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Digital Africa: Ein El Dorado für Investoren

Mit der Digitalisierung werden große Hoffnungen auf die Entwicklung Afrikas verknüpft. Eine genauere Betrachtung zeigt hingegen, oft schöpfen die hinter den Start-ups stehenden ausländischen Investoren die Profite ab. Und die sozialen Auswirkungen sind mitunter fragwürdig. Es wachsen die Zweifel, ob die drängendsten Probleme, wie extreme Armut und soziale Ungleichheit, dadurch beseitigt werden.

Von Sven Hilbig am
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Sven HilbigReferent Welthandel
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Lovestory oder Heiratsschwindel

Glaubt man Medienberichten, erfreut sich Afrika einer Gründerwelle von Start-ups in der Digitalwirtschaft, die den Kontinent mehrere Entwicklungsstufen überspringen lassen – das sogenannte „Leapfrogging“. Doch ein genauerer Blick auf die dortige Digitalwirtschaft weckt Zweifel, ob hier eine eigenständige, wirtschaftliche Entwicklung angestoßen wird, die das drängendste Problem des Kontinents – die extreme Armut – beseitigen hilft. Sicher bieten viele Projekte kreative Lösungen für verschiedene Probleme und Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Häufig allerdings werden die Profite der Jungunternehmen in den Industrieländern des Nordens abgeschöpft. Und einige digitale Projekte entsprechen nicht den Menschenrechten.

Afrikanische Start-ups: Profittransfer gen Norden

In einigen afrikanischen Metropolen entstehen Hubs, in denen besonders viele junge Technologie-Unternehmen gegründet werden, wie etwa in Nairobi, Kapstadt, Lagos oder Kigali. Hier finden sich mitunter auch kleine Start-up-Schmieden wie FabLabs oder MakerSpaces, in denen afrikanische Digitalunternehmen entwickelt werden.

Dort entstanden bereits einige kreative Geschäftsideen: So gibt es mittlerweile kleine Unternehmen, die aus Elektroschrott 3D-Drucker herstellen (beispielsweise das kenianische Unternehmen AB3D). Andere Mikro-Firmen verwenden Plastikabfall als Grundstoff, um daraus im 3D-Druck einfache Gerätschaften für Schulen und Krankenhäuser zu produzieren, etwa Prothesen.

In Ländern wie Tansania und Ruanda bieten Solarkioske die Möglichkeit, Handys aufzuladen und Telefon- und WLAN-Guthaben zu kaufen. Besonders stark verbreitet sind mobile Bezahldienste wie Kenias M-Pesa, mit denen man per Handyguthaben und SMS zahlreiche Güter und Dienstleistungen bezahlen kann – von der Tankfüllung über den Einkauf bis zur Stromrechnung.

Eine genauere Betrachtung aber zeigt, dass hinter vielen afrikanischen Digitalunternehmen ausländische Investoren stehen. Viele der Jungunternehmen, die es erfolgreich bis zur Marktreife geschafft haben, erwirtschaften Profite, die in Industriestaaten des Nordens abgeschöpft werden. Ein Beispiel: Die Berliner Start-up-Fabrik Rocket Internet investierte 2012 in die nigerianische E-Commerce-Plattform Jumia, die mittlerweile in 21 Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens tätig ist.

Im Jahr 2019 ging die Jumia International AG an der New York Stock Exchange an die Börse und brachte Rocket Internet rund 200 Millionen US-Dollar ein. Weitere Anteilseigner sind die Telekomgruppe MTN, die US-Bank Goldman Sachs sowie die französischen Konzerne Axa und Orange.

Auch an Safarincom, eines der profitabelsten Unternehmen Afrikas und einstige Tochter des kenianischen Telefonunternehmens Telkom Kenya, verdienen mittlerweile ausländische Investoren kräftig mit. Die britische Vodafone übernahm 2000 einen Anteil von 40 Prozent. Gewinnträchtig für das Unternehmen sind dabei auch die hohen Gebühren, die die Nutzerinnen und Nutzer des zu Safarincom gehörenden mobilen Zahldienstes M-Pesa zahlen müssen. Besonders hoch sind sie dann, wenn sie auf Konten überwiesen werden, die nicht bei Safaricom eröffnet wurden. Dies gilt vor allem für die von Armen transferierten kleinen Geldbeträge.

