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Hörspiele für den Frieden

Was tun gegen wieder aufflammende Gewalt in Sierra Leone? Das kleine westafrikanische Land erholt sich nur mühsam von den Folgen des brutalen Bürgerkrieges, der das Leben von fünf Millionen Einwohnern zwischen 1991 und 2002 stark erschütterte. Mit Hörspielen zum Thema Frieden geht die Partnerorganisation des Evangelischen Entwicklungsdienstes, der „Sierra Leone Verband für Erwachsenenbildung“ (SLADEA), neue Wege, um Menschen für das Thema zu begeistern.

 

Von Online-Redaktion am

Die internationale Staatengemeinschaft erteilt dem westafrikanischen Land inzwischen Bestnoten für seine Bemühungen um Frieden:„Sierra Leone ist einer der weltweit erfolgreichsten Fälle für Wiederaufbau, Friedenswahrung und Friedensaufbau nach einem Konflikt.“, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon bei seinem Besuch 2010. Doch der Frieden ist fragil. Insbesondere im Vorfeld der anstehenden Wahlen kommt es immer wieder zu teils heftigen Spannungen und Konfrontationen zwischen den politischen Lagern.

Zunahme gewalttätige Auseinandersetzungen

Die Zivilgesellschaft in Sierra Leone ist angesichts dieser Entwicklungen alarmiert, nicht zuletzt, weil zunehmend gewalttätige Auseinandersetzungen um sich greifen. „Zehn Monate vor den landesweiten und kommunalen Wahlen stehen wir vor einer Herkulesaufgabe“, sagt Shecku Mansaray, Generalsekretär von SLADEA. Grund genug sich aktiv für friedliche Wahlen zu engagieren. Aber Information und Aufklärung sind keine leichte Sache in einer Gesellschaft, in der drei von vier Menschen nicht lesen und schreiben können.

Radio, das populärste und allen zugängliche Medium

Da bietet sich der Rundfunk als Medium an, weil die Sierra Leonies begeisterte Hörer sind und das Radio in weiten Teilen des Landes die einzige Informationsquelle ist. So ist ein bisher einzigartiges Projekt entstanden. Die Entwicklung und Produktion eines Hörspiels zum Thema Frieden. Es ist erst das dritte Hörspiel, das je im Land produziert wurde. Das Besondere: nicht nur ein einziger kluger Kopf hat sich Gedanken gemacht, sondern gleich dreißig Köpfe haben sechs Tage lang fast ununterbrochen an ihrer Geschichte gearbeitet. Und ganz nebenbei viel übers Radio machen gelernt.

Kooperation der EED-Partner vor Ort

In Kooperation mit den EED-Partnern „Culture Radio“ und unter Anleitung der „Freetong Players International“, einer über die Landesgrenzen hinaus bekannten und populären Musik- und Theatergruppe, haben die Teilnehmer aus allen Teilen des Landes, gelernt wie ein Hörspiel entsteht. Entstanden sind bisher vier Episoden von „Konkoromah“, was übersetzt so viel wie Verwirrung heißt, und gleichzeitig der Titel dieser Gemeinschaftsproduktion ist. Schauplatz: Eine Dorfgemeinschaft, die ein Spiegelbild der Gesellschaft ist: Gewalt, Korruption, Mädchen, die an den Dorfältesten verschachert werden, Politiker, die nur den nächsten Wahlsieg im Kopf haben bilden die Rahmenhandlung für das Hörspiel. „Die Erfahrungen der Teilnehmer sollen die Handlung tragen und als roter Faden durchs Hörspiel führen. Nur so können wir mit Übertreibung, Humor und Witz Grundsituationen aus dem Leben der Gemeinschaft aufgreifen und darstellen“, erklärt Charlie Haffner, Gründer der Freetong Players International. „Die Hörer müssen sich mit der Geschichte identifizieren können, damit sie zum Nachdenken angeregt werden, deshalb muss sie authentisch und nicht abgehoben sein.“

Vom Dorfplatz ins Hörfunkstudio

Theater in Afrika hat neben der unterhaltenden Funktion auch eine die Gemeinschaft festigende, soziale und didaktische Funktion. Bei vielen dramatischen Inszenierungen wird die ganze Gemeinschaft in das theatralische Geschehen einbezogen. „Konkoromah“ bleibt dieser Tradition treu, nur mit den modernen Mitteln der Technik: Missstände des Alltags werden aufgezeigt, die Träger der Handlung sind klar definierte Typen, Verhalten wird sichtbar gemacht, Bedürfnisse mitgeteilt, Probleme aufgezeigt und Lösungen erarbeitet. In „Konkoromah“ dreht sich alles um das Thema Gewalt: wie sie sich Bahn bricht, wer betroffen ist, was passiert, wenn niemand Stopp sagt, welche kulturellen und strukturellen Ursachen den Boden bereiten auf dem Gewalt entsteht. Und: wie Frieden und Gerechtigkeit wachsen können.

Friedliche Wahlen, friedliches Land

Im Augenblick werben Radiostationen im ganzen Land für Konkoromah. Ein eigens von den Freetong Players International produzierter Song soll die Hörer einstimmen auf das Hörspiel. „Wählen oder nicht, wir haben die Nase voll von Konkoromah und Gewalt“, lautet die erste Zeile des Titelsongs. Am ersten März wird Konkoromah landesweit anlaufen. Nach jeder Folge haben Hörer die Chance mit den Machern des Hörspiels über die Inhalte zu diskutieren. „So kommen wir mit den Menschen ins Gespräch, haben die großartige Gelegenheit für friedliche Wahlen und ein friedliches Miteinander zu werben“, sagt Shecku Mansaray. Das Konkoromah ein voller Erfolg wird, davon ist Charlie Haffner felsenfest überzeugt: „Ich kenne uns, wenn die Menschen das hören, wollen sie es nicht nur einmal am Tag hören, sondern mehrmals.“

Macher des Hörspiels sind stolz

Sechs Tage lang von morgens bis spätabends haben die Teilnehmer gearbeitet: eigene Geschichten aufgeschrieben, dramaturgisch aufbereitet, sich mit den Ursachen von Gewalt beschäftigt und sich vertraut gemacht mit den Ergebnissender Friedensforschung. Am Ende sind alle stolz, ihren Teil zur Aufklärung und Information beigesteuert zu haben. „Ich weiß jetzt, dass ich eine Geschichte erzählen muss, wenn ich will, dass mir jemand zuhört“, sagt eine junge Frau. „Dieser Workshop hat mir die Augen fürs Radio machen geöffnet“, berichtet ein junger Mann. Ein weiterer will die Erfahrungen in sein Dorf tragen, sich mit den Theatermachern zusammenschließen und thematisch ähnliche Geschichten entwickeln. „Ich habe so viel Selbstvertrauen durch den Workshop bekommen, dass ich jetzt loslegen kann mit dem Radio machen“, sagt eine junge Frau. Einig sind sich alle: Konkoromah muss weiter gehen. „Bis zum positiven Frieden ist es noch ein langer und steiniger Weg“. Es gibt noch viel zu tun in Sierra Leone. Wenn Worte fehlen um Freude, Stolz und Selbstbewusstsein auszudrücken, wird getanzt. Und genau das haben die Teilnehmer des Radio Workshops am Ende auch gemacht. Fortsetzung folgt.

 

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