problemlos zurecht.
Ich denke, dass es genau solche Lernerfahrungen sind, an denen man in einem Freiwilligendienst wächst. In der ungewohnten und bisweilen herausfordernden Umgebung lernt man ganz neue Facetten von sich kennen, Stärken wie Schwächen. Außerdem lernt man, gelassener mit den Problemen umzugehen und die guten Momente dafür umso mehr zu genießen.
So viele schöne Momente....
Und was hatte ich nicht alles schon für tolle Momente! Ich durfte die Tempel von Angkor Wat besuchen (sowohl bei Sonnenschein als auch bei Gewitter), die Eltern meines Kollegen Visal auf dem Land besuchen und gemeinsam mit ihnen das Wasserfest (Bon Om Touk) feiern. Ich durfte mit anderen Freiwilligen vier aufregende Tage in Ho-Chi-Minh, der größten Stadt Vietnams, verbringen, bei einer kambodschanischen Hochzeit als Gast dabei sein und Englisch in einem kleinen kambodschanischen Dorf an der Grenze zu Vietnam unterrichten. An Heiligabend traf ich mich mit einem deutschen Mitfreiwilligen, wir schauten uns einen Weihnachtsfilm an und vergaßen dabei, dass draußen sommerliche Temperaturen herrschen. Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Zug an das Strandstädtchen Kep und verbrachte die Weihnachtstage am Strand.
Frohes Neues!
Das Neue Jahr 2026 verspricht auch überaus erlebnisreich zu beginnen. So bin ich zum Beispiel gleich am 1. Januar in eine andere Wohnung gezogen. Außerdem kommt mich in diesem Monat mein Vater besuchen und bleibt für drei Wochen in Kambodscha. 2025 war aufregend und voller erzählenswerter, toller Geschichten. Ich bin mir sicher, dass 2026 eine mindestens genauso gute Fortsetzung wird!
PS: Wenn ihr mein Jahr in Kambodscha weiterverfolgen wollt, könnt ihr gerne auf meinem Blog nicolasimausland.blogspot.com vorbeischauen. Um immer dabei zu sein und nichts zu verpassen, könnt Ihr euch auch in meinen E-Mail-Verteiler hinzufügen lassen. Schreibt hierzu einfach eine kurze Mail an nicolasinkambodscha@gmx.de
Von Nicolas Minke, Phnom Penh, den 9. Januar 2026






