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Der Frust der Tuareg

Von Online-Redaktion am

In Mali rebellieren die Tuareg. Das hat Gründe. Sie werden seit Jahrzehnten diskriminiert - auch in den Nachbarländern. Der Krieg könnte sich ausweiten, sagt Brot für die Welt-Friedensexperte Wolfgang Heinrich in einem Interview mit zivil.de. Es gibt aber auch Chancen, den Konflikt beizulegen. Vorbild können Entwicklungen in einem anderen Bürgerkriegsland sein.

Zivil.de: Die Islamisten sind vertrieben, Frankreich feiert den schnellen Erfolg seiner Militärintervention. Wird bald alles gut in Mali?

Wolfgang Heinrich: Der schnelle Vormarsch des französischen Militärs überrascht mich nicht. Wir wissen aus Somalia und Afghanistan: Islamistische Gruppen wenden Guerilla-Taktiken an. Sie ziehen sich zurück und schlagen bei nächster Gelegenheit wieder zu. Ich fürchte, das wird in Mali nicht anders sein. Zu stabilen und friedlichen Verhältnissen wird es wohl noch ein langer und blutiger Weg. Ich sehe die große Gefahr, dass der Konflikt auch auf die Nachbarstaaten Mauretanien oder Niger übergreifen könnte.

Warum?

Wolfgang Heinrich: Unter dem zunehmenden Druck des französischen Militärs in Mali ziehen sich die islamistischen Terroristen in die Gebirge in der Wüste zurück. Zudem ist die Wüste praktisch ein herrschaftsfreier Raum. Allein die Grenze zu Algerien ist 1300 Kilometer lang. Diesen Raum kann man nicht mit Armee oder Polizei abriegeln.

Um was genau geht’s in Mali: Ist das Kampf gegen den Terror?

Wolfgang Heinrich: In Mali überlagern sich mindestens vier Konflikte. Erstens regiert in Mali seit dem Militärputsch im März 2012 ein Regime, das weder legitimiert noch handlungsfähig ist. Zweitens ist die Gesellschaft gespalten. Im Süden leben Malier mit schwarz-afrikanischen Wurzeln etwa die Bambara, die knapp 38 Prozent der Bevölkerung Malis ausmachen. Im Norden leben berber-stämmige Tuareg und weitere Nomaden-Völker. Drittens gibt es in den Ländern der Zentralsahara eine großangelegte organisierte Kriminalität, die mit der Politik und den Sicherheitskräften eng verflochten ist. Und Viertens haben Gruppen des internationalen Terrorismus die Sahara als Operationsgebiet für sich entdeckt. Alle vier Konfliktlinien überlagern und verstärken sich gegenseitig.

Warum sind diese Konflikte jetzt zu einem Krieg eskaliert?

Wolfgang Heinrich: Auslöser war eine Rebellion der Tuareg vor einem Jahr. Dazu muss man wissen, dass die Tuareg-Bevölkerung wie andere nomadisierende Gruppen in Mali seit Jahrzehnten benachteiligt werden. Seit den 60er Jahren gab es bereits fünf Aufstände der Tuareg. Die jüngste Rebellion hat das Land in eine tiefe Krise gestürzt. In Nordmali kämpfte das Militär erfolglos gegen schwerbewaffnete Tuareg-Milizen, die nach Gaddafis Sturz aus Libyen zurückgekehrt waren. Das wiederum führte zu dem Putsch, weil die Regierung in Bamako nach Ansicht der Offiziere zu wenig dafür tat, die Tuareg-Rebellion zu beenden. Internationale Islamisten unterstützten die Tuareg anfänglich und nutzten dann die Gelegenheit, um sich im Norden Malis zu etablieren.

Inwiefern werden die Tuareg in Mali diskriminiert?

Wolfgang Heinrich: Im Gegensatz zum Süden, wo auch die Hauptstadt Bamako liegt, wurde im Norden so gut wie nichts in die Infrastruktur, Landwirtschaft oder Bildung investiert. Auch fühlen sich viele Tuareg von der politischen Teilhabe weitgehend ausgeschlossen. Ihnen wurde zwar immer wieder regionale Selbstbestimmung in Aussicht gestellt. Gesetzesänderungen wurden aber jahrelang verschleppt und dann nur so umgesetzt, dass die Tuareg untereinander ausgespielt wurden.

Zum Beispiel?

Wolfgang Heinrich: Indem einzelnen Clans mehr Selbstverwaltung als anderen zugebilligt wurde. Ihnen wurde etwa erlaubt, eigene Milizen als Polizeikräfte aufzustellen. Sozial und politisch benachteiligt werden die Tuareg auch in den Nachbarstaaten. Ihr Lebensraum erstreckt sich in der Zentralsahara über vier weitere Länder: Mauretanien, Algerien, Niger, Libyen. Über die Jahrzehnte hat sich also viel Frustration aufgestaut.

Haben Ereignisse in den Nachbarstaaten den Konflikt in Mali verstärkt?

