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„Wer hat denn dann das Pferd gelenkt?“

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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„Der Islam wurde uns von Reiterheeren aufgezwungen, in der einen Hand das Schwert, in der anderen der Koran - so lautet ein heute in Indien von Hindu-Nationalisten gepflegter Mythos“ beginnt Prof. Rau Punijani seinen kurzen Vortrag in der Ecumenical Conversation „Religions working together for Peace and Freedom“. Er berichtet, dass alle Religionen – angefangen vom Hinduismus über den Buddhismus zum Christentum und dem Islam – sich alle ohne Gewaltanwendung in Indien verbreitet haben. Sie alle kamen mit der Botschaft der Befreiung – und wurden zu den unterschiedlichen Zeiten von jenen aufgenommen, die eine Hoffnung suchten, um der Unterdrückung durch das Kastenwesen zu entkommen. Überleitend zur heutigen Zeit macht er „das ambivalente Potential“ von Religionen deutlich. Aus einer Religion der Befreiung machen heute interessierte nationalistische Gruppen „eine Religion der Gewalt,  der Unterdrückung und der Ausgrenzung“. Prof. Punijani, selbst Hindu, appelliert an die Kirchen sehr bewusst zu unterscheiden zwischen Religion und religiös verbrämter Ideologie.

Diesen Gedanken greift Dr. Sanaa A.M. Makhlouf, Dozentin an der al-Aksa Moschee in Kairo auf. Ägypten habe eine lange Geschichte der friedlichen Koexistenz zahlreicher Religionen. Die Menschen hätten sich trotz ihrer unterschiedlichen Religionen als Kopten, Armenisch-Orthodoxe Christen, Muslime, Katholiken oder Protestanten immer als Ägypter verstanden. „In den Dörfern und Siedlungen spielte die Religion des Nachbarn keine Rolle“ betonte sie. Mit der Revolution wurden aber die Medien liberalisiert und privatisiert. Die Investoren waren religiös-fundamentalistische Kapitaleigner. „Der politische Missbrauch des Islam in Ägypten gelang auch darum so effektiv, weil sie die in den USA und in Europa verbreitete Anti-Islamische Stimmung geschickt zu nutzen wussten“.

Rev. Joseph Prabhakar Dayam verdeutlichte an seiner eigenen Biografie und der Geschichte seiner Familie, dass Menschen heute ständig „drei essentielle Identitäten“ aushandeln müssen (negotiation of essential identities): die Identität als Mitglied einer Familie oder Verwandtschaftsgruppe, als Mitglied einer nationalen Gemeinschaft und als Mitglied einer Religionsgemeinschaft. So steht Joseph in seinem Namen für seine religiöse Identität, Pabhakar ist sein indischer Name und Dayam macht deutlich, dass er zu dem Dalit Klan der Dayam gehört. Für Viele, so auch für ihn, sei dies ein schwieriger und oft mit Konflikten und Schmerzen verbundener Prozess. Er habe sich erst mit Mitte Zwanzig mit seinem „Joseph“ versöhnt und dann entschieden, Theologie zu studieren. Dieses Aushandeln der Identitäten werde heute in Zeiten großer Unsicherheit missbraucht, um radikale Haltungen zu produzieren, um auszugrenzen und Gewalt gegen Andere zu legitimieren.

Insbesondere Religionsführer müssen sich dieser Zusammenhänge bewusst sein, die Interessen, die Religionen missbrauchen wollen, durchschauen und die Einwirkungen verstehen, wenn sie eine „Religion des Friedens“ in die Welt bringen wollen. Dann können sie auch zusammen für Frieden und Freiheit eintreten.

 

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