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Antibiotikaresistenzen sind eine globale Herausforderung

Von Mareike Haase am
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Mareike Haase Referentin Internationale Gesundheitspolitik
Telefon: +49 (0) 30 65211-1814 mareike.haase@brot-fuer-die-welt.de
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Wieso sind Resistenzen gegen Antibiotika ein weltweites Problem und was hat das mit mir zu tun? Darüber diskutierten beim Kongress Armut & Gesundheit 2016 in Berlin VertreterInnen der Buko-Pharmakampagne, von Brot für die Welt und aus dem Bereich Pharmazie mit Studierenden und Interessierten am Thema Globale Gesundheit.

Allein in Deutschland sterben jährlich mehr als 40.000 Menschen an multiresistenten Krankenhauskeimen, weil die Behandlung mit Antibiotika nicht mehr wirkt. Das einst scharfe Schwert der Antibiotika droht stumpf zu werden und Erfolge, die weltweit in der Eindämmung von Infektionskrankheiten gemacht wurden, drohen ins Negative umzukehren. Herkömmliche Antibiotika schlagen gegen viele Krankheitserreger nicht mehr an, da sich resistente Bakterienstämme gebildet haben, wie immer häufiger bei der Behandlung von Tuberkulose. Die Therapie wird kompliziert und Menschen sterben an bisher heilbaren Erkrankungen. 

Verschreibungspflicht und alles wird gut?

In der Diskussion bei Armut & Gesundheit wurde klar, dass es weltweit viele Länder gibt, in denen Antibiotika ganz ohne Rezept und Beratung zu erwerben sind und eine falsche Medikation bei zum Beispiel viralen Infektionen, bzw. der frühzeitige Abbruch der Einnahme die Resistenzen enorm erhöhen. Doch die Rufe nach einer weltweiten Verschreibungspflicht führen nicht so einfach zum Ziel. Denn in Ländern des globalen Südens, in denen es an Gesundheitsversorgung und Strukturen, wie Krankenhäusern oder Basisgesundheitsversorgung in ländlichen Regionen fehlt, ist eine Verschreibungspflicht praktisch gar nicht umzusetzen. Es gibt schlichtweg häufig keine Möglichkeit durch ein Beratungsgespräch bei medizinischem Personal über die Einnahme aufgeklärt zu werden – weil es keine Krankenstationen oder zu wenig Gesundheitsfachkräfte gibt. Eine Milliarde Menschen sehen niemals im Leben einen Arzt oder Ärztin, Hebamme oder KrankenpflegerIn. Geschweige denn, dass es Pharmazien gibt, die ein verschreibungspflichtiges Medikament herausgeben könnten. Es gilt also zu allererst Gesundheitsversorgung weltweit so zu gestalten, dass PatientInnen überhaupt Zugang zu Medikamenten erhalten und dann in verständlicherweise über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt werden können.

Was hat unser Fleischkonsum damit zu tun?

Deutlich wurde auch, dass es zu kurz greift, nur über die Verschreibung und falsche Einnahme von Antibiotikamedikamenten in der Humanmedizin zu sprechen, wenn es um das Aufkommen von Resistenzen geht. Insbesondere im Bereich Massentierhaltung und Fleischproduktion führt eine falsche und bedenkliche Praxis zu weitreichenden Resistenzen, die die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen. So werden Antibiotika zur Leistungsförderung in der Tiermast für eine immer weiter wachsende Fleischproduktion verabreicht. Hinzu kommt, dass die starke Belastung der Tiere und die Zucht auf engen Raum zu Krankheiten führt und auch hier schnell zu Antibiotika gegriffen wird. Dadurch entstehen resistente Bakterienstämme, die durch das Tier und mit den Tieren in ständigem Austausch stehende Landwirte, weitergegeben werden. Der übermäßige Export unserer verschmähten Fleischreste in ärmere Länder, zerstört zudem nicht nur die lokalen Märkte sondern bringt Krankheiten über die Landesgrenzen zu den Menschen, da Kühlketten unterwegs nicht eingehalten werden und Keime mitreisen.

Forschungslücke schließen oder Interessen der Pharmaunternehmen stützen?

Um weiterhin wirksame Antibiotika anbieten zu können, müsste die verstärkte Erforschung und Entwicklung von neuen antibiotischen Wirkstoffen vorausgehen – ein Bereich der über mehrere Jahrzehnte sträflich vernachlässigt wurde. Und wenn dann neue Präparate entwickelt wurden, sind diese häufig für ärmere Länder nicht verfügbar, weil sie schlichtweg nicht bezahlt werden können. Das Paradoxon vor dem kommerziell agierende Pharmaunternehmen stehen, nämlich Medikamente herzustellen, die sie nicht teuer und zudem nicht großflächig vermarkten sollen – um die übermäßige Nutzung und neue Resistenzen zu vermeiden – kann nur durch völlig neue Forschungsanreize aufgelöst werden. Forschung & Entwicklung von Medikamenten muss als öffentliche Verantwortung verstanden werden und die entstehenden Arzneimittel als öffentliches Gut statt aus ihnen das Profitinteresse von Unternehmen zu befriedigen. Die Kosten für Forschung & Entwicklung müssen vom späteren Produktpreis entkoppelt werden, so dass Konzerne nicht mehr argumentieren können, dass sie ihre Kosten durch hohe Preise reinholen müssen. Daher sollten Regierungen Forschungsprämien für bestimmte Bereiche ausloben und Aufträge für dringende Forschungsaufgaben vergeben. Die Finanzierung von F & E könnte durch einen Globalen Fond für Forschunsaufgaben gesteuert werden, so dass die dringendsten Herausforderungen zuerst angegangen werden.

Was können wir tun?

Letztlich liegt es auch an jedem und jeder von uns, der Bildung von Antibiotikaresistenzen vorzubeugen, durch zum Beispiel bewußten Fleischkonsum von regionalen Produkten aus einer Tierhaltung, die nicht ausschließlich auf Masse und günstige Preise ausgerichtet ist. Im Bereich der Humanmedizin können wir vorsorgen, in dem wir beim Hausarzt doch nochmal genauer nachfragen, weshalb es ein Antibiotikum sein muss, dieses strikt nach Medikation einnehmen und Reste keinesfalls in der Toilette entsorgen, sondern bestenfalls gesammelt zur Entsorgung bringen. Denn insbesondere das Aufkommen von Antibiotikarückständen im Abwasser ist ein weiterer Faktor im Teufelskreis von unwirksamen Medikamenten durch Resistenzen und Krankheiten, die das Leben von Millionen von Menschen weltweit bedrohen.