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Rio+20 und die Sache mit den Autos: Warum wir die anderen für eine nachhaltige Entwicklung brauchen

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind. Die PKW-Dichte in Deutschland liegt bei über 500 je 1.000 Einwohnern, mit anderen Worten: Jeder und jede zweite in diesem Lande besitzt ein Auto, Babys eingerechnet. Global gibt es bei 7 Milliarden Menschen ungefähr eine Milliarde Autos. Tendenz steigend. Übertrüge man die deutsche PKW-Dichte auf die Welt, so wären es mit dreieinhalb Milliarden Autos ungefähr dreieinhalb Mal so viele wie heute. Die PKW-Dichte in China liegt derweil bei ungefähr 30. Aber: Während die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland im Jahre 2010 bei gut 3,5 Millionen liegt, waren es in China sagenhafte 18 Millionen, gegenüber knapp 6 Millionen im Jahre 2005. Das heißt, in einem halben Jahrzehnt hat sich die Zahl der Neuzulassungen ungefähr verdreifacht.

Unstrittig ist: Wenn alle Menschen auf der Welt so ressourcenintensiv leben wie der durchschnittliche Mitteleuropäer, so wird der Planet dies nicht lange aushalten. Unstrittig ist auch: Die Welt bewegt sich auf diesen Zustand hin.

Das Dilemma zeigt sich, wenn man Menschen aus Asien fragt, wie sie das Problem sehen. Antwort: Na ja, Ihr seid die letzten hundert Jahre gefahren, die nächsten hundert Jahre sind wir dran, und dann sehen wir mal weiter. Natürlich ist das etwas scherzhaft gemeint. Aber nur etwas, es steckt auch ein ernster Kern darin. Dessen Botschaft lautet: Wir werden uns von Euch nicht aufhalten lassen, wenn es darum geht, ein so schönes Leben zu haben, wie Ihr es habt.

Was wir vor 20 Jahren eher hinter vorgehaltener Hand fragten, wird nun Realität: Was tun wir, wenn alle Chinesen Auto fahren? Diese Frage wird zunehmend zur Überlebensfrage, denn es sind nicht nur die Chinesen, und es sind nicht nur die Autos. Die Tatsache, dass, angesichts einer endlichen Welt, wir in den reichen Ländern weit über unsere Verhältnisse leben, war, zumindest in ökologischer Hinsicht, so lange kein Problem, wie andere unter ihren Verhältnissen blieben. Heute verbraucht die Menschheit jährlich das Eineinhalbfache der Ressourcen, die der Planet pro Jahr generiert. Geht es so weiter, benötigen wir 2030 zwei Planeten, 2050 werden es drei sein.

Mit anderen Worten: Alle müssen sparen. Alle? Die Armen in Afrika und den Slums der Megastädte müssen sicher keine Ressourcen einsparen, ihr Verbrauch liegt weit unterhalb ihrem globalen pro-Kopf-Anteil. Auch nicht alle Chinesen oder Inder müssen sparen, Armut, auch Hunger, sind in den sogenannten Schwellenländern nach wie vor ein Problem.

Bleibt die Frage, wie wir die vielen Chinesen davon abhalten sollen, weiter und mehr Auto zu fahren. Verbieten kann man es ihnen nicht. Was bleibt, ist wohl nur ein Weg: Zeigen, dass es anders geht, dass der Weg zum Glück nicht über materiellen Wohlstand führt. Eine Gesellschaft, die wie die unsrige auf Wirtschaftswachstum setzt, ihre ökonomische Kraft aus dem Export, also der Eroberung fremder Märkte bezieht, ist als Vorbild für nachhaltige Lebensstile denkbar ungeeignet.

Zudem, um wieder auf die Autofrage zu rekurrieren, ist unbestreitbar, dass die Europäer und US-Amerikaner die letzten hundert Jahre gefahren sind und nicht die Chinesen. Wenn man in anderen Teilen der Welt nun von den alten Industrieländern verlangt, auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung eine Vorreiterrolle zu übernehmen, so reflektiert dies zweierlei. Zum einen sind sie, die alten Industrieländer, in der Hauptsache für den heutigen Zustand der Welt verantwortlich, zum anderen haben sie davon ökonomisch erheblich profitiert. Letzteres bedeutet: In den alten Industrieländern konzentrieren sich auch die Finanzmittel und Technologien, die für den Wandel benötigt werden.

Dieser Zusammenhang ist nicht neu. Bereits 1992 wurde beim Erdgipfel in Rio das Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung beschlossen. Damit erkennen die Industrieländer an, dass sie die Hauptverantwortung für die globalen Umweltkrisen tragen und sie auch in erster Linie über die finanziellen und technologischen Mittel für den Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung verfügen.

Rio+20 wäre eine gute Gelegenheit, dieses Prinzip zu operationalisieren, mit anderen Worten: den vielen guten Worten auch die entsprechenden Taten folgen zu lassen. Denn ohne dass die alten Industrieländer eine Vorreiterrolle übernehmen, wird der Weg zu einer global nachhaltigen Entwicklung vermutlich verschlossen bleiben.

 

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