Blog-Beitrag

Erwartungen an die 2. Internationale Konferenz zu Ernährung

Vom 19. bis 21. November 2014 findet in Rom die 2. Internationale Konferenz zu Ernährung statt, 22 Jahre nach der bisher einzigen Konferenz dieser Art. Dort will die Staatengemeinschaft unter dem gemeinsamen Dach der Welternährungs- und Weltgesundheitsorganisation ihre Ziele und einen Aktionsplan zur Bekämpfung von Mangelernährung, Unter- und Überernährung verabschieden. Damit soll der Startschuss für eine Dekade zu Ernährung von 2016-2025 gegeben werden.

 

Von Ehemalige Mitarbeitende am
Bild von Ehemalige Mitarbeitende
Ehemalige Mitarbeitende
mehr zur Person

Vom 19. bis 21. November 2014 findet in Rom die 2. Internationale Konferenz zu Ernährung (Second International Conference on Nutrition, ICN2) statt, 22 Jahre nach der bisher einzigen Konferenz dieser Art. Dort will die Staatengemeinschaft unter dem gemeinsamen Dach der Welternährungs- und Weltgesundheitsorganisation (FAO und WHO) ihre Ziele und einen Aktionsplan zur Bekämpfung von Mangelernährung, Unter- und Überernährung verabschieden. Damit soll der Startschuss für eine Dekade zu Ernährung (Decade of Action on Nutrition) von 2016-2025 gegeben werden. Mit der noch zu verabschiedenden Erklärung von Rom und dem dazugehörigen Aktionsplan will man der Herausforderung von zwei Milliarden mangelernährten Menschen, über 800 Millionen Hungernden und etwa 500 Millionen, die unter Fettleibigkeit leiden, begegnen.

Brot für die Welt macht die Bekämpfung von Mangelernährung in den kommenden drei Jahren zum Schwerpunkt seiner Programm- und Öffentlichkeitsarbeit. Unter dem Motto „Satt ist nicht genug – Zukunft braucht gesunde Ernährung“ geht es darum, dass allen Menschen nicht nur genug, sondern auch gutes Essen zugänglich sein muss. Das Menschenrecht auf angemessene, also auch gesunde und vielfältige Nahrung ist die Grundlage zur Bekämpfung von Unter- und Mangelernährung.

Bewertung der Entwürfe der Rom-Erklärung und des Aktionsplans

Mehr öffentliche Aufmerksamkeit, aber keine Konsequenzen

Dass bei der Bekämpfung von Mangelernährung bisher nur wenige Fortschritte gemacht wurden, liegt auch daran, dass seine Verbreitung vergleichsweise leise und unbemerkt geschieht. Brot für die Welt nennt es daher den Stillen Hunger. Die Konferenz möchte dazu beitragen, dass dem Problem mehr öffentliche und politische Aufmerksamkeit zukommt. Betrachtet man die bisherigen Verhandlungen und Entwürfe der Abschlussdokumente, kann jedoch bezweifelt werden, dass es der Staatengemeinschaft in Rom gelingen wird, der Bekämpfung des Stillen Hungers den Platz auf der entwicklungspolitischen Agenda einzuräumen, der seiner Bedeutung gerecht wird und entsprechende Ressourcen zu mobilisieren. Die bisher vorliegenden Abschlussdokumente kommen zu vielen richtigen Einsichten, ziehen aber nicht die nötigen Konsequenzen daraus. Es bedarf mehr Investitionen, besserer gesetzlicher Regeln und neuer Handelsstrukturen, um Mangelernährung wirksam zu bekämpfen.

Symptom- statt Ursachenbekämpfung

Der Erklärung von Rom und dem Aktionsplan fehlt es an einer schonungslosen Analyse der Ursachen von Mangelernährung: So wurde die Landwirtschaft weltweit über Jahrzehnte immer mehr industrialisiert. Wenige Großkonzerne dominieren heute die Märkte für Düngemittel und Pestizide, Saatgut und vor allem Lebensmittel. Unfaire Handelsabkommen und mangelnde Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft sind mitverantwortlich dafür, dass für Milliarden Menschen der Zugang zu gesundem und vielseitigen Essen verschlossen bleibt. Und es fehlt die Unterstützung für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, obwohl sie das Rückgrat der Ernährung sind und 80 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel erzeugen. Nur wenn sich ihre wirtschaftliche Situation und Produktionsweise verbessern, kann die proklamierte Dekade der Ernährung zum Erfolg werden.

Wahrscheinlich wird diese Chance mit der Rom-Erklärung und dem Aktionsplan verpasst. Die beiden Dokumente ignorieren völlig die den Problemen zugrunde liegenden wirtschaftlichen Machtverhältnisse in den Produktions- und Handelssystemen - die Hauptgründe für Unter- und Mangelernährung. Statt bei den Ursachen anzusetzen, werden nur die Symptome bekämpft.  Die Regierungen setzen zu einseitig auf kurzfristige Maßnahmen zur Bekämpfung akuter Mangelernährung, vor allem auf Nahrungsmittelergänzungen und Nahrungsmittelanreicherung. Das lenkt von der wichtigsten Aufgabe ab: Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu stärken und die Bedingungen für Produktion und Konsum von Nahrung so zu verändern, dass alle Menschen die Wahl haben, sich gesund und vielseitig zu ernähren oder eben nicht.

