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Kaputt wachsen – gesund schrumpfen

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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"Kaputt wachsen – gesund schrumpfen", so der Titel eines Hauptpodiums des Dresdner Kirchentages 2011. In der mit 5.000 Besucherinnen und Besuchern voll besetzten Halle gab Tilman Santarius, Referent für internationale Klima- und Energiepolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung und Vorstandsmitglied von Germanwatch, eine Einführung in die wachstumskritische Debatte. Die Vorstellung von Wirtschaftswachstum sei in der Menschheitsgeschichte lange Zeit Ausdruck eines mehrere Generationen überspannenden, nachhaltigen Projektes gewesen. Heute hingegen ginge es bei Wachstum in erster Linie um die individuelle Nutzenmaximierung und viele von uns glaubten, unser Leben könne ohne Wachstum nicht funktionieren. Doch werde zunehmend deutlich, dass das Wirtschaftswachstum an ökologische Grenzen stoße und mit globaler Gerechtigkeit unvereinbar sei. Letzterer widerspreche etwa die deutsche Exportorientierung. Jeder Arbeitsplatz, der in Deutschland am Exportüberschuss hänge, bedeute in den Zielländern der deutschen Exporte einen Arbeitsplatz weniger. Durch seinen Exportboom habe sich Deutschland seit Jahren am Ausland bereichert. Und der verbreiteten Hoffnung, Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch entkoppeln zu können, hielt Santarius die Erfahrungen der Geschichte entgegen, die mit dem Begriff „Rebound-Effekte“ verknüpft sind. So habe die Minderung des Benzinverbrauchs bei Autos insgesamt eben nicht zu Einsparungen bei Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen geführt. Dadurch, dass es mehr Autos gebe und mehr gefahren werde, werde der technische Fortschritt wieder aufgefressen, der Naturverbrauch steige unter dem Strich insgesamt eben doch.

Der Biologe Ernst-Ulrich von Weizsäcker betonte die Grenzen, die die Natur wirtschaftlichem Handeln auferlege. Er hob hervor, welche Potentiale nach wie vor in technischem Innovationen steckten und verwies darauf, die Wachstumsfrage neu zu denken. Es müsse darum gehen, durch intelligente Lösungen die Produktivität der Natur zu erhöhen. Das Ziel sei: Mehr Wohlergehen und gleichzeitig weniger Naturverbrauch. Das Problem der Rebound-Effekte müsse dadurch gelöst werden, dass die durch Effizienzlösungen erreichte Produktivitätserhöhung nicht über niedrigere Preise an den Verbraucher zurückgegeben werden dürfe, sondern über Steuern und Abgaben abgeschöpft werden müsse – wobei der Basisbedarf, etwa an Energie, niedrig zu besteuern wäre, während der darüber hinaus gehende Verbrauch einer immer höheren Besteuerung unterliegen könnte.

Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesiche Oberlausitz kritisierte ebenfalls, dass Wachstum allzu oft als eine Art Selbstzweck erscheine. "In Jesu Gleichnissen hat Wachstum immer ein Ziel: Gerechtigkeit, Frieden und das Reich Gottes. Es muss maßvoll sein und der Überwindung der Armut dienen." Der Mensch müsse im Mittelpunkt stehen. Dies gelte in besonderer Weise für die Länder des Südens, wo es darum gehen müsse, die Millenniumsentwicklungsziele zu verwirklichen. Weiter müsse es darum gehen, die sozialen Menschenrechte zu verwirklichen. Alle Menschen hätten das Recht auf ein gutes Leben, niemand habe ein Recht auf ein Leben auf Kosten anderer oder auf Kosten der Natur.

Daniela Kolbe, die Vorsitzende der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ teilt die Problemanalyse, sieht in der Schrumpfung der Wirtschaft jedoch nicht die Lösung. Es gebe viele Bereiche, in denen Wachstum notwendig und wünschenswert sei, etwa in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Erneuerbare Energien. Dies gelte nicht nur für die Industrieländer, sondern in noch höherem Maße für die Entwicklungs- und Schwellenländer. Daher könne Wirtschaftswachstum per se künftig nicht mehr als Leitstern dienen, es gehe um ein qualitatives Wachstum, um eine Wirtschaftspolitik, die auch die Schere zwischen arm und reich nicht immer weiter öffne.

