Blog-Beitrag

Digitaler Handel ist unfairer als analoger Handel

Beim Handel mit digitalen Produkten, wie E-Books, sind Afrika und Lateinamerika noch marginalisierter als beim Handel mit materiellen Gütern. E-Commerce darf nicht länger nur den Interessen von Amazon und Alibaba dienen. Politische Regulierung zugunsten des Globalen Südens ist notwendig.

Von Sven Hilbig am
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Sven Hilbig Referent Welthandel
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Afrika und Lateinamerika repräsentieren nur zwei Prozent des Handels mit digitalen Produkten.

Vor 25 Jahren kaufte ein Internetnutzer aus Philadelphia, mit seiner Kreditkarte am Computer eine Audio-CD des Musikers Sting. Der elektronische Handel war geboren. Ein Jahr später verkaufte auch Amazon sein erstes Buch über das Internet. Das Unternehmen aus Seattle startete 1995 als kleiner Online-Buchhändler, weil Bücher robust beim Versand waren und eine ordentliche Gewinnmarge boten.

In der Frühphase des elektronischen Handels wurden, wie diese Beispiele zeigen, vor allem physisch greifbare, materielle Güter wie CDs oder Bücher verkauft. Typischerweise über einen Webshop im Internet bestellt, lieferten die Post oder private Paketdienste die Ware dann an die Kund/innen. Das ist bis heute so geblieben. Noch heute stellt der Verkauf physischer Güter den Großteil des elektronischen Handels dar.

Neue Produkte aufgrund technischer Fortschritte

Mit dem technischen Fortschritt kamen neue Produkte und Vermittlungswege zwischen Anbietern und Nachfragern hinzu, so dass heutzutage auch zahlreiche Dienstleistungen wie Hotelreservierungen, Online-Kurse oder Versicherungsvermittlung angeboten und direkt digital übermittelt werden.

Dazu änderten einige Waren auch ihre Gestalt und verwandelten sich vom physischen Produkt ins digitale. So werden jetzt neben gedruckten Büchern auch E-Books über das Internet gehandelt. Die digitalen Produkte bestehen im Wesentlichen aus Daten und Programmen. Ähnliche Transformationen erfuhren Audio- oder Video-CDs, deren Inhalte heutzutage per Webradio oder Streamingdienst konsumiert werden können.

Vom E-Commerce zum digitalen Handel

Durch die Fortschritte in der Kommunikation mit mobilen Endgeräten und die Entwicklung der Smartphones wurden zahlreiche weitere physische Güter zu digitalen: Flugscheine, Kinotickets oder Landkarten. Per Apps lassen sie sich in digitaler Form nutzen, sei es beim Einchecken auf den Flughäfen, beim Einlass ins Kino oder bei Wandertouren. Auch diese Digitalprodukte werden im Internet gehandelt. Mit der Verlagerung der gehandelten Güter von materiellen Produkten zu immateriellen wandelte sich auch die Begrifflichkeit. So verdrängte der Terminus des „digitalen Handels“ zunehmend den des „elektronischen Handels“.

Asymmetrische Einbindung des globalen Südens

Mit dem digitalen Handel und der Digitalwirtschaft werden häufig große Hoffnungen für den Globalen Süden verknüpft. Die Schaffung neuer, digitaler Märkte sei mit hohen Wachstumsraten verbunden, einhergehend mit einer Steigerung des Wohlstandes, behaupten nicht nur Tech-Konzerne, sondern auch Akteure aus der Entwicklungszusammenarbeit.

Wie hat sich nun der Handel mit digitalen Produkten auf die Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ausgewirkt? Ein Bericht der Vereinten Nationen gibt Antwort. Die UNCTAD analysierte welche Regionen von dem Handel mit immateriellen Gütern profitieren und welche nicht. Demnach entfällt gut die Hälfte (51 Prozent) des weltweiten Handelsvolumens auf den asiatisch-pazifischen Raum. Gefolgt von Europa (24 Prozent) und Nordamerika (23 Prozent) – mit jeweils fast einem Viertel des globalen Handelsvolumens. Afrika - einschließl. dem Nahen Osten! -  repräsentiert hingegen nur ein Prozent. Auf Lateinamerika entfällt ebenfalls nur ein Prozent. Damit ist das Gefälle zwischen den verschiedenen Weltregionen beim digitalen Handel noch gravierender als beim analogen Handel. Dort repräsentieren Afrika und Lateinamerika zusammengenommen zumindest acht Prozent des Welthandels.

China profitiert, Entwicklungsländer leiden unter Handelsbilanzdefiziten

Welche Länder profitieren vom Handel mit immateriellen bzw. digitalen Produkten? Laut einer UNCTAD-Studie (2017) ist China der größte Exporteur von Videospielen, Filmen und anderen elektronisch übertragenen Produkten, - gefolgt von Deutschland, den USA und Großbritannien.

