Blog

Krieg ist immer ein patriarchales Machtinstrument

Das Jahr 2022 ist kaum drei Monate alt und zur furchtbaren weltweiten Krise um Covid-19 und der uns massiv bedrohenden Klimakatstrophe kommt ein Krieg hinzu, ein Angriffskrieg in Europa, ein Krieg mit ganz besonderen Konnotationen. Unverblümt wird nach dem Überfall auf die Ukraine auch weiteren Ländern gedroht, werden Massenvernichtungswaffen hemmungslos ins Spiel gebracht.

Von Lars Bedurke am
Bild von Lars Bedurke
Lars BedurkeAbteilungsleiter Bildung
Telefon: +49 (0) 30 65211-1229lars.bedurke@brot-fuer-die-welt.de
mehr zur Person

"Frieden"

500.000 Menschen demonstrierten für den Frieden in Berlin, unter anderem haben Brot für die Welt und die Kirchen zu dieser Friedensdemonstration aufgerufen.

Brot für die Welt setzt sich für ein Leben in Frieden und Würde ein. Wir stärken Menschen, die von Gewaltkonflikten betroffen sind, – rechtlich, wirtschaftlich und psychosozial. Gleichzeitig unterstützen wir Aktivist:innen, die wegen ihres Einsatzes für Frieden, Menschenrechte oder Umweltschutz verfolgt werden. Wir fördern eine kultursensible kritische Auseinandersetzung mit männerdominierten Machtstrukturen. Was uns zuversichtlich stimmt, ist die im Koalitionsvertrag festgelegte Ausrichtung auf eine konsequente feministische Außenpolitik. Also auf eine Politik, die nicht auf Abschreckung setzt, sondern vielmehr auf Entmilitarisierung, Mediation und den Einsatz gewaltfreier Mechanismen.

Für ein Ende der Ungleichheiten

Schwerter zu Pflugscharen, das war die eindeutige und unmissverständliche Position der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR. Keine Abschreckung, keine Massenvernichtungswaffen, sondern nur der Dialog und die Gespräche am multilateralen Verhandlungstisch und auf Augenhöhe können den Frieden garantieren. Die Welt hatte sich in den 1980er Jahren bis an die Zähne bewaffnet und sich gegenseitig hochgerüstet, dem Frieden nutzte es nichts. Die Beendigung globaler Ungerechtigkeiten, die dringend notwendige Kehrtwende hin zu einer ökologisch nachhaltigen Welt, das sind die Bausteine für einen „positiven Frieden“, der kollaborativ und inklusiv ist und die menschliche Gesellschaft zu einer Ganzheit verbindet. Ein solcher Ansatz würde über die Abwesenheit von Krieg und Gewalt hinausgehen und die Förderung von sozialer Gerechtigkeit und zukunftsfähigem, angemessenem Wohlstand für alle einschließen.

Junges Engagement für die Zukunft

Hoffnungsvoll kann man konstatieren, dass sich die neuen Generationen, die Jugendlichen hier und überall aktiv gegen die Klimakatastrophe engagieren, sich für Menschen auf der Flucht einsetzen, klare Positionen gegen Rassismus einnehmen und auf den Demonstrationen in Deutschland und weltweit ihr Nein gegen den Krieg herausschreien. Für die Sicherung der planetarischen Zukunft müssen dringend Schritte gemacht werden, um ungerechte Strukturen zu beseitigen, um Feindschaften konsequent abzubauen. Klassische Modelle männlicher Überlegenheit, weißer Dominanz und hemmungsloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen haben uns dahin geführt, wo wir heute sind. Mag man sich vor kurzem noch über die lächerlich zur Schau gestellte Männlichkeit von Vladimir Putin amüsiert haben – es ist zweifelsohne ein Fakt, dass Chauvinismus, toxische Männlichkeit sowie rassistische Überzeugungen den Nährboden für furchtbarste Verbrechen an der Menschlichkeit bereiten können.