Wolfgang Heinrich: Der Sturz Gaddafis spielt eine große Rolle. Gaddafi hatte viele Tuareg, die einen Ruf als gute Kämpfer haben, für seine Armee rekrutiert. Nach seinem Sturz kehrten Tuareg-Söldner aus Libyen nach Mali zurück und brachten moderne Waffen aus Gaddafis Beständen mit. Es war rückblickend 2011 ein fataler Fehler der Nato-Intervention in Libyen, dass man sich im Vorfeld keine Gedanken darüber machte, wie man verhindern kann, dass Gaddafis enorme Waffenvorräte geplündert und in die Nachbarländer gebracht werden. Nun zirkulieren diese Waffen in den Ländern der Zentralsahara. Wohin das führen kann, wurde mit der Tuareg-Rebellion im März 2012 schlagartig sichtbar.

Spitzt sich die Lage auch in den Nachbarländern Malis zu?

Wolfgang Heinrich: Das ist zu befürchten. Der Terror-Angriff Mitte Januar auf eine Gasanlage in der algerischen Wüste kann als erstes Anzeichen gedeutet werden. Brot für die Welt unterstützt Projekte lokaler Partner in Mauretanien und Niger. Unsere Partner berichten von einer zunehmenden Verunsicherung in diesen Ländern. Die Menschen schauen besorgt auf die Entwicklungen in Mali. Mit politischen Äußerungen wird man vorsichtig – man weiß ja nicht, ob bereits radikale Islamisten über die Grenzen gekommen sind. Viele befürchten wegen des zunehmenden militärischen Drucks in Mali, dass die Terroristen ihre Aktivitäten in angrenzende Länder verlegen.

Frankreichs Militäreinsatz hat den Konflikt eher noch verschärft?

Wolfgang Heinrich: Das schätze ich so ein. Vor allem, weil nicht gleich zu Beginn deutlich war, wie die Probleme in Mali politisch gelöst werden sollen. Militärinterventionen können im günstigsten Fall Zeit für eine politische Lösung schaffen. Aber das Zeitfenster ist nach aller Erfahrung, die man in anderen Kriegen sammeln konnte, sehr kurz. Die internationale Politik sollte sich außerdem schnell von der Vorstellung verabschieden, dass wir es mit einem auf Mali begrenzten Krieg zu tun haben. Die Probleme, die zu dem Krieg in Mali geführt haben, finden sich in ähnlicher Form in allen Nachbarländern.

Klingt trostlos. Oder sehen Sie einen Hoffnungsschimmer?

Wolfgang Heinrich: Schwierige Frage. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Somalia. Dort haben die Menschen eine unglaubliche Fähigkeit entwickelt, trotz des Bürgerkriegs ihren Lebensraum zu bewahren. Aus kleinen selbstverwalteten Dorfverbänden heraus haben sich in den letzten Jahren Regionen mit zivilgesellschaftlichen Strukturen entwickelt. Eine ähnliche Entwicklung könnte ich mir in Mali und in der Zentralsahara vorstellen: Dass weite Teile des Landes vom staatlichen Einfluss abgekoppelt sind, die Clans ihr Überleben und ihre Sicherheit selbst organisieren. Denn die Volksgruppen in Mali verfügen über einen reichen Fundus an ziviler Konfliktbearbeitung.

Ein Beispiel bitte.

Wolfgang Heinrich: In der Zentralsahara gibt es die Tradition der Scherzverwandtschaften. Diese Beziehungen zwischen Volksgruppen werden auch ritualisierte Pöbelei genannt. Aggression wird sozusagen über ein Ritual abgebaut. Die so entstandenen, oft sehr alten Beziehungen zwischen Gruppen ermöglichen es ihnen, sich in Krisenzeiten beizustehen und Konflikte auf dem Verhandlungsweg zu lösen, bevor sie in Gewaltanwendung eskalieren. Zum Beispiel, wenn es zu Konflikten um Zugang zu Wasserstellen oder Weideflächen kommt, das sind in der Wüste lebensentscheidende Fragen. Auf lokaler Ebene kann über solche traditionellen Beziehungen des gemeinsame Überleben auch dann organisiert werden, wenn das Staatswesen selbst nicht mehr funktioniert. In Somalia leben die Menschen seit nun schon über 20 Jahren ohne einen Staat.

Wäre eine Bundesrepublik Mali mit eigenständigen Bundesländern eine Perspektive?

Wolfgang Heinrich: Durchaus. Der große Streitpunkt in Mali – wie in vielen afrikanischen Staaten – war immer: Wie viel Autonomie bekommen die einzelnen Volksgruppen und wie viel Macht behält die Zentralregierung in Bamako. Auch das kann man von Somalia lernen: Dort ging die internationale Staatengemeinschaft immer davon aus, dass eine starke Zentralregierung geschaffen werden muss – alles Weitere würde sich dann regeln. Das hat in den vergangenen 20 Jahren nicht funktioniert. Was aber funktioniert, sind die selbstverwalteten Gebiete, die sich im Laufe des 20-jährigen Bürgerkriegs entwickelt haben. Die jetzige Regierung Somalias versucht nun, mit diesen Regionen so etwas wie eine Bundesrepublik Somalia aufzubauen. So ein Modell könnte ich mir auch für Mali vorstellen. Wichtig ist aber, dass nicht wieder Außenstehende die Lösungen vorgeben und entscheiden, wie der Staat aussehen soll. Entscheidend wird es sein, dass es ein von den Menschen in Mali selbst entwickelter und gewollter Staat werden muss.

Das Interview führte Timon Müller von zivil.de

 

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