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Retrospektive Dakar 2011: Die Dynamik der Sozialforumsidee

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Vergangenen Freitag ging das Weltsozialforum in Dakar nach rund 1.000 Veranstaltungen und Teilnehmenden aus 132 Ländern zu Ende. Nach Angaben der Polizei sollen 70.000 Menschen an der Auftaktdemonstration teilgenommen haben. Das Chaos bei der Raumverteilung war beispiellos und hat für viel Verärgerung gesorgt. Trotzdem, so schreib Alexis Passadakis von Attac im heutigen Blogeintrag, führe beim WSF die Vielfalt der Akteure häufig zu unerwarteten, fruchtbaren Begegnungen und neuen Arbeitskontexten.

Das Neue genießt immer einen besonderen Zauber. Nach zehn Jahren ist dieser unzweifelhaft leicht angestaubt. Und es ist problematisch, dass das diesjährige Weltsozialforum in Dakar die Parallelität zum World Economic Forum im schweizerischen Davos aufgegeben hat und sich damit einiges an Aufmerksamkeit nimmt. Aber selbst wenn die Euphorie des Neuen nicht mehr im Mittelpunkt steht, so ist das WSF weiterhin ein unverzichtbarer Knotenpunkt, für Netzwerke sozialer Bewegungen, NGOs und kritischen Gewerkschaftlern. Zugleich ist es notwendiger Referenzpunkt für die globale Sozialforumsbewegung mit ihren geographisch sehr unterschiedlichen Konjunkturen.

Während der Prozess des Europäische Sozialforums unzweifelhaft schwächelt, gewinnt die Sozialforumsidee in anderen Regionen an Dynamik. Allein in Nordafrika und bis in den Nahen Osten gab es in den vergangenen eineinhalb Jahren die enorme Zahl von elf großen nationalen, regionalen und thematischen Sozialforen. Zum Beispiel das mesopotamische Sozialforum in Amed/Diyarbakır im September 2009. Dass diese Region in Bewegung ist – wie insbesondere Tunesien, Ägypten und Jemen in den letzten Wochen gezeigt habe – entstand nicht aus dem Nichts. Auf unterschiedlichster Ebene gab es soziale Prozesse, die begannen neue politische Wege vorzubereiten. Ein Mosaikstein in diesem Kontext sind die zahlreichen Sozialforen. Die Ausstrahlung der Sozialforumsidee mit seinem notwendigen symbolischen Zentrum des WSF und seiner Gründungscharta von Porto Allegre ist daher weiterhin gegeben.

Während des Sozialforums in Dakar  – als Reaktion auf die Revolten – sprechen nun einige von der Idee eines gemeinsamen regionalen Sozialforums des Maghreb und Nahen Ostens in den kommenden Monaten. Andere wünschen sich das WSF 2013 nach Kairo. Und bereits lange vor der Revolte liefen die Planungen für ein nationales ägyptisches Sozialforum. Dieses soll nun – so es die Umstände erlauben vom 19.-20. März in Kairo stattfinden. Für diesen 20. März  hat im übrigen die „Versammlung der sozialen Bewegungen“ zu einem globalen Aktionstag zur Unterstützung der Revolten in Ägypten und Tunesien aufgerufen.

Wie  bereits das WSF 2009 im amazonischen Belem standen in Dakar sozial-ökologische Themen im Vordergrund eines prägendes Teils der Veranstaltungen. Insbesondere der Zugriff durch Konzerne auf Ressourcen, wie Land, Süßwasser und Fischbestände. Während im Norden Umweltthemen zumeist unter technischen Vorzeichen geführt werden, sind Umweltfragen im Süden zumeist unmittelbar soziale Konflikte, bei denen es um Zugangsmöglichkeiten für das unmittelbare Überleben geht. Land-Grabbing und Sea-Grabbing waren daher zentrale Stichworte. Von vielen wurde die Erfahrung artikuliert, dass sich zur Zeit der Zugriff der Länder des Nordens und der Schwellenländern auf Ressourcen enorm beschleunigt, so dass eine neue Dimension globaler Ungleichheit hergestellt wird. Die Reaktionen auf die neue Enteignungswelle ökologischer Gemeinschaftsgüter ist lokal teils hilflos teils sehr heftig. Im Bezug auf die globale Ebene wurde bei einem Vernetzungsreffen zum Rio+20-Gipfel im kommenden Jahr in Rio gefordert, dass es dort zu verhindern gelte, dass unter dem Schlagwort der „Green Economy“  die derzeitige Umverteilung von Ressourcen legitimiert werde, anstatt diese offensiv zu kritisieren. Das WSF in Dakar wurde dafür genutzt, internationale zivilgesellschaftliche Koalitionen zu schmieden, die sich auf die Fahne geschrieben haben, genau darauf hinzuwirken.

Von Alexis Passadakis

 

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