Niko Paech, apl. Professor an der Universität Oldenburg, warnte davor, den Ausweg aus den Problemen allein in der Suche nach qualitativem Wachstum und Effizienzlösungen zu suchen. Klar sei, dass jedweder Fortschritt in dieser Sicht zu begrüßen sei. Klar sei aber auch, dass damit das Wachstumsdogma nicht wirklich in Frage gestellt werde. Die Situation des „peak everything“ verlange radikalere Lösungen, es müsse um ein Umsteuern gehen, nicht bloß um eine Kurkorrektur. So liege der „oil peak“, also der Tag, an dem global am meisten Öl gefördert wird, vermutlich im Jahre 2008. Wir befinden uns Paech zufolge nicht nur in einer Situation, in der das Öl zur Neige geht, vielmehr müsse man insgesamt eine Ressourcenverknappungseskalation zur Kenntnis nehmen. Dies führe zwangsläufig zu einer Verteuerung aller Ressourcen und damit zum Ende der Wohlstandsgesellschaft, wie wir sie kennen. Nun gelte es, die Gesellschaft fit zu machen für den Zeitpunkt der Wirtschaftsschrumpfung. Dabei gehe es nicht einfach um Konsumverzicht, sondern darum, sich vom Wohlstandsschrott zu befreien, es gehe um eine Entrümpelung der Konsumgesellschaft. Die Versorgung in einer Postwachstumsgesellschaft schöpft Paech zufolge aus drei Quellen: einem Rest an globaler Ökonomie, einer regionalen Ökonomie und der Selbstversorgung im Rahmen lokaler Netzwerke.

Rosa Koian von der Bismarck Ramu Group aus Papua-Neuguinea, einem der ärmsten Länder der Welt, erläutert, dass die Wirtschaft ihres Landes selbstverständlich wachsen müsse – wobei sie gleichzeitig sieht, welch zerstörerische Folgen, etwa im Bereich Rohstoffgewinnung, das Wachstumsparadigma für ihr Land hat. Eine Lösung ist nicht einfach, so Koian, es stelle sich die Frage, wie ein Land wie Papua-Neuguinea langsam wachsen könne, so dass auf der einen Seite das Konsumniveau angehoben werden könne, ohne dass dies auf der anderen Seite Umweltzerstörung und soziale Disparitäten des global herrschenden Wachstumsmodells einherginge.

Danuta Sacher, Geschäftsführerin von terre des hommes Deutschland, zufolge waren die positiven Wachstumsraten der Vergangenheit nur möglich, weil die Gesellschaft auf einem Auge blind war. Die Kosten, so Sacher, die die Menschen in Entwicklungsländern für unsere Entwicklung bezahlt haben, schlügen sich in keiner Weise in den Preisen nieder, die wir in den Supermärkten bezahlten. Mit Blick auf die Rolle der Entwicklungspolitik unterscheidet sie zwischen staatlicher und nichtstaatlicher Entwicklungspolitik – eine staatliche Entwicklungspolitik, die auf nachholende Entwicklung setze und damit ebenso dem Wachstumsdogma unterliege wie die Wirtschaftspolitik in den Industrieländern, müsse der Vergangenheit angehören. So habe sich die Privatisierungspolitik von IWF und Weltbank als schwerwiegender Fehler herausgestellt. Der Widerstand der Zivilgesellschaft gegen eine solche Politik müsse weiter wachsen.

Christoph Gran vom AK Postautistische Ökonomie hob in seinen Schlussbemerkungen hervor, es gelte zwischen Entwicklungs- und Industrieländern zu unterscheiden. Die Forderung nach einem Ende der Wachstumsgesellschaft richte sich zunächst an die reichen Länder. Entwicklungsländer seien vielfach die Opfer, etwa mit Blick auf den Rohstoffhunger des Nordens. Aber vor allem mit Blick auf das Verhältnis zu und Verständnis von Natur könne der reiche Norden vom armen Süden auch lernen.

 

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