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EU–Migrationspolitik bringt auch Seeleute in Not

Auch wenn momentan die Bilder von Flucht und Migration eher aus den EU-Ländern kommen, bleibt das Mittelmeer von der Ägäis bis Gibraltar weiterhin der tödlichste Weg, um die europäische Mauer zu überwinden. Vor allem für Menschen aus Afrika ist es meist der einzige Weg. Auch die Mannschaften von Handelsschiffen und Fischerbooten im Mittelmeer verzweifeln, wenn sie zu spät zur Hilfe kommen.

 

Von Francisco Mari am
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Francisco Mari Referent Welternährung, Agrarhandel, Meerespolitik
Telefon: +49 (0) 30 65211-1822 francisco.mari@brot-fuer-die-welt.de
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Auch wenn momentan die Bilder von Flucht und Migration eher aus den EU-Ländern kommen und die Hauptfluchtroute auf dem Landweg über die Türkei führt, bleibt das Mittelmeer von der Ägäis bis Gibraltar weiterhin der tödlichste Weg, um die europäische Mauer zu überwinden. Vor allem für Menschen aus Afrika ist es meist der einzige Weg.

Wenn nun die Türkei unter Druck und Geld der EU den Landweg versperrt, werden auch Menschen aus Asien wieder vermehrt in die seeuntüchtigen Boote gezwungen werden. Auch wenn nach Protesten wegen des Endes der Rettungsaktion „Mare Nostrum“ das robuste Mandat der EU-Marine EUNAVFORMED behauptet, es helfe auch Menschen in Seenot zu retten, haben die letzten Wochen wieder gezeigt, wie tödlich die Überfahrt aus Libyen und anderen nordafrikanischen Häfen ist. Daher steht zu Recht die europäische Migrationspolitik in der Kritik, weil sie Menschen zwingt unter Lebensgefahr und von sogenannten Schleppern ausgenutzt, den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa zu nehmen. Die Forderung von Brot für die Welt, Pro Asyl und vielen anderen Organisationen nach sicheren Fluchtwegen und einer geregelten Migration hätte tausenden Menschen auf dem Mittelmeer das Leben gerettet, aber es fehlt immer noch die Einsicht auch hier präventiv humanitär einzugreifen.

Schiffsmannchaften überfordert

Neben den tödlichen Schicksalen der MigrantInnen und Fliehenden, verzweifeln auch die Mannschaften von Handelsschiffen und Fischerbooten im Mittelmeer, wenn sie zu spät zur Hilfe kommen, Flüchtlingsboote sinken oder Kranken keine medizinische Versorgung geleistet werden kann. Die Kapitäne und Offiziere von Handelsschiffen im Mittelmeere stehen vor schwierigen Entscheidungen, wenn sie in großer Entfernung von ihrer Route Notsignale empfangen und ihre Reedereien wegen der hohen Kosten Druck ausüben, die Fahrt fortzusetzen. Dabei ergibt sich die Verpflichtung zur Rettung von Schiffsbrüchigen in den Weltmeeren aus dem ersten internationalen Vertrag zur Regelung von Meeresangelegenheiten von 1910: „Art 11:  Jeder Kapitän ist verpflichtet, allen Personen, selbst feindlichen, die auf See in Lebensgefahr angetroffen werden, Beistand zu leisten, soweit er dazu ohne ernste Gefahr für sein Schiff und für dessen Besatzung und Reisende imstande ist.“

Markus Schildhauer ist ehemalige Fachkraft Brot für die Welt und nun Seelsorger in der Station Alexandria der Deutschen Seemannsmission. Er beschreibt, wie diese traumatische Situation von Seeleuten und Offizieren immer mehr seine Arbeit bestimmt. Dazu kommt noch die verzweifelte Lage vieler auf eine Überfahrt wartender Flüchtlinge in der Stadt Alexandria. Die ägyptische Regierung ignoriert diese humanitäre Katastrophe komplett, so dass sich Flüchtlinge und MigrantInnen selbst überlassen bleiben, bzw. sofort abgeschoben werden.

Seemannsmission in Alexandria: Handelsschiffe tragen Rettungs-Last

"Das Leben der Seeleute ist ein hartes Leben. Bis zu 9 Monaten sind sie mit 15 anderen Menschen an Bord eines Schiffes. Häufig können sie diese wegen kurzer Liegezeiten im Hafen, bzw. restriktiven Bestimmungen der Länder nicht verlassen und sind froh, wenn dann wenigstens wir von der Seemannsmission an Bord kommen und einfach mal für Gespräche da sind. In letzter Zeit erleben meine KollegInnen aus dem Mittelmeerraum und ich immer mehr, dass die Seeleute, zum Teil traumatisiert, sich an uns wenden.

