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Die Corona-Krise und der Globale Süden.

Ob Amerika, Asien, Europa oder Afrika: Auf der ganzen Welt sind inzwischen Coronavirus-Fälle gemeldet. Prekäre Arbeitsverhältnisse, unzureichende medizinische Versorgung und der fehlende Zugang zu sauberem Wasser können fatale Folgen gerade für die Ärmsten im Globalen Süden haben und erschweren den Kampf gegen die Corona-Pandemie.

 

Von Lars Bedurke am
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Lars Bedurke Referent Ökumenische Begegnung
Telefon: +49 (0) 30 65211-1229 lars.bedurke@brot-fuer-die-welt.de
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Blick auf Manila

Die knapp 13 Millionen Einwohner*innen Manilas befinden sich vom 15. März bis voraussichtlich 14. April unter einem Lockdown und können die Stadt nicht verlassen.

Nur zwei Stunden vor dem Lockdown der philippinischen Hauptstadt Manila bin ich am Samstag in Richtung Deutschland gestartet, nachdem ich zwei Wochen die engagierte Arbeit der Partner von Brot für die Welt, insbesondere im Menschen- und Kinderrechtsbereich, kennengelernt habe.

Mit einem mulmigen Gefühl trat ich die Rückreise an, denn momentan erleben wir eine berechtigte und vielleicht nie dagewesene existenzielle Sorge in Europa, im Globalen Norden. Viele Menschen bangen um ihre Gesundheit, um ihre Zukunft, um die Angehörigen. Die extremen Veränderungen in nur wenigen Tagen rufen Sorge, Unsicherheit und Angst hervor. In den letzten Tagen konnte man immer wieder darüber lesen, wie Menschen im Globalen Süden deutlich besser auf disruptive Veränderungen, wie die drastischen Folgen des aktuellen Corona-Virus-Ausbruches, eingestellt oder daran gewöhnt sind. Gewiss: Naturkatastrophen, plötzliche Regierungswechsel, Konflikte, das Auftreten von Epidemien wie der Ebola- oder Cholerakatastrophe sind im Alltag präsenter als man es in Europa oder Nordamerika gewohnt ist. Ganz sicher wird auch keine Panik ausbrechen, sollte es mal bei der Toilettenpapierversorgung einen Engpass geben.

Katastrophen sind im Globalen Süden nichts Unbekanntes

Jedoch: Mit größter Sorge denke ich an die Menschen in den vier Ländern, die ich in den vergangenen Monaten besucht habe: Angola, Peru, Argentinien und die Philippinen. In all diesen Ländern sind Katastrophen nichts Unbekanntes, seien es der langjährige Krieg in Angola, Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, Taifune oder der Staatsterrorismus in der Geschichte Perus und Argentiniens, Wirtschaftskrisen, Staatsbankrotte: Gewiss, fehlendes Toilettenpapier oder ein Regal ohne Mehl wird dort kaum zu größerer Unsicherheit führen. Jedoch davon auszugehen, dass die Bevölkerung nun gelassen auf den Corona-Virus-Ausbruch schaut, wäre vermessen und sehr kurz gedacht. In Deutschland können wir darauf vertrauen, ein Gesundheitssystem zu haben, welches auch in Krisensituationen einigermaßen angemessen reagieren kann, und wir werden unser Bestes tun, um es nicht zu überlasten. Wenn auch mit Sorge, so erleben wir, dass der Staat Programme auflegen wird, um wenigstens palliativ auf Verdienstausfälle und wirtschaftliche Verluste zu reagieren. Trotz allem sind wir in Sorge und sind nicht wirklich sicher, wie die Zukunft aussehen wird.

