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Ebola – haben wir aus dem Umgang mit anderen Krankheiten gelernt?

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Am 21. April 2015 führte MSF seine Frühjahrskonferenz zum Thema ‚Ernstfall Ebola – das humanitäre System in der Kritik‘ durch. Der Rückblick auf die dramatischen Ereignisse in Westafrika im letzten Sommer führte zu Diskussionen über Lehren für die Zukunft, die auch auf medizinische und sozio-kulturelle Aspekte eingingen. Mit etwa 200 Teilnehmenden aus Nichtregierungsorganisationen, internationalen Organisationen, Wissenschaft und Bundesregierung war die Konferenz in Berlin sehr gut besucht.

MSF machte schon im März 2014 auf das sich zuspitzende Ebola-Drama in Westafrika aufmerksam. Ärzte ohne Grenzen (MSF) war schon seit Jahren bei Ebola-Krisen in Zentralafrika aktiv und sah, dass der Ausbruch in Westafrika eine andere Dimension annahm als die doch eher lokalen Ausbrüche in Zentralafrika in den Jahrzehnten zuvor. Aber die internationale Gemeinschaft und auch die Regierungen vor Ort waren sehr langsam und reagierten erst, als ab Juli der Ausbruch gigantische Dimensionen annahm: Letztlich infizierten sich über 25.000 Menschen und 10.000 Menschen verstarben an Ebola. Die Schweigeminute, die die Konferenz für die Toten inklusive der über 500 verstorbenen GesundheitshelferInnen hielt, war ein wichtiges Zeichen, um hinter den Zahlen die menschlichen Schicksale zu sehen und zu erspüren.

International war das Engagement erst spürbar, als auch amerikanische und europäische HelferInnen betroffen waren. Interessieren uns Epidemien erst, wenn sie vor unserer Haustüre sind, wenn wir selbst davon betroffen sein könnten? Aber auch die Regierungen vor Ort hätten schneller sein können. Auch wenn Ebola ein sehr viel virulenteres Virus ist als HIV, so fragte ich mich doch mehrmals während der Konferenz, warum man die Lektionen aus HIV nicht auch auf Ebola übertragen hat. Wir haben in den 80er und 90er Jahren die Erfahrung gemacht, dass in der Prävention vor allem in den Ländern Fortschritte gemacht wurden, wo die jeweilige Regierung das Problem ernst nahm und effektive Maßnahmen gemeinsam mit Zivilgesellschaft und allen relevanten Akteuren durchführte. Warum geschah das hier erst so spät? Das Land, das im Sommer 2014 am meisten von Ebola betroffen war – Liberia – ist nun das Land, das als Ebola-frei gilt, weil hier die Regierung das Problem erkannte, die Präsidentin international nach Hilfe rief und dann die richtigen Maßnahmen ergriff und sich mit anderen Akteuren koordinierte.

Auch an vielen anderen Stellen zog ich für mich Parallelen. Der Direktor der Brot für die Welt Partnerorganisation ‚Sierra Leone Adult Education Association, Shecku Mansarai, berichtete davon, wie sie mit über 4.100 Freiwilligen in die Dörfer zogen und in drei Monaten über 160.000 Haushalte erreichten mit Informationen, wie man sich vor Ebola schützt und wie man mit Verdachtsfällen umgeht. Sie bezogen lokale Führungspersönlichkeiten mit ein, sie nutzten lokales Radio, um Botschaften zu verbreiten und sie diskutierten schwierige kulturelle Fragen und so trug diese Initiative dazu bei, dass fast 3.000 Menschen an sogenannten ‚Holding Centres‘ erfahren konnten, ob sie tatsächlich mit dem Ebola-Virus infiziert sind oder nicht und es wurden fast 1.300 sichere Begräbnisse durchgeführt. Shecku selbst sagte, er dachte, seine verstorbenen Verwandten würden ihn heimsuchen, weil er sie nicht angemessen bestattet hätte und erzählte, wie er selbst lernen musste, dass diese notwendige Sicherheitsmaßnahme bei der Beerdigung nicht das Seelenheil seiner verstorbenen Verwandten beeinträchtigte. Wie schwer es ist, kulturelle Bräuche zu ändern, haben wir auch bei HIV gesehen und dass es dafür die Kooperation mit lokalen Führungskräften bedarf. Auch die Mythen und Vorurteile – Ebola sei von den Weißen mitgebracht worden, Knoblauch könne heilen, etc.  .- sind uns nur zugut aus dem HIV-Bereich bekannt und das Einzige, was dagegen hilft, ist fundierte Aufklärung, die möglichst von Menschen durchgeführt werden sollte, die aus dem gleichen Kulturkreis kommen,  die selbe Sprache sprechen und zusammen überlegen können, wie man Dinge so adaptieren kann, dass sie die Infektionsgefahr senkt ohne das Kind mit dem Bad auszuschütten, was lokale Gebräuche anbelangt. Auch was Stigma anbelangt, hat uns HIV gelehrt, dass Leute fundiert über die Übertragung, Schutzmaßnahmen und den Zugang zu Behandlung aufgeklärt werden müssen, um ihre Vorurteile und Ängste zu überwinden.

