Blog-Beitrag

Die offene Wunde Ayotzinapa

Drei Jahre nach dem Verschwindenlassen der 43 Studenten in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 kämpfen ihre Eltern, Menschenrechtsorganisationen und die Schule "Normal Rural Raul Isidro Burgos" um ihre Rückkehr, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Von Melanie Bleil-Rommé am
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Melanie Bleil-Rommé Projektverantwortliche Referat Menschenrechte und Frieden
Telefon: +49 (0)30 65211 1408 melanie.bleil@brot-fuer-die-welt.de
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„Lebend haben sie sie genommen, lebend wollen wir sie wieder!“ Durch das Tal zwischen den Bergen in Guerrero hallt der Ruf der Studenten der Schule „Normal Rural Raul Isidro Burgos“. Drei Jahren nach dem Verschwindenlassen der 43 Studenten in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 kämpfen ihre Eltern, Menschenrechtsorganisationen und die Schule um ihre Rückkehr, Gerechtigkeit und Wahrheit. Der Jahrestag steht im Schatten der heftigen Erdbeben, die Mexiko in den letzten Wochen erschüttert haben und über 300 Todesopfer forderten. Die Eltern der verschwundenen Studenten solidarisieren sich mit den vom Erdbeben betroffenen Personen und unterstützen mit Aktionen, die nun nach Überlebenden und Opfern des Erbebens suchen. Dennoch bleiben die Forderungen zum Fall der 43 aktuell und bestehen.

Die Staatsanwaltschaft kann zwar beeindruckende Zahlen vorzeigen, 230 Akten wurden angelegt,180 Personen sitzen in Untersuchungshaft, dennoch bewegt sich wenig im Fall Ayotzinapa. Zum Beispiel sitzt keiner wegen des Tatvorwurfs des Verschwindenlassens in Untersuchungshaft. Der Bürgermeister von Iguala, der angeblich den Auftrag zum Angriff auf die Studenten an das örtliche Drogenkartell Guerreros Unidos gab, wurde wegen Operation mit illegalen Ressourcen, organisierter Kriminalität, Mord und Entführung festgenommen. Bisher gibt es keine Verurteilten im Prozess.

Regierung hält an wissenschaftlich widerlegter Wahrheit fest

Die Regierung weigert sich jedoch von ihrer „historischen Wahrheit“ Abstand zu nehmen. In ihrer Wahrheit wird behauptet, dass das Drogenkartell der Guerreros Unidos die Studenten auf der Müllhalde von Cocula ermordet und ihre Reste verbrannt hätte. Längst wurde die These von verschiedenen, unabhängigen Wissenschaftlern wie dem Equipo Argentino de Antropología Forense (EAAF) widerlegt. Die Frage, weshalb aus Regierungskreisen die offensichtlich falsche Version immer wieder wiederholt wird, lässt nur auf einen engen Zusammenhang zwischen verschiedenen staatlichen Ebenen und illegalen Machenschaften schließen. Die Eltern der Verschwundenen, Studenten und Menschenrechtsorganisationen fordern, dass der Fall auf vier Untersuchungsschwerpunkte gelenkt wird.

Offene Fragen

Die Untersuchungsschwerpunte basieren auf zwei Berichten der internationalen Expertenkommission (GIEI), die ihre Arbeit im April 2016 beendete. Zum einen ist die Verantwortung des Militärs in der Nacht vom 26. September vollkommen unklar. Soldaten des 27. Bataillons waren an verschiedenen Orten, an denen die Studenten angegriffen wurden,  anwesend und machten sogar Videos, Fotos und tätigten Telefonanrufe. Die mexikanische Regierung weigert sich jedoch die Militärs zu befragen. Ebenso wenig wird die Beteiligung der Polizeikräfte aus Huitzuco ausreichend untersucht. Starke Indizien und Zeugen weisen daraufhin, dass sie beim Justizpalast in Iguala anwesend waren. Vor dem Justizpalast wurde einer der Busse mit 25 Studenten an Bord von der Polizei aus Iguala und Cocula angegriffen und zerstört. Die Studenten konnten fliehen.

Weiterhin gibt die Generalstaatsanwaltschaft keine Ergebnisse der Untersuchung der Telefondaten bekannt. Mindestens neun Telefone der Studenten waren noch nach Mitternacht aktiv. Interessant ist dieser Hinweis, da die staatlichen Autoritäten behaupten, alle Telefone mit den Körpern der Studenten auf der Müllhalde verbrannt zu haben. Für die so gewaltvollen Übergriffe der Polizei auf die Studenten, fand die GIEI ebenfalls eine mögliche Erklärung. In einem der Busse könnten Drogen versteckt gewesen sein. Es gibt Hinweise auf eine Schmuggelroute zwischen Iguala und Chicago in den USA.

Angehörige fordern Antworten

Im August 2017 wies die Interamerikanische Menschenrechtskommission den mexikanischen Staat darauf hin, dass Hauptermittlungslinien nicht ausreichend und intensiv genug verfolgt würden. Bis Ende Oktober hat der mexikanische Staat Zeit, neue Antworten vorzulegen. Eine große Sorge seitens der Familienangehörigen und organisierten Zivilgesellschaft ist, dass die Amtszeit des Präsidenten Enrique Peña Nieto 2018 enden könnte, ohne dass die Studenten gefunden , die Täter gefasst oder Hintergründe aufgeklärt werden. Eine neue Regierung müsste sich erst einarbeiten, könnte die Untersuchung von neuem beginnen wollen und alle bisherigen Teilfortschritte wären verloren.

Der Fall Ayotzinapa steht beispielhaft für das Verschwindenlassen in Mexiko und die Verwicklung staatlicher Akteure in das Verbrechen. Offizielle Statistiken gehen von 32.000 Verschwundenen aus. Die Dunkelziffer liegt jedoch sicherlich sehr viel höher. Die Aufklärung der Fälle und Verurteilung der Täter tendiert zu Null. Große Hoffnungen setzen die Familienangehörigen und Zivilgesellschaft deswegen in das Gesetz gegen Verschwindenlassen, das noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden soll.

 

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