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Bei Covid-19 von der HIV/Aids-Bewegung lernen

Der Welt-Aids-Tag sollte uns daran erinnern: HIV und Aids existieren nicht im Schatten der Corona-Pandemie, sondern Seite an Seite mit ihr.

Von Mareike Haase am
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Mareike Haase Referentin Internationale Gesundheitspolitik
Telefon: +49 (0) 30 65211-1814 mareike.haase@brot-fuer-die-welt.de
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Viel wurde erreicht, in den vergangenen 20 Jahren Gesundheitsarbeit zu HIV/Aids. So konnte weltweit die Anzahl der Neuninfektionen mit dem HI-Virus von 2,7 Millionen Menschen im Jahr 2000 auf 1,7 Millionen Menschen im Jahr 2019 reduziert werden. Das Ziel von UNAIDS, dem HIV/Aids Programm der Vereinten Nationen, bis 2030 weniger als 200 000 Neuinfektionen zu erreichen, erscheint in greifbarer Nähe.

Wie Covid-19 die Erfolge der HIV-Arbeit gefährdet

Jedoch ist weiterhin viel Anstrengung dafür notwendig und es sollte sich niemand in Sicherheit wähnen: Trotz großer Erfolge in west- und ostafrikanischen Ländern, steigen die Infektionszahlen in Osteuropa, Zentralasien, Nahost und Lateinamerika an.

Hinzu kommt, dass die Erkrankung Aids, ausgelöst durch das HI-Virus, weiterhin viel zu häufig tödlich ist – obwohl es heute wirksame Medikamente dagegen gibt. So starben im Jahr 2019 weltweit 690 000 Menschen an Aids. UNAIDS muss bekennen, dass das Ziel, bis 2020 weniger als 500 000 Todesfälle im Zusammenhang mit HIV/Aids zu erreichen, verfehlt wurde.

Die Corona-Pandemie verschlimmert die Situation für HIV-positive Personen zusätzlich. Allein in Subsahara Afrika könnten in diesem Jahr etwa 500 000 Menschen mehr an Aids sterben. Die Erfolge der vergangenen 20 Jahre drohen umgekehrt zu werden. Denn die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19, wie strikte Lockdowns, sowie eine Überlastung der medizinischen Einrichtungen in ohnehin schwachen Gesundheitssystemen, führen dazu, dass vielerorts HIV/ Aids Präventions- und Behandlungsangebote nicht mehr durchgeführt werden können. Zudem kommt es zu Engpässen bei der Medikamentenversorgung, da die weltweite Produktion und Lieferung zurückgefahren wurde.

Ausgrenzung als Hindernis für die Eindämmung von HIV 

Die wesentlichen Hindernisse bei der Bekämpfung von HIV und Aids sind soziale Faktoren wie die Ausgrenzung und sogar Kriminalisierung von Betroffenen und eine fehlende Aufklärung. Das führt dazu, dass viele HIV-positive Menschen gar nicht wissen, dass sie infiziert sind. Dann verbreiten sie das Virus unbewusst und werden oft zu spät behandelt. Weltweit befinden sich nur etwa die Hälfte aller mit dem Virus infizierten Menschen in einer Therapie. Auch in Deutschland fehlt der offene Austausch über HIV und Aids und die Betroffenen haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.

Eine weitere Herausforderung ist die lebenslange medikamentöse Behandlung von HIV/ Aids, für die es zwar wirksame Präparate gibt, die aber nicht für alle Menschen gleichermaßen verfügbar sind. So entstehen im Laufe einer Therapie meist Resistenzen und es müsste auf andere Medikamente umgestellt werden. Der richtige Zeitpunkt kann durch Viruslast- oder Resistenz-Tests erkannt werden, aber wegen hoher Preise stehen diese nicht allen Menschen zur Verfügung. Dasselbe gilt für Medikamente der zweiten und vor allem dritten Therapie-Linie. Die Folgen sind starke Nebenwirkungen der Behandlung und ein frühzeitiger Tod.

Letztlich zeigt sich: wenn Menschen stigmatisiert und diskriminiert werden, kann dies schädlicher sein, als das Virus selbst.

Globale Solidarität, geteilte Verantwortung zum Welt-Aids-Tag 2020

Das Motto des diesjährigen Welt-Aids-Tages ‚Globale Solidarität, geteilte Verantwortung‘ macht aufmerksam auf das, was auch bei der Corona-Pandemie gilt: Menschen, die besonders durch die Folgen einer Krankheit gefährdet sind, müssen bei der Eindämmung dieser einbezogen werden. Dabei kann viel von der HIV und Aids-Bewegung gelernt werden. So sind die Erfolge bei der von HIV-Arbeit vor allem dem unermüdlichen Einsatz vieler Graswurzelinitiativen und Betroffenengruppen zu verdanken. Unter dem Slogan:

„Nothing About Us, Without Us!“

haben diese lautstark auf ihre Bedürfnisse aufmerksam gemacht und sich für inklusive und solidarische Behandlungsansätze eingesetzt. Sie haben es geschafft, wesentliche HIV-Programme von Beginn an mitzugestalten und mit am Tisch zu sitzen, wenn es um ihre Gesundheit ging.

Um HIV/Aids weiter einzudämmen gilt es nun, die Bedürfnisse von gefährdeten Gruppen ins Zentrum zu stellen und die Bemühungen auch in Zeiten der Corona-Pandemie zu verstärken. Dazu gehören eine umfassende Aufklärung über HIV, wirksame Prävention und Behandlung, durch kostenlose HIV-Tests und die lebenslange antiretrovirale Behandlung für alle HIV-positiven Menschen. Durch eine Stärkung von Gesundheitssystemen insgesamt muss außerdem sichergestellt werden, dass auch innerhalb einer Krise, die reguläre Gesundheitsversorgung aufrechterhalten bleibt.

Dieser Blog entstand in Zusammenarbeit mit Laura Stranzl, Studentin Global Health und Praktikantin bei Brot für die Welt. 

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