Welche Folgen haben diese ungleichen Austauschbeziehungen zwischen China und den führenden Industrienationen einerseits, und den Entwicklungs- und Schwellenländern andererseits? Die Auswirkungen sind in erster Linie monetärer Natur.

Die Mehrzahl der Staaten im südlichen Afrika leidet unter einem Handelsbilanzdefizit, da sie weit mehr  IT-Produkte importiert als sie exportierten. Ein kleines Land wie Malawi etwa verzeichnet ein Defizit von rund 70 Millionen US-Dollar.

Und sogar Schwellenländer gehören zu den sog. Nettoimporteuren und weisen zum Teil hohe Handelsdefizite auf. In Mexiko etwa belief sich das Defizit auf fast 600 Millionen US-Dollar. Thailand, Südafrika, Chile und Brasilien weisen ebenfalls Defizite von jeweils über 200 Millionen US-Dollar auf.

Fazit

Die bisherigen Erfahrungen beim Handel mit digitalen Produkten machen deutlich: Bestehende Ungleichheiten zwischen führenden Industrienationen und Entwicklungsländern werden durch die Transformation einer analogen Wirtschaft in die Digitalwirtschaft nicht reduziert. Im Falle des Handels mit immateriellen Produkten haben sich die Asymmetrien sogar zuungunsten der Länder des Südens verschoben. Obendrein belasten die Handelsbilanzdefizite und die damit einhergehenden Devisenverluste die Staatsaushalte der Entwicklungsländer.

Schlussfolgerungen

Es ist zwar dringend geboten, die digitale Kluft zu schließen, die unseren Globus in zwei Hälften schneidet (Drei von vier Menschen im südlichen Afrika haben keinen Internetzugang!), aber ein verbesserter Internetzugang in diesen Ländern ist noch keine Garantie dafür, dass sie von der Digitalisierung profitieren. Im Gegenteil: Sollten sich die bisherigen Muster in den internationalen Handelsbeziehungen nicht verändern, könnten die Entwicklungsländer sogar noch weiter abgehängt werden. Grundvoraussetzung dafür, dass sich die internationalen Handelsbeziehungen zugunsten der Entwicklungs- und Schwellenländer verändern ist, sie in die Lage zu versetzen, eine eigene digitale Wirtschaft aufzubauen, die langfristig auch auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig ist.

Der Aufbau einer lokalen Digitalwirtschaft bedarf nicht nur großer nationaler Anstrengungen. Um den technologischen Vorsprung der großen IT-Unternehmen zu verringern, ist der Globale Süden auf die Internationale Zusammenarbeit angewiesen. Akteure aus der Entwicklungszusammenarbeit und die internationale Staatengemeinschaft sind herausgefordert, die Digitalwirtschaft in den Entwicklungsländern tatkräftig zu unterstützen, in dem sie ihnen die dafür notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen – angefangen von der finanziellen Unterstützung bis hin zum Wissens- und Technologietransfer.

Ausblick

Dieser Beitrag bildet den Auftakt einer Reihe von Artikeln, die sich mit der Frage beschäftigen, welche makroökonomischen Auswirkungen die Digitalisierung auf die Länder des Globalen Südens hat, - und wie dieser Prozess zugunsten der Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika gestaltet werden kann.

Mit der Frage nach den makroökonomischen Folgen des digitalen Wandels für die Länder des Südens betreten wir weitestgehend Neuland. IT-Konzerne und manche Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit vermitteln bislang den Eindruck, Mobiltelefone, neue Apps und eine Gründerwelle von digitalen Start-ups, ermögliche den Entwicklungsländern nicht nur neue Jobs und Wirtschaftswachstum, sondern sogar das Überspringen gleich mehrerer Entwicklungsstufen, in kürzester Zeit.

Neues Terrain zu betreten hat immer etwas Reizvolles (‚Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘), zugleich läuft stets die Gefahr mit, wichtige Aspekte zu übersehen und Fehleinschätzungen vorzunehmen. Dies gilt besonders für dynamische Prozesse und Umbruchphasen wie die digitale Revolution. Unsere Analysen und Stellungnahmen sind deswegen nicht in Stein gemeißelte Wahrheiten. Vielmehr dienen sie dazu, Debatten anzuregen und Anstöße für weitergehende Analysen zu geben. Lasst uns gemeinsam für eine faire Digitalisierung auf globaler Ebene streiten. Dafür bedarf es der Formulierung von Lösungsansätzen und ersten Schritten zu deren Umsetzung.

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