Die Entwicklung des M-Pesa-Prototyps ermöglichte die staatliche britische Entwicklungsagentur DFID mit einem Zuschuss von einer Million Pfund. Ohne diese Unterstützung hätte sich Vodafone nicht auf die riskante Investition eingelassen. Vom Engagement der DFID profitierte damit ein Unternehmen des eigenen Landes,– ein bis heute verbreitetes Muster staatlicher Entwicklungshilfe, etwa auch der deutschen. Das wirft Fragen auf: In Ländern des Südens kann die Konkurrenz durch transnational tätige Unternehmen, die mit staatlichen Entwicklungsgeldern gefördert wurden, den Aufbau produktiver Kapazitäten im Land behindern.

Solarkiosk und das Data Mining

Die Deutsche Entwicklungsgesellschaft (DEG, eine Tochter der Kreditanstalt für Wiederaufbau) und die Europäische Union unterstützen die Berliner Solarkiosk AG, die in mehreren afrikanischen Ländern Solarkioske installiert hat, beispielsweise in Äthiopien, Kenia und Madagaskar. Diese E-Hubs genannten Kioske liefern Strom, um Handys oder andere Geräte aufzuladen.

Das Unternehmen wirbt damit, „wertvolles Data Mining“ zu betreiben. Im Sommer 2018 unterzeichneten Solarkiosk und Siemens ein Memorandum of Understanding. Danach wird Siemens zunächst in Ruanda ein cloudbasiertes Microgrid Gateway einrichten, um die Daten der E-Hubs zu sammeln und zu analysieren und die Kioske zu überwachen.

Digitale Prepaidsysteme: Wo bleiben die Menschenrechte?

In Afrika fließen derzeit sehr viele Investitionen in den Aufbau digitaler Prepaidsysteme für Basisdienstleistungen wie Wasser oder Strom. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich das Internet der Dinge auf den Alltag der Menschen auswirkt. Ob und inwieweit den ärmsten Bevölkerungsschichten damit geholfen ist, bleibt fraglich.

Ein Beispiel: Das kenianische Start-up Paygo Energy – finanziert durch Kapitalspritzen internationaler Fondsgesellschaften – adaptierte die digitale Prepaid-Technologie für Kochgas. Kundinnen und Kunden bekommen Gasflaschen geliefert, müssen aber nicht die ganze Flasche bezahlen, sondern nur die von ihnen benötigten Gasmengen. Die Flaschen sind mit einem intelligenten Ventil ausgestattet, einem „smart meter“, das nur soviel Gas freigibt, wie sie vorher über den mobilen Bezahldienst M-Pesa bezahlt haben. Wer das Geld also hat, kann gesundheitsschädliche Brennstoffe zum Kochen wie Holzkohle oder Kerosin meiden. Wer nicht, wird seine Gesundheit weiter aufs Spiel setzen müssen.

Ein anderes Beispiel: In den südafrikanischen Armenvierteln haben Wasser- und Stromversorger „prepaid meters“ eingebaut, was immer wieder teils gewaltsame Proteste auslöst. Auch heute noch attackieren die Bewohnerinnen und Bewohner von Townships die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Energieversorgers Eskom, wenn sie diese Zähler warten wollen (vgl. Urban 2018). Denn auch hier geben die Messgeräte erst dann Wasser oder Strom frei, wenn zuvor über Chipkarten oder Codes ein individuelles Konto aufgeladen wurde – für arme Menschen mit unregelmäßigen Einkünften eine erhebliche Bedrohung.

Zwar können manche solcher Projekte durchaus einen sozialen Mehrwert haben, weil sie etwa saubere Energieträger verbreiten und eine Elektrifizierung ermöglichen. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit diese digitalen Prepaidsysteme dem Menschenrecht auf universellen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Wasser und Energie entsprechen. Der Zugang zu Wasser und Energie darf danach nicht allein zahlungskräftige Menschen vorbehalten sein.