Das Mittelmeer ist voll von Flüchtlingsbooten und Allem, was damit zu tun hat. Immer häufiger werden die Seeleute zu Hilfe gerufen um Flüchtlingsschiffe zu bergen. Die Handelsschifffahrt hat in den letzten 18 Monaten mehr als 40.000 Menschen im Mittelmeer gerettet. Dabei sind weder die Schiffe, noch die Mannschaft für solche Fälle vorbereitet. Daneben berichten die Seeleute aber auch von vielen im Meer treibenden Leichen und Gegenständen. So rief erst vor einiger Zeit ein Kapitän bei uns an, teilte uns mit, dass er diesen Beruf nicht mehr ausüben könne, da er gerade mit seinem Schiff über Kinderrucksäcke gefahren ist und sich nicht ausmalen möchte, über was er noch gefahren ist. Andere Seeleute berichten von Hilfseinsätzen, bei denen während der versuchten Rettung das Flüchtlingsboot kenterte und vor ihren Augen mehrere Menschen ertranken.

Reedereien üben Druck aus

Der Druck auf die Seeleute kommt aber auch von außen. Für die Reedereien ist jeder Flüchtlingseinsatz eine finanzielle Katastrophe. Eine Schiffsstunde kostet viele Tausende an Dollar. Oft hat man dann das Problem, dass auf der Route keine Möglichkeit besteht, die Flüchtlinge weiter betreuen zu lassen. Manchmal stehen die Kapitäne im Fokus der Behörden und werden als Schlepper eingesperrt. Die Reedereien weisen immer wieder die Kapitäne darauf hin, dass sie selbstverständlich verpflichtet sind, Schiffsbrüchige zu retten, aber nur dann, wenn man sie sieht. Man sollte sich dann aber auch im Klaren sein, was man sich da an Bord holt. Man wüsste nie, sind es wirklich Flüchtlinge, Piraten, Menschen, die Krankheiten an Bord bringen etc., so die wenig hilfreichen Hinweise der Reedereien.

In diesem Spannungsfeld werden die Schiffskapitäne alleine gelassen. Auch hier gab es einen Kapitän, der uns, nachdem er zu einem havarierten Schiff gerufen wurde, dies aber nicht retten konnte, da die Reederei einen Umweg von 2 Stunden ablehnte, fragte, wie er mit seiner Schuld fertig werden könne, denn er erfuhr später, dass das Schiff gesunken sei.

Seemannsmissionen als psycholgische Ankerplätze

Ohne die noch wenigen bestehenden Stationen der Seemannsmission hätten diese Seeleute überhaupt keine psychologische Unterstützung. Das ist eine unzumutbare Situation. Auf jedem offiziellen Hilfsschiff, wenn es sie gibt, begleiten Psychologen die Helfer an Bord. Auf Handelsschiffen ist da Fehlanzeige. Die internationale Staatengemeinschaft sieht hier ebenso tatenlos zu und zieht sich komplett aus der Affäre.

Die Auswirkungen der Flüchtlingsschickschale auf den Meeren für die Handelsschifffahrt stehen leider nicht im Fokus der Medien oder der Politik in Europa. Es ist niemanden bewusst, dass die Globalisierung auf dem Rücken von unterbezahlten Menschen aus armen Ländern ausgetragen wird. Mehr als 90% aller weltweit gehandelten Waren werden mit dem Schiff transportiert! Dies oft unter unwürdigsten Lebens- und Arbeitsbedingungen und jetzt müssen diese Menschen erleben, dass sie Hilfesuchenden nicht helfen können.

Beendet das Massensterben auf dem Mittelmeer

Ich erlebe das Flüchtlingsdrama vor allem an Land bei meinen Besuchen der Schiffsmannschaften. Alexandria ist mittlerweile einer der Hauptausgangspunkte von Flüchtlingsschiffen im Mittelmeer geworden. Denn flüchtende Christinnen und Christen meiden Libyen als Ausgangsort ihrer Überfahrt wegen dem sogenannten „Islamischen Staat“ dort. Wir hören, dass jeden Tag Schiffe losgehen, auch im bevorstehenden Winter. Manchmal sehen wir am Strand angeschwemmt eine Menge einzelner abgetragener Schuhe billiger Qualität. Wir versuchen und die Frage zu stellen, wie diese von den Menschen „verloren“ wurden.

Wir möchten dann Europas Verantwortlichen von hier aus zurufen: tut endlich etwas, damit die Not der vielen Fliehenden, die wir hier erleben nicht zu einem weiteren Massensterben wird!"

Markus Schildhauer, Alexandria, im September 2015

Im Sommer hatte die Deutschen Seemannsmission einen dringenden Appell an die Öffentlichkeit gerichtet: Rettung von Flüchtlingen – Eine Herausforderung für die Seefahrt  

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