Die Reintegration der von Ebola Geheilten stellte sich oft als schwierig heraus. Da selbst bei einer Heilung noch Wochen danach Ebola durch Samen- und Vaginalflüssigkeit übertragen werden kann, ist Kondomnutzung in dieser Phase von äußerster Wichtigkeit. Da Kondome sich aber in weiten Teilen Afrika nicht als Verhütungsmittel etabliert haben und viele Kirchen den Einsatz von Kondomen ablehnen, sind Verhandlungen über Kondomnutzung immer noch in vielen Regionen ein schwieriges Unterfangen. Hier haben wir im HIV-Bereich gesehen, dass vor allem betroffene Kirchen-, bzw. religiöse Führer zu großen Veränderungen in der Einstellung ihrer Gemeinden und Gemeinschaften beigetragen haben. Ihre Einbeziehung ist deshalb von äußerster Wichtigkeit.

Wir erinnern uns alle noch an die ethisch schwierigen und umstrittenen Entscheidungen letztes Jahr, wer die wenigen experimentellen Medikamente, die gegen Ebola zur Verfügung standen, die aber noch nicht durch Studien an Menschen getestet waren, bekommen sollte. Auch das erinnerte an die Anfangszeiten der Behandlung mit HIV-Medikamenten. Viele nahmen an Versuchen teil, um überhaupt eine Behandlung zu erhalten. Als zugelassene Medikamente auf den Markt kamen, waren sie zu teuer, es gab in Afrika nicht genug Behandlungsangebote und da stellte sich vielerorts die Frage: Wer sollte die Medikamente bekommen – Vater, Mutter, Kind, welcher Berufsstand? Hier mussten sehr schwierige ethische Entscheidungen getroffen werden, die letztlich nur damit überwunden werden konnten, dass sich Bewegungen wie die Treatment Action Campaign für flächendeckende bezahlbare Medikamente einsetzte und bereit war, sich dafür mit Regierung und Pharmaindustrie anzulegen und dass die indische Generikaindustrie aktiv wurde und die Medikamente sehr viel preiswerter Afrika zur Verfügung stellte.

Wie sieht es bei Ebola aus? Medikamente und Impfstoffe gegen Ebola wurden jahrzehntelang nicht als lukrativer Bereich der Pharmaindustrie gesehen. Es erkrankten ‚nur‘ wenige Hundert Menschen an Ebola in ländlichen Gebieten Afrikas – das war kein Markt für teure Pharmazeutika. Der Ausbruch in Westafrika hat gezeigt, dass die Hunderten zu Tausenden werden können und das Virus keine Nationalgrenzen kennt. Nun wird an Impfstoffen und Medikamenten geforscht – allerdings sehr spät, wenn nicht zu spät. Die Ebola-Epidemie ist glücklicherweise am Abflauen und nun wird darum gestritten, wer mit den wenigen Infizierten Studien durchführen kann, um die Wirksamkeit der Medikamente und Impfstoffe, die sich in Entwicklung befinden, zu belegen. Bisher geht man davon aus, dass eines der Medikamente, die untersucht werden, nur bei geringer Viruslast effektiv ist, nicht bei hoher Viruslast, das heißt in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung nicht mehr wirkt.  Eine Placebo-Studie ist aus ethischen Gründen ausgeschlossen und so kann man mögliche Resultate aus den Studien bestenfalls mit historischen Daten vergleichen, die jedoch aufgrund der Krise nicht systematisch erhoben wurden.

Hier stellt sich genauso wie bei anderen Krankheiten die Frage, warum wir immer noch an einem Patentregime festhalten, dass Forschung mit teuren Medikamentenpreisen belohnt, statt die öffentliche Forschung und Entwicklung voranzutreiben und sicherzustellen, dass die Medikamente auch auf den Gebrauch vor Ort hin entwickelt werden und nicht nur für europäische Verhältnisse. Zudem werden mehr ‚point of care‘ Diagnostika benötigt, die einfach vor Ort einzusetzen sind, denn nur dann kann man mit Sicherheit feststellen, ob eine Person erkrankt ist oder es sich doch nicht um Ebola, sondern um Malaria oder eine andere Krankheit, die mit Fieber einhergeht, handelt. Die Forderung nach billigen, leicht handhabbaren Diagnostika und Medikamenten, die auf den lokalen Bedarf und die lokale Situation abgestimmt sind (keine Kühlung benötigen, etc.) sind uns auch hinreichend aus dem HIV-Bereich vertraut.

Und so meine ich, wir müssen mehr voneinander lernen, uns besser vernetzen und die Erfahrungen, die in einem Gesundheitsbereich gemacht wurden bei der ‚Response‘ für eine andere Krankheit im Hinterkopf behalten und einsetzen,  damit wir dann möglichst schnell, möglichst effektiv mit den richtigen Maßnahmen vorgehen - Maßnahmen, die die Menschenwürde der betroffenen Personen hochhalten und ihre kulturellen Werte berücksichtigen und wir sollten Anstrengungen in verschiedenen Bereichen unternehmen, damit sich möglichst wenige infizieren und Infizierte behandelt werden können.

Hier möchte ich den Hut ziehen vor den vielen engagierten MSF-Mitarbeitenden und den vielen lokalen Gesundheitskräften und engagierten Menschen und Organisationen wie Shecku Mansarais Adult Education Association, die hier Sagenhaftes geleistet haben.  Sie hätten schnellere und größere Unterstützung national wie international verdient.

 

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