Im Norden Touristen, im Süden Bauruinen
Im Umkreis von circa einem Kilometer um den Toul Tompoung-Markt spielt sich der größte Teil meiner Freizeit ab. Toul Tompoung ist ein zentraler Stadtteil und relativ lebhaft, weshalb er auch bei Touristen und Expats beliebt ist. Schlendere ich hier durch die Nebenstraßen, fühle ich mich fast wie in einer kleinen deutschen Unistadt. Wohnhäuser schmiegen sich zwischen Cafés, Imbisse stehen vor Musikläden und überall herrscht ein summender Grundton.
Vor Ort arbeite ich bei der NGO „Women‘s Media Centre Cambodia“ (WMC), die sich im Süden der Stadt befindet. Der Süden liegt außerhalb des Flussufers und den angrenzenden Ballungszentren und ist somit nicht touristisch. Hier sind die Viertel deutlich wilder zusammengewürfelt. Zwischen einer Bauruine und einer überdachten kleinen Sporthalle, die für Volleyball und Hahnenkämpfe genutzt wird, liegt das Haupthaus der NGO. Ich bin hauptsächlich für das Schreiben von Artikeln im internationalen oder asiatischen Kontext zuständig. Diese Artikel werden dann übersetzt und in Khmer, der Landessprache, auf den Medienkanälen hochgeladen.
Der alltägliche Coffee Run
Mein Alltag hier unterscheidet sich weniger von dem in Deutschland, als man vielleicht denken mag. Tagsüber arbeite ich an Artikeln oder verfolge die Sendungen in unserem hauseigenen Tonstudio. Abends versuche ich dem Stau zu entfliehen, der sich wie in vielen südostasiatischen Ländern durch die ganze Stadt zieht. Für die Menschen in Kambodscha ist gutes Essen wahnsinnig wichtig, dementsprechend verbreitet ist auch die Café-Kultur, die mich an den Wochenenden von einem Café ins nächste zieht.
Wer jedoch als Vegetarier*in nach Kambodscha kommt, wird sich wohl auch vorerst mit den Cafés abfinden müssen. Ob Lok Lak oder Amok Trey, Hauptbestandteil fast aller Gerichte ist Fleisch. Selbst im morgendlichen Porridge (Porridge ist hier eine Art Reissuppe), beißt man obligatorisch auf ein Stück Fisch. Auch wenn sich bei mir ganz nach kambodschanischer Art viel um Essen dreht, waren meine letzten 5 Monate auch außerhalb der städtischen Küchen sehr ereignisreich.
Meine Gastfamilie
Direkt nach meiner Ankunft in Kambodscha begann der Khmer-Unterricht der, mal mehr, mal weniger erfolgreich verläuft. Bis Ende September wohnten wir Freiwillige gemeinsam in einer WG. Danach endete unsere gemeinsame WG-Zeit und für mich ging es in eine Gastfamilie.
Kretya und Smey, mein Gastbruder und meine Gastmutter, begrüßten mich wahnsinnig herzlich und helfen mir durch alle Challenges, vor die einen der Alltag hier stellt. Eine davon war beispielsweise die Mobilität. In Phnom Penh gibt es nur eine Handvoll Buslinien, Haltestellen sind nicht gekennzeichnet und durch die Staus gibt es keine festen Abfahrtszeiten. Meine Arbeitswege bin ich immer mit dem Tuk-Tuk gefahren, was auf Dauer teuer und unflexibel war. Das war auch der Grund, weshalb ich mir kurz nach meinem Umzug ein Moped gekauft hatte.
Roadtrips und Workshops
Mein Moped erleichtert es sich nicht nur, zur Arbeit oder zum Supermarkt zu gehen, sondern ich kann in meiner Freizeit auch kleinere Roadtrips unternehmen. Mein erster Roadtrip ging während des Wasserfestes nach Kampot. Am Meer gelegen befindet sich die Provinzstadt etwa hundertachtzig Kilometer südlich von Phnom Penh und ist bekannt für ihren handverlesenen Pfeffer, den man auch in deutschen Supermärkten findet. Mein erster Solotrip überhaupt ging bereits in den ersten vier Wochen nach Koh Rong, eine Insel mitten im Golf von Thailand. Hier habe ich auch das Moped fahren gelernt, denn in Kambodscha braucht man für Fahrzeuge bis 125cc keinen Führerschein. Eine glückliche Fügung für mich, denn sonst würde meine Mobilität hier aus Fahrrad fahren bestehen.
Mit WMC lerne ich durch Workshops und Trainings auch andere Teile Kambodschas. Mein Highlight war der Besuch einer Tempelanlage aus dem 6.-8. Jahrhundert in Kampong Thom, einer zentralen Provinz. Hier kam ich mit Mönchen und Menschen vor Ort ins Gespräch, die mir die ein oder andere Geschichte über die Anlage erzählten. Auch wenn es immer aufregend ist, neue Provinzen zu entdecken, freue ich mich meistens schon ein bisschen darauf, wieder nach Phnom Penh zurückzukehren. Die 24/7 Convenience Stores und Essensstände aus aller Welt lassen sich so leicht nicht ersetzen.
Von So Recknagel