Prekäre Arbeitsverhältnisse für große Teile der Bevölkerung

Wie sieht der Alltag von Menschen aus, die ganz und gar nicht in der Lage sind, sich auf einen Staat zu verlassen? Wie kann Argentinien, mit 50% Inflation und einer extremen Staatsverschuldung, auf die Krise reagieren? Laut Weltbank sind auf den Philippinen 75% der Menschen im informellen Sektor beschäftigt, auch in Angola und Peru sind die Beschäftigungszahlen im informellen Sektor enorm. Viele Menschen arbeiten in mehreren Jobs, um sich über Wasser zu halten, die Einkommenssteigerungen halten bei weitem nicht mit den Preissteigerungen mit, liegen oft sogar unter der Inflationsrate. In fast allen genannten Ländern hängt das Familieneinkommen auch von den “Rücküberweisungen” der Verwandten und Angehörigen im Ausland ab. Löhne reichen auch ohne Krise nicht bis zum Monatsende, Ersparnisse gibt es keine, nur wenige Tage Verdienstausfall stellen eine existenzielle Bedrohung dar. Wer heute nicht in der Lage ist, seinen Straßenverkauf durchzuführen, wird kein Polster haben, von dem gezehrt werden kann. Die heute nicht als Kindermädchen oder Hausangestellte zur Arbeit gehen können, werden keinen Lohn erhalten. Die, die nicht zur Feldarbeit erscheinen, werden ausgetauscht werden durch andere. Krank zu werden, Angehörige zu pflegen, sich selbst nicht schützen zu können, sind existenzbedrohende Vorgänge.

Mangelhafte medizinische Versorgung

Hinzu kommen unzureichende Gesundheitssysteme. Nicht selten sind im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen und unter dem Dogma von Profit und Akkumulation die heute so dringend notwendigen Basisdienstleistungen “kaputt” gespart, privatisiert und für Menschen ohne finanzielle Ressourcen und ohne öffentliche Krankenversicherung unzugänglich. Vielfach werden die Staaten im Globalen Süden nicht in der Lage sein, auf die Pandemie angemessen zu reagieren. Für europäische Verhältnisse simple Dinge, wie das nun geratene häufige Händewaschen, können bei unzureichender Wasserversorgung nicht geleistet werden. Hohe Wasserpreise, fehlendes Trinkwasser sind ebenso ein Problem, welches wir in Europa in dieser Form nicht kennen. Pendler*innen legen in den Großräumen der Städte oft mehrstündige Fahrten zu den Arbeitsorten in überfüllten Transporten zurück. Durch Schutzmaßnahmen werden sich die Fahrten nun noch verlängern und Menschenansammlungen an den Checkpoints sowie weiterhin überfüllte Transporte werden zu kritischen Punkten in Bezug auf die Ausbreitung des Virus. Der philippinische Journalist RJ Nieto der Tageszeitung Manila Bulletin analysiert treffend, dass die Maßnahmen der Regierung auf den Philippinen, wie der verzweifelte Lockdown der Metropolregion von Manila (wenigstens 13 Millionen Einwohner*innen) und die damit einhergehende weitere Militarisierung des Landes, keine effektive Antwort auf die Krise darstellen. Nach wie vor sind die Krankenhäuser schlecht ausgerüstet, es gibt keine Informationskampagnen über den Virus, derweil umfangreiche Dokumentationen über den Drogenkrieg produziert werden.

Weltweites Handeln gerade in schweren Zeiten

In meinen Gesprächen mit den Partnerorganisationen von Brot für die Welt kommt die Sorge, gerade wenn es um die Marginalisiertesten, die Ärmsten der Bevölkerung geht zum Ausdruck. Allen ist klar, sie sind am stärksten von der Krise betroffen, sie haben keine Rücklagen, leiden unter unzureichender medizinischer Versorgung, fehlendem Wasser und sind nicht selten Opfer von repressiven Maßnahmen durch staatliche Behörden. Unsere Partner verstärken die Hilfsangebote und ihre Unterstützung und tun ihr Bestes, jedoch die Herausforderungen sind enorm und ohne internationale Zusammenarbeit unmöglich zu stemmen. Gerade die uns ergreifende Sorge und das Wahrnehmen von Bedrohung tragen hoffentlich dazu bei, unseren Blick auch für die zu schärfen, für die diese Krise zur Existenzbedrohung, zur Lebensbedrohung wird. Ohne umfangreiche internationale Solidarität und ohne internationale Unterstützung wird aus der Corona-Pandemie auch eine weltweite soziale Katastrophe mit unvorhersehbarem Ausgang. Wir brauchen einen radikalen Wechsel in Perspektive, Sprache und Kategorien, gerade auch für die Zeit nach der Krise. Wir befinden uns in einem Moment, der zur Solidarität aufruft, der hoffentlich unser Verständnis darüber, dass Gesundheit ein Menschenrecht ist, noch klarer werden lässt. Es ist unabdingbar, dass es nur mit internationaler Zusammenarbeit möglich ist, unsere gemeinsamen, weltweiten Herausforderungen anzugehen. Das Narrativ des Reiches Gottes, einer solidarischen, gerechten, friedlichen und würdevollen Welt, muss gerade in diesen Zeiten der Härte, die treibende Kraft unseres Handels sein.

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