Der notwendige Abschied vom Patriarchat

Unverblümt hat Jair Bolsonaro noch im Februar beim Besuch in Moskau seine Nähe zum russischen Präsidenten deutlich gemacht und festgestellt, dass sie eine gemeinsame Auffassung von Gott, Vaterland und Familie (wohlgemerkt, der traditionellen heterosexuellen Familie) haben. Diese Allianz geht einher mit einer Vision der Macht, derer sich die Schwächeren und Schwächsten zu unterwerfen haben. Sie basiert auf der Annahme, dass zu diesen "traditionellen Werten" die Ungleichheit der Geschlechter, die Ausbeutung der Frauen und die staatliche Unterdrückung derjenigen gehören, deren Lebensweise, Selbstverständnis und Handeln nicht den engen patriarchalischen Normen entsprechen.

Es bleibt nicht bei der rhetorischen Gewalt oder der hyperbolisch und lächerlich zur Schau gestellten Männlichkeit. Diese Narrative werden zur bedrohlichen Realität. Die Unterwerfung souveräner Staaten unter Missachtung aller international geltenden Regeln ist Teil dieser Realität – ebenso die Anwendung von Leid und Zerstörung als Instrumente patriarchaler Machtausübung. Es wird mit Vernichtung gedroht und diese wird auch brutal vollzogen. Der Überfall auf die Ukraine, gespickt mit einer mystisch-historischen „Volk-und-Blut-Erzählung“, die hemmungslose Zerstörung des Amazonas und damit nicht nur die Vernichtung planetarischer Ressourcen, sondern auch der Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung sind nur zwei Beispiele. Es ist eine Tatsache, dass Frauen, wie auch LGBTQ, vorrangiges Ziel von Machtdemonstrationen autokratischer Herrscher sind: Die Gesetzgebungen in Ungarn, Polen und Russland sprechen Bände, das Drama in Tschetschenien und die Straflosigkeit (nicht nur) in Brasilien schreien zum Himmel.

Eine andere Gesellschaft ist möglich

Viele junge Menschen weltweit setzen ihre mutige und informierte Stimme ein, um den Status Quo der Macht aufzubrechen, um für Dialog einzutreten und der Verachtung der Schwächsten der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Sie teilen das Bewusstsein darüber, dass wir nicht so weiterleben können, wie wir bisher gelebt haben. Unabdingbar für die Gestaltung planetarischer Zukunft ist es, dass gerade die Schwächsten und Verletzlichsten dieses Planeten zu Subjekten werden und nicht nur Objekte der Ausbeutung und Gier nach Ressourcen derer, die die Macht innehaben. Für die Arbeit von Brot für die Welt gilt, dass geschlechtsspezifische und strukturelle Gewalt und Unterdrückung in keiner Gesellschaft einen Platz haben dürfen. Deshalb gilt es, die strukturellen Muster der Ungleichheit zu entlarven und die unterdrückenden Strukturen abzubauen. Brot für die Welt setzt dem Antifeminismus, wie er sich in antidemokratischem und intolerantem Gedankengut ausdrückt, Selbstbestimmung und gesellschaftliche und politische Teilhabe vor allem derjenigen entgegen, die an den Rand gedrängt werden, und das muss eine Selbstverständlichkeit werden.

Zeit für ein Umdenken

So ist es kein Possenspiel von feministischer Außenpolitik zu sprechen. Es ist wichtig davon zu sprechen, dass wir weiterhin unseren Beitrag leisten müssen, um die „Dekonstruktion“ und das Verlernen alter und toxischer Machtvisionen voranzubringen. Konkret bedeutet das, kritisches Denken zu ermöglichen. Eine andere Welt der Beziehungen, weg von der Konstruktion imperialer Macht, hemmungsloser Ausbeutung und der Demonstration von Aggression und Gewalt, hin zu einer Stärkung der Beziehungen untereinander. Es muss auch künftig unser Ziel bleiben, den Diskursen des Hasses Einhalt zu gebieten. Zukunft ist immer dann verheißungsvoll, wenn Menschen konsequent notwendige Werte und Haltungen entwickeln, um Empathie für die Anderen zu empfinden und Freude daran, für die Schaffung und Bewahrung eines gerechten und ökologischen, friedlichen Planeten einzutreten.

Unsere Schwesterorganisation Diakonie Katastrophenhilfe ruft zu Spenden auf.