Interview

Corona: „Hoffnung macht die Solidarität“

Nach zwei Monaten Ausgangssperre dürfen die Menschen in Paraguay seit Ende Mai wieder auf die Straße. Welche Folgen der Lockdown für die Armen hatte und weiterhin hat, erzählt Norma Duarte, Leiterin der Organisation Callescuela. Die setzt sich in der Hauptstadt Asunción für indigene Kinder und ihre Familien ein.

Von Thorsten Lichtblau am

Norma Duarte, Leiterin von Callescuela

Norma Duarte, Leiterin von Callescuela

Frau Duarte, wie ist die aktuelle Lage in Paraguay?

Am 25. Mai wurde die Ausgangssperre aufgehoben. Die Geschäfte haben wieder geöffnet und man kann sich frei im Land bewegen. Davon ausgenommen sind Senioren sowie Kinder und Jugendliche. Letztere dürfen nur in Begleitung Erwachsener ins Freie. Die Schulen bleiben weiterhin geschlossen.

Wie bewerten Sie das Krisenmanagement der Regierung?

Da muss man unterscheiden: Der Gesundheitsminister hat sehr gut reagiert. Noch bevor der erste Corona-Fall bekannt wurde, hat er bereits erste Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in die Wege geleitet. Das hat dazu geführt, dass wir im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern sehr niedrige Infektionszahlen haben (Anfang Juni: 900 bestätigte Fälle). Das war auch bitter nötig: Denn im ganzen Land gibt es nur 200 Intensivbetten.

Aber? Was beklagen Sie?

Die Regierung hat zunächst überhaupt nichts unternommen, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Ausgangssperre abzumildern. Dabei waren die gravierend, besonders für die Armen. Denn alle, die zum Beispiel vom Müllsammeln leben, hatten über Nacht ihre einzige Einkommensquelle verloren. Hinzu kommt, dass drei von vier Kindern in der Schule ein kostenloses Mittagessen bekamen. Diese Kinder mussten jetzt zusätzlich von ihren Familien zu Hause ernährt werden.

Was hat Callescuela getan, um diesen Familien zu helfen?

Mit finanzieller Unterstützung von Brot für die Welt haben wir Suppenküchen eingerichtet und Nahrungsmittelpakete verteilt. Und wir haben uns zusammen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen dafür eingesetzt, dass auch der Staat ein Hilfsprogramm auflegt.

Hatten Sie damit Erfolg?

Ja. Zum einen hat die Regierung besonders armen Familien einen einmaligen Zuschuss gewährt. Ursprünglich sollte der bei umgerechnet 33 Euro liegen. Nachdem wir das als völlig unzureichend kritisiert hatten, wurde der Betrag immerhin verdoppelt. Zum anderen hat die Regierung ebenfalls ein Programm zur Verteilung von Nahrungsmitteln ins Leben gerufen. Die Beantragung der staatlichen Leistungen war allerdings kompliziert: Deswegen haben wir die Betroffenen dabei unterstützt.

Das heißt, jetzt ist alles gut?

Nein, natürlich nicht. Es bleiben viele Unwägbarkeiten. So hat der Bildungsminister angekündigt, dass nur diejenigen Schülerinnen und Schüler versetzt werden, die am Online-Unterricht teilnehmen und die Prüfungen bestehen. Die meisten armen Familien besitzen aber gar keinen Computer. Sie haben nur ein Handy, das sich alle Familienmitglieder teilen müssen. Viele arme Kinder und Jugendliche werden also ein Jahr verlieren – und die Corona-Krise wird die soziale Ungleichheit verschärfen.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?

Mit gemischten. An einem Tag wache ich optimistisch auf, am nächsten sehe ich alles sehr schwarz. Man darf eines nicht vergessen: Wir haben eine gemeinsame Grenze mit Brasilien, dem Land, in dem die Infektionszahlen dramatisch hoch sind und immer noch steigen. Viele Menschen aus Paraguay arbeiten dort. Es gibt ernst zu nehmende Befürchtungen, dass die Grenzstadt Ciudad del Este, die zweitgrößte Stadt unseres Landes, das neue Wuhan werden könnte.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Hoffnung macht mir die Solidarität, wie wir sie im Moment erleben. Zum einen die Solidarität der Menschen aus Deutschland, die uns unterstützen. Zum anderen die Solidarität der Armen, die sich gegenseitig helfen, wo sie nur können.

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