Kein starkes Signal gegen die Verletzung von Frauenrechten

Frauen nehmen sowohl bei der Produktion als auch bei Vermarktung, Zubereitung und Versorgung von Nahrungsmitteln eine entscheidende Rolle ein. Die Konferenzdokumente heben zwar die Rolle von Frauen hervor, leiten aber keine konkreten Schritte zur Beseitigung von Diskriminierung ein. Soziale Unterdrückung von Frauen ist eines der größten Hemmnisse für Fortschritte im Kampf gegen den Stillen Hunger. Wenn bereits Mütter unter- oder mangelernährt sind, wird das Problem von einer Generation zur nächsten weiter gegeben. Wegen dieser engen Verbindung der Ernährung von Mutter und Kind und der lebenslänglichen Folgen von schlechter Ernährung in den ersten 1.000 Tagen, gibt es keine Verwirklichung des Rechts auf Nahrung ohne die Verwirklichung der Frauenrechte.

Ein Papiertiger, allenfalls mit Milchzähnen

Die Rom-Erklärung und der Aktionsplan greifen nicht nur inhaltlich zu kurz. Beide Dokumente sind lediglich unverbindliche Empfehlungen, denen ein Monitoringsystem mit Durchsetzungskraft fehlt. Zwar werden darin die bereits existierenden internationalen Standards zu Ernährungsfragen zusammengefasst. Die Berichtspflichten sind jedoch freiwillig und es gibt keinen Zeitplan, nach dem die Dekade der Ernährung umgesetzt werden soll. Der Einfluss der internationalen Nahrungsmittelindustrie auf die landwirtschaftliche Produktion und die Nahrungsmittelmärkte bleibt völlig unangetastet. Bisher ist nicht einmal klar, ob die freiwillige Berichterstattung auch vor dem kritischen Auge der Zivilgesellschaft versteckt werden soll. Ein solches Monitoringsystem ohne zivilgesellschaftliche Beteiligung würde dem Papiertiger allenfalls Milchzähne verleihen.

Politische Forderungen zur Bekämpfung von Mangelernährung

Mehr öffentliche Investitionen: für kleinbäuerliche Familienbetriebe, Gesundheitssysteme, Wasser und Hygiene

Die vorliegenden Abschlussdokumente enthalten keine Vereinbarungen, um die nötigen Ressourcen zur Bekämpfung von Mangelernährung zu mobilisieren. Es fehlen Beschlüsse für öffentliche Investitionen für die Nahrungsmittel produzierenden Hauptakteure wie Bäuerinnen, Viehhalter, Indigene und Kleinfischerinnen. Auch die Gesundheitssysteme sind in vielen Ländern völlig unterfinanziert, weswegen unter- und mangelernährten Menschen meist die nötige medizinische Behandlung vorenthalten bleibt. Der Zugang zu sauberem Wasser und funktionierenden Sanitäreinrichtungen muss gewährleistet sein, um Infektions-und Durchfallerkrankungen vorzubeugen. Neben dem Engagement in der technischen und finanziellen Entwicklungszusammenarbeit sollte die Bundesregierung genauso auf nationaler Ebene mehr Geld in die Hand nehmen, um gesunde und vielseitige Ernährung zu fördern. Etwa wie in Brasilien, wo mit breit angelegten Schulspeisungsprogramme und Quoten für lokale Zulieferer bereits große Erfolge erzielt wurden.

Effektive Regulierung zum Schutz gesunder Ernährung

Die Eigentums- und Wirtschaftsinteressen der Nahrungsmittelindustrie sind im internationalen Recht gut geschützt. Die 2. Internationale Konferenz zu Ernährung sollte dem eine Balance entgegen halten mit einem besseren Schutz gesunder Ernährung als öffentliches Gut. Momentan sieht es nicht danach aus, dass es Übereinkünfte dazu geben wird, den Zugang zu Land, Saatgut, Fischgründen und Wasser für die Bevölkerung auf nationaler Ebene gesetzlich besser zu schützen. Auch der Bedeutung von Biodiversität in der Landwirtschaft und der Züchtung von lokalem und traditionellem Saatgut scheint keine Rechnung getragen zu werden. Bäuerinnen und Bauern sollten die Kontrolle über ihr Saatgut behalten und gegenüber den Interessen der Industrie geschützt werden. Die Abschlussdokumente bleiben in diesen Punkten sogar hinter der Diskussion über die Post-2015-Entwicklungsziele zurück, wo beispielsweise ein Ende von Exportsubventionen für landwirtschaftliche Produkte gefordert wird. Die Bundesregierung sollte sich vor allem auf EU-Ebene, aber auch im Rahmen der UN-Dekade der Ernährung stärker für faire Handelsbeziehungen und einen Ausgleich zwischen privatwirtschaftlichen und öffentlichen Interessen einsetzen.

Monitoring System mit zivilgesellschaftlicher Beteiligung

Nach derzeitigem Stand wird es bei unverbindlichen Empfehlungen und einem Monitoringsystem, das lediglich auf freiwilliger Berichterstattung basiert, bleiben. Angedacht ist, die existierenden Normen auf UN-Ebene zusammenzuführen und so wenigstens einen Mehrwert zu schaffen. Das könnte ein bescheidener Erfolg für die 2. Internationale Konferenz zu Ernährung sein. Wenn tatsächlich das UN Standing Committee on Nutrition mit der Überwachung der Ergebnisse der Konferenz betraut wird (eine wahrscheinliche Option), muss es jedoch zumindest eine starke zivilgesellschaftliche Beteiligung zulassen, wie zum Beispiel im Committee on World Food Security. Sonst sind den Interessen der Nahrungsmittelindustrie Tür und Tor geöffnet.

 

Helfen Sie mit einer monatlichen Spende: Fördermitglied werden