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Mit einer 2,7 ist die Versetzung in eine nachhaltige Zukunft schwer gefährdet - Analyse der INDCs

Von Sabine Minninger am
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Sabine Minninger Referentin Klimapolitik
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Am 1. Oktober ist die Deadline abgelaufen für die Abgabe der INDCs (intended nationally determined contributions). Diese beschreiben die freiwilligen Absichtserklärungen der Staaten für ihre Minderungsanstrengungen zum Klimaschutz im Rahmen eines neuen Klimaabkommens, welches im Dezember in Paris ausgehandelt werden soll. Die eingereichten, mehr als 140 INDCs, welche ungefähr 83% der globalen Emissionen abdecken, können nun in einer Zusammenfassung berücksichtigt werden, um den aktuellen Stand für Paris zu evaluieren. Das haben Climate Action Tracker untersucht und die Ergebnisse auf ihrer Webseite climateactiontracker.org bekannt gegeben. Überraschend kommen die Wissenschaftler (u.a. vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung) zum Ergebnis, dass die vorliegenden INDCs zu einer Erwärmung von etwa 2.7°C führen würden bis zum Ende des Jahrhunderts. Obwohl das Ergebnis katastrophale Folgen haben könnte, ist das schon eine deutliche Verbesserung gegenüber vorigen Verpflichtungen und Einschätzungen. Die Prognosen der Weltbank gingen davon aus, dass sogar 4-5 Grad Celsius Erwärmung möglich wäre, wenn die Anstrengungen der Staaten weiterhin so ambitionslos verlaufen.

Dabei sind anscheinend konditionale Strategien bereits berücksichtigt (dass Staaten ihre Anstrengungen abhängig von den Bemühungen anderer Staaten machen). Allerdings stellt der Temperaturbereich nur den Median der Zusagen dar. Und wenn das 2°C-Ziel eingehalten werden soll, dann sollte schon eine höhere Wahrscheinlichkeit als 50% gewählt werden. Und ganz klar wird aus dem Papier auch nicht, inwieweit Kipppunkte im Klimasystem berücksichtigt sind. Auch eine kleine Beeinflussung durch den Menschen (zusätzlich zu den bisher scheinbar folgenlos gebliebenen Eingriffen) kann dann das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringen. Auch wenn die Ursache danach zurückgenommen werden sollte, wird das Klima nicht unbedingt wieder in den alten Zustand zurückkehren, die Änderung ist also irreversibel.

So wird in dem Dokument ebenso hervorgehoben, dass immer noch eine eklatante Lücke vorhanden ist zum 2°C-Ziel. Daher müssten die meisten Länder deutlich in ihren Bemühungen zulegen. Außerdem wird betont, dass die Einhaltung des 2°C-Ziel durch die vorliegenden INDCs nicht nur schwerer wird, sondern auch noch teurer. Zudem wird es auf Grundlage dessen ohne weitergehende Zugeständnisse ab 2030 richtig schwer werden, das 2°C-Ziel überhaupt noch einhalten zu können.

Auch interessant sind die Bewertungen einzelner Länder. Die EU hat demnach noch deutliches Potential für mehr Anstrengung; deren Beitrag wird als mittelmäßig eingestuft wird. Ganz unverblümt wird dargestellt, welche Beiträge von Ländern unangemessen sind. Neben Australien (welche unter dem konservativen Premier Tony Abott vor einem Jahr eine CO2-Steuer wieder abgeschafft haben) und Kanada (welches aus der zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls ausgestiegen ist) sind darunter u.a. auch Südafrika, Japan und Russland zu finden; Argentinien (kein Emissions-Peak wurde angegeben; Emissionsreduktionen sollen nur durch den Bau von Atomkraftwerken und riesigen Staudämmen für Wasserkraftwerke erreicht werden) und die Türkei (hat mehr als 75 neue Kohlekraftwerke geplant, wodurch sie zum Spitzenreiter der neu zugeschalteten Leistung aus fossilen Brennstoffen werden) könnten wohl auch noch eingereiht werden. Wer allerdings noch mehr gerügt werden sollte, ist Saudi-Arabien, die als einziger G20-Staat nämlich erst gar kein INDC eingereicht haben. Zwar nicht verwunderlich als vom Öl abhängiger Staat, der auch sonst seiner Verantwortung nicht gerecht wird (zB Klimafinanzierung). Selbiges gilt auch für Katar, das als Land mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen ebenso noch kein INDC veröffentlicht hat und doch selbst einmal Gastgeber der COP18 war.

Eine 2,7 ist eine 6 und reicht nicht für eine Versetzung in eine nachhaltige Zukunft - Nachbessern kann hier nur das Fazit lauten.

Dieser Beitrag wurde zusammen mit Michael Schneider, Student, geschrieben.

 

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