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"Das größte Problem ist die Armut"

Im Interview erklärt Mitiku Ketema, Projektkoordinator von EOC-DICAC, wie die Partnerorganisation von Brot für die Welt im Norden Äthiopiens Wälder schützt und gleichzeitig den Menschen aus der Armut hilft.

Von Online-Redaktion am

Mitiku Ketema, Projektleiter

Mitiku Ketema, Projektkoordinator von EOC-DICAC, verbringt viel Zeit damit, den Menschen im Projektgebiet nachhaltige Anbaumethoden nahezubringen.

Welche Bedeutung haben Kirchenwälder in Äthiopien?

Die Kirchenwälder haben eine lange Geschichte. Es gibt mehr als 35.000 Kirchen in Äthiopien, mehr als 75 Prozent davon sind von einem Wald umgeben. Diese Wälder werden von den Kirchengemeinden gepflegt und beschützt. Neben ihrer ökologischen haben sie auch eine spirituelle und kulturelle Funktion: Die Priester beten im Schatten der Bäume, der Wald ist ein heiliger Ort. Auch die letzte Ruhestätte hat ihren Platz im Kirchenwald.

Wieso wird in Äthiopien so viel Wald gerodet?

Die wichtigste Ursache ist die Armut. Die Menschen holzen den Wald ab, um ihr Überleben zu sichern – ihr eigenes und das ihrer Familien. Um ein Einkommen zu erzielen, verkaufen sie beispielsweise Feuerholz. Aufgrund des Klimawandels fällt der Regen immer unregelmäßiger, die Regenzeiten sind nicht mehr sicher. Manchmal kommt der Regen später, manchmal gar nicht. Das führt dazu, dass Pflanzen schlechter wachsen. Wenn Kleinbauernfamilien auf ihrem Stück Land weniger Nahrung erzeugen können, wird der Druck, ein Einkommen zu generieren, immer größer –dann ist für viele der Verkauf von illegal geschlagenem Feuerholz die einzige Möglichkeit.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um der Abholzung entgegen zu wirken?

Unser Projekt umfasst viele Komponenten. Zum Beispielversuchen wir, den Menschen andere Möglichkeiten zu eröffnen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. So haben wir arme, alleinstehende Frauen in der Schafhaltung geschult und ihnenjeweils drei Schafe finanziert: einen Schafbock und zwei Mutterschafe. Jetzt melken sie abends ihre eigene Milchund können die Lämmer verkaufen. Ein anderes Beispiel sind landlose Jugendliche: In unseren Baumschulenlernen sie, Setzlinge zu züchten und zu pflanzen. Diese Fähigkeiten erhöhendie Möglichkeit, Arbeit zu finden.

Eine Ihrer Projektkomponenten ist Agroforstwirtschaft. Was kann man sich darunter vorstellen?

Agroforstwirtschaft bezeichnet ein landwirtschaftliches System, das Ackerbau und Fortwirtschaft verbindet. So können beispielsweise Obstbäume zusammen mit Nutzhölzern angepflanzt werden. Die Fläche kann also doppelt genutzt werden.

Wie schaffen Sie ein Bewusstsein dafür, dass der Wald und die Umwelt wichtig sind?

Durch Wissensvermittlung. Das ist der Schlüssel. Wir haben zum Beispiel in einer hiesigen Grundschuleeinen Umweltclub gegründet. Hier lernen die Kinder vieles über Naturschutz und Klimawandel. Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch: Sie haben ein eigenes kleines Feld, auf dem sie Bäume anpflanzen und Obstzüchten. Das Wissen nehmen die Kinder auch mit nach Hause und geben es so an ihre Familien weiter. Außerdem arbeiten wir mit religiösen Oberhäuptern zusammen, die die Bedeutungder Kirchenwälder im Gottesdienst betonen.

Was sind die größten Herausforderungen für Ihr Projekt?

Zunächst einmal die große Zahl an Kirchenwäldern in Äthiopien. Ungefähr 35.000 Kirchen, die zu circa 3.000 Klöstern gehören, sind von Wald umgeben –doch die Wälder werden immer kleiner. Momentan arbeiten wir mit sieben Klöstern zusammen. Das ist gut, aber die Zahl möchten wir unbedingt erhöhen. Ein wichtiger Schritt, um mehr Menschen zu erreichen, ist der Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen den zahlreichen Klöstern. Eine weitere Herausforderung ist die begrenzte Anzahl von Ressourcen. Zum Beispiel beziehen wir von einer lokalen Firma energiesparende Öfen, die nur 50 Prozent der üblichen Menge an Feuerholz benötigen. Doch diese sind auf dem Markt nur begrenzt vorrätig.

Was sind die nächsten Schritte, die Sie innerhalb des nächsten Jahres umsetzen möchten?

Wir haben geplant, in der nächsten Zeit mit einem landwirtschaftlichen Forschungsinstitut zusammenzuarbeiten. Indem wir unsere Projekte und Maßnahmen überprüfen und stetig daran weiterarbeiten, können wir die Produktivität erhöhen. Zudem möchten wir auch unsere laufenden Projekte ausbauen: mehr Maßnahmen schaffen, die insbesondere mittellose Frauen fördern, und den Bau von Brunnen mit sauberem Trinkwasser weiter voranbringen. Wenn die Menschen gesund sind und nicht mehr aufgrund von schmutzigem Wasser oft krank zu Hausebleibenoder einen Arzt aufsuchen müssen, steigt auch die Produktivität.

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