Blog-Beitrag

Vom Halt über die Haltung zum Verhalten

Am 28 und 29. April beschäftigte sich eine Tagung in Wittenberg mit dem Ökumenischen Prozesses „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“. Die Tagung wurde von der Inlandsarbeit von Brot für die Welt gefördert. Die Kernfrage: Wie gelingt kultureller Wandel hin zur Nachhaltigkeit?

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Es ging um die große und grundsätzliche Frage: Wie verändern sich Menschen und gesellschaftliche Systeme tatsächlich und tiefgreifend hin zur Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit? Dass moralische Appelle, dehnbare Vorschriften, die Konfrontation mit Horrorszenarien und „grüne“ Etiketten auf den herkömmlichen Praktiken des Wirtschaftens und Konsumierens  keine umfassende Transformation hervorbringen, ist offensichtlich. Wie können die Kirchen mit ihren biblischen und geistlichen Quellen, aus denen sie schöpfen, an dieser Stelle einen spezifischen und spürbaren Beitrag leisten, der tatsächlich einen Unterschied macht?

Bei der Tagung wurde insbesondere deutlich, dass Nachhaltigkeit nicht nur als naturwissenschaftliche und technische Herausforderung, sondern auch und vor allem als kultureller Wandel zu begreifen ist. Ein solcher Wandel basiert auf Erzählungen, auf handlungsleitenden Narrativen, in denen sich das Selbstverständnis sowohl von einzelnen als auch von Gruppen und ganzen Gesellschaften bündelt und spiegelt. In Krisen- und Umbruchssituationen werden diese gängigen Erzähl- und Argumentationsmuster  zunächst wiederholt und sogar noch verstärkt - bis irgendwann ein Punkt erreicht ist, an dem sie schlicht nicht mehr legitimierbar sind.

Evangelium verändert Selbstbild der Menschen

Das ökonomische Wachstumsnarrativ wird an diesen Punkt kommen – die Herausforderung besteht darin, im Wissen darum schon jetzt andere Rahmungen und Deutungen für dieses derzeit als alternativlos dargestellte Narrativ zur Verfügung zu stellen, damit sich Gestaltungsräume für andere Selbst- und Welterzählungen öffnen. Denn kulturelle Selbstbeschreibungen von Menschen haben Folgen bis in den makroökonomischen Bereich hinein – genau hier liegt daher der Hebel- und Ansatzpunkt für umfassende Transformation. Der spezifische Beitrag von Christinnen und Christen zu einer Kultur der Nachhaltigkeit besteht aus diesem Grund nicht in erster Linie in Parteipolitik oder im Lobbyismus für bestimmte gesellschaftliche Interessengruppen, sondern zuerst und vor allem in der umfassenden Kommunikation des Evangeliums, das Selbstbilder von Menschen von Grund auf verändert. Aus diesen Veränderungsprozessen erwachsen sowohl handlungsleitendes, orientierendes Wissen als auch die motivierende Kraft, dieses Wissen in die Tat umzusetzen.

Es ist eine Erkenntnis, die durchaus nicht neu ist, aber die wieder neu ins Bewusstsein gehoben werden muss: Schon im Erfahrungsraum der ignatianischen Exerzitien wird dies weise und greifbar auf den Punkt gebracht. Dort richtet sich die erste Frage bei der geistlichen Begleitung eines Menschen darauf, was Halt gibt. Aus einem Halt ergibt sich Haltung – und das zieht Kreise: Denn wer seinen Halt kennt und dadurch zu Haltung gefunden hat, wird dies in seinem Verhalten sichtbar werden lassen.

Kirchen müssen „bildungsbürgerliche Komfortzone“ verlassen

Vom Halt zur Haltung und von dort bis zum Verhalten – In der Begleitung von Menschen und Gemeinschaften auf diesen Wegen und Suchprozessen haben die christlichen Kirchen in ihren unterschiedlichen konfessionellen Traditionen den Schatz einzubringen, der ihnen anvertraut worden ist. Die große Herausforderung für die Zukunft besteht in der Frage, wie es ihnen gelingen kann, dies breit und milieuübergreifend glaubwürdig zu kommunizieren - und ob Wege gefunden werden, um den Diskurs über Nachhaltigkeit aus der elitären Blase herauszuführen, in der er sich derzeit noch immer befindet. Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm und der Schirmherr des Ökumenischen Prozesses, Bundesminister Klaus Töpfer a.D. , benannten daher als dringliche und prioritäre Zukunftsaufgabe, sprachlich und strukturell die bildungsbürgerliche Komfortzone zu verlassen und kirchliche Formate in anderen gesellschaftlichen Milieus zu entwickeln.

 

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