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Dekolonisierung als politische Praxis

Dekolonisierung ist mehr als ein Schlagwort. Doch was bedeutet sie konkret für Bildungsarbeit und globales Lernen? Eine Reise nach Kuba zeigt: Dekoloniale Bildungsarbeit beginnt dort, wo wir unsere eigenen Gewissheiten hinterfragen, Machtverhältnisse offenlegen und Wissen nicht als Einbahnstraße denken.

Von Lars Bedurke am
Ecke der Entkolonialisierung in Havanna

Ecke der Entkolonialisierung in Havanna von Tato Quiñones, einem Aktivisten für die Rechte der Afro-Kubaner*innen

Die Auseinandersetzung mit Dekolonisierung ist längst keine rein akademische Debatte mehr. Sie stellt grundlegende Fragen an Bildungsarbeit, internationale Zusammenarbeit und die Art und Weise, wie Wissen entsteht und legitimiert wird. Die Erfahrungen mit dekolonialer Bildungsarbeit in Kuba haben mir erneut vor Augen geführt, wie tief diese Fragen in bestehende Machtverhältnisse eingreifen.

Die politische und wirtschaftliche Situation des Landes – geprägt durch die anhaltende US-Blockade und strukturelle Krisen – verschärft diese Fragen zusätzlich. Sie macht sichtbar, unter welchen Bedingungen internationale Zusammenarbeit stattfindet und wie ungleich die Voraussetzungen für Wissensproduktion und gesellschaftliche Teilhabe global verteilt sind.

Dekoloniales Lernen als politische Praxis

Dekoloniale Bildungsarbeit ist kein methodisches Werkzeug, das sich einfach anwenden lässt. Sie ist ein politischer Prozess. Im Zentrum steht die Frage, wer Wissen produziert, wessen Perspektiven gehört werden – und wessen Stimmen systematisch marginalisiert bleiben.

Ein Verständnis von Bildungsarbeit, das sich von der Logik eines einseitigen Wissenstransfers löst, ist dabei zentral. Partner*innen im Globalen Süden sind keine Empfänger*innen von Expertise, sondern zentrale Akteur*innen. Diese Perspektive ernst zu nehmen bedeutet jedoch auch, eigene institutionelle Rollen, Interessen und Machtpositionen konsequent zu hinterfragen.

Dekolonisierung verlangt mehr als Dialogrhetorik. Sie fordert, eigene Gewissheiten zu verlernen, Widersprüche auszuhalten und sich mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, selbst Teil problematischer Strukturen zu sein. Genau darin liegt ihre politische Sprengkraft.

„Decolonial Lab“: Raum für Widerspruch

Das „Decolonial Lab“ in Havanna hat gezeigt, wie solche Prozesse konkret aussehen können. Hier kamen Akteur*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen zusammen, um ihre Perspektiven einzubringen – nicht konfliktfrei, sondern bewusst im Spannungsfeld unterschiedlicher Erfahrungen.

Die Verbindung von akademischem Wissen und Erfahrungen aus der Basisarbeit machte deutlich, dass dekoloniale Bildungsarbeit nur dann relevant bleibt, wenn sie sich nicht von realen Kämpfen entkoppelt. Besonders Stimmen afrokubanischer Initiativen haben diese Perspektive geschärft.

Lernen bedeutet auch Irritation

Die methodische Gestaltung der Workshops ging über klassische Bildungsformate hinaus. Reflexion, kollektive Diskussion und körperorientierte Ansätze schufen Räume, in denen Lernen nicht nur kognitiv, sondern auch erfahrungsbasiert stattfand.

Dabei wurde deutlich: Dekoloniales Lernen bedeutet auch, irritiert zu werden. Es bedeutet, mit Unsicherheiten konfrontiert zu sein und keine schnellen Antworten zu bekommen. Gerade diese Irritation ist Voraussetzung für Veränderung.

Zwischen Anspruch und Vereinnahmung

Ein zentrales Spannungsfeld wurde in der Auseinandersetzung mit Konzepten wie der „Educación Popular“ sichtbar. Obwohl sie als emanzipatorischer Ansatz gilt, ist auch sie nicht frei von Machtstrukturen und Ausschlüssen.

Die Diskussion machte deutlich, dass selbst kritische Bildungsansätze Gefahr laufen, exklusiv zu werden – etwa wenn ihre Sprache oder Methoden nicht für alle zugänglich sind. Dekoloniale Bildungsarbeit muss daher auch ihre eigenen Voraussetzungen immer wieder hinterfragen.

Die Unterscheidung zwischen den verschiedenen dekolonialen Ansätzen war besonders relevant. Während einige stärker mit formalen Entkolonialisierungsprozessen verbunden sind, zielt die lateinamerikanische Perspektive der „Decolonialidad“ auf einen grundlegenden Bruch mit kolonialen Denkweisen und Wissensordnungen ab. Diese Differenz ist politisch und entscheidend dafür, ob Dekolonisierung als transformative Praxis verstanden wird oder zu einem entleerten technischen Begriff wird.

Alltag als Ort politischer Bildung

Dekoloniale Bildungsarbeit findet nicht nur in Seminarräumen statt. Besonders deutlich wurde dies im Austausch mit afrokubanisch-feministischen Initiativen in marginalisierten Stadtteilen Havannas.

Hier wurden alltägliche Praktiken zu Orten politischer Bildung. Räume des Austauschs über Identität, Rassismus und Selbstermächtigung zeigten, wie eng Wissen, Erfahrung und gesellschaftliche Realität miteinander verbunden sind.

Diese Perspektiven machen sichtbar, dass Bildung immer auch eine Frage von Zugang, Anerkennung und Macht ist. Wer spricht, wer gehört wird und welches Wissen zählt, ist keine neutrale Entscheidung.

Dekolonisierung ist kein Konsensprojekt

Die Erfahrungen aus Kuba zeigen: Dekolonisierung in der Bildungsarbeit ist kein harmonischer Prozess. Sie ist konflikthaft, widersprüchlich und politisch.

Sie verlangt die Bereitschaft, eigene Privilegien zu hinterfragen, institutionelle Routinen zu verändern und Kritik nicht nur zuzulassen, sondern ernst zu nehmen. Ohne diese Auseinandersetzung besteht die Gefahr, dass dekoloniale Ansätze vereinnahmt und entpolitisiert werden.

Gleichzeitig liegt genau darin ihr Potenzial. Dekoloniale Bildungsarbeit kann Räume eröffnen, in denen neue Formen von Wissen, Zusammenarbeit und Solidarität entstehen. Nicht als fertiges Modell – sondern als gemeinsamer, offener Prozess.

Gerade angesichts globaler Ungleichheiten und Krisen bleibt sie damit eine zentrale Herausforderung für alle, die sich ernsthaft für globale Gerechtigkeit einsetzen.

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