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Eine längst überfällige Beschreibung der Küche und Milanesa

Von Ehemalige Freiwillige am
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Ehemalige Freiwillige
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Da nach meiner Rechnung bereits 9 Wochen vergangen sind, leben wir, Kornelius und ich, jetzt tatsächlich schon seit 6 Wochen auf eigenen Füßen. Die gute Nachricht ist, die Wohnung steht noch und wir haben noch nicht einmal eine erste Verwarnung, auf die unweigerlich der Rauswurf folgen würde, erhalten. Zugegeben, unsere Vermieterin traut uns nicht von meinem Zimmer bis zur Tür und besteht allen Ernstes darauf, in unsere 40 Quadratmeter-Wohnung eine Putzfrau kommen zu lassen, da uns zwei Muttersöhnchen die Sauberhaltung einer solchen nicht zugetraut wird. Dennoch verstehen wir uns nach Startschwierigkeiten ob der grundverschiedenen Lebensweisen und des beträchtlichen Altersunterschied inzwischen ganz gut mit ihr, was zum Einen Nelos diplomatischen Fähigkeiten zuzuschreiben ist, zum Anderen der Einsicht, dass auch mit uns ein Gespräch möglich ist. Sie beschwert sich zwar noch regelmäßig über den Kriegsartigen Zustand unserer Zimmer, doch hat wohl auch sie ihre Grenzen erkannt, da wir immerhin Miete zahlen und sie strenggesehen unsere Zimmer nur in Aufsicht eines Bewohners besichtigen dürfte.

Und nun ein Kapitel das ich meinem Vater huldige, da es sich um sein Hoheitsgebiet dreht, die Küche. Die Küche hat tatsächlich ein Kapitel für sich verdient, was vor allem diejenigen unter euch verstehen werden, welche jemals in den Genuss eines der Gerichte meines Vaters gekommen sind und einen ungefähren Eindruck vom Ausmaß meiner heimischen Küche haben.

Ein Viertel der hiesigen Küche wird von einer Maschine in Besitz genommen, welche nach allgemeinem Verständnis nichts in der Küche verloren hat, nämlich von einer überdimensional großen Waschmaschine aus dem frühen 20.Jahrhundert und der davon separaten Schleudermaschine. Gleich daneben befindet sich das immer von dreckigem Geschirr bewohnte Waschbecken, welches man nicht zu voll laufen lassen sollte, da sich sonst der Abfluss rächt. Auf gegenüberliegender Seite befindet sich der Kühlschrank, welcher, wenn jemals nötig, ungefähr 12 Liter Bier beinhalten kann. Waschmaschine und Kühlschrank werden durch einen Tisch verbunden, welcher überlastet ist sobald 2 Menschen gleichzeitig versuchen Gemüse zu schneiden. und nun das Prachtstück einer jeden Küche, der Herd. Moment…kann man 2 Herdplatten von einem Durchmesser von jeweils 20-24 Zentimeter tatsächlich Prachtstück nennen? Zwei Herdplatten die so schlecht isoliert sind, dass jeder Versuch sie zu säubern unweigerlich in Stromschlägen endet, zwei Herdplatten die für Spiegelei 10 Minuten Präparation benötigen. Doch die Küche hat auch positive Seiten. Weder Nelo noch ich sind bisher dafür bekannt passionierte Köche zu sein und da diese Küche in keinerlei Weise dazu einlädt Herumzuexperimentieren, bleiben wir oft bei Nudeln, wahlweise mit Sahne- und Tomatensoße. In diesen beiden Soßen haben wir in den letzten 6 Wochen Perfektion erlangt und werden wohl bald ein Buch mit verschiedensten Variationen herausbringen. Auch Schnitzel, hier Milanesas, haben wir regelmäßig, panieren sogar manchmal eigenständig. Und wo ich gerade bei Milanesas bin, würde ich euch gerne unseren zwischenzeitlichen Mitbewohner ein wenig genauer vorstellen, ein Welpe den wir in einem Moment der Schwäche bei uns aufgenommen und liebgewonnen haben, ob unseres Rhythmus aber nicht behalten können und der heute wohl seine neue Familie kennenlernen wird. Wir haben sie als Ehrung unseres zweiten Hauptnahrungsmittel Milanesa getauft. Sie ist nun seit einer Woche Teil unserer kleinen Wohngemeinschaft.

Vor einer Woche begeben wir uns wie jeden Morgen viel zu früh auf den Weg zur Arbeit, als Nelo ein fiepen hinter uns wahrnimmt. Wir drehen uns um und sehen eine Welpe die versucht von Straße auf Bürgersteig zu kommen, klitschnass und dreckig. Eigentlich nichts besonderes, die Villa ist voll von herumstromernden Hunden, kleinen und großen, jungen und alten. Das einzige Problem am heutigen Tag ist, dass wir eine nicht ganz so verdrängungswillige Mitfreiwillige dabeihaben, deren Mutterinstinkte natürlich gleich jede Art von Rationalität ausschalten und die den Hund kurzerhand auf den Arm nimmt. Als ich nach der Arbeit nach Hause komme, bin ich nicht wenig überrascht Nelo mitsamt Michaela(die naturalborn mother) und damals noch Namenloser Welpe vorzufinden. Michaelas Gastmutter scheint Hunde nicht zu dulden, weshalb wir uns jetzt mit unserer auseinandersetzten sollten(Beziehung weiter oben beschrieben) und einen Kompromiss aushandeln sollen, sodass Namenlos bis ein Abnehmer gefunden ist bei uns hausen kann. Und wiedererwarten ist Juliane ganz angetan von inzwischen Milanesa und besiegelt somit des Hundes Schicksal und schlaflose Nächte unsererseits. Doch obwohl der Hund so lernwillig ist wie die Vereinigten Staaten von Amerika haben wir ihn doch liebgewonnen und werden nun schweren Herzens wieder eine saubere Wohnung in Kauf nehmen.

Wir waren Samstag mit den Kindern aus dem Apoyo Escolar im Zoo, für viele das erste Mal Luft schnuppern außerhalb der Villa und dementsprechend aufregend und durcheinander. Am Sonntag waren Martin, Nelo und ich auf der alternativen Buchmesse in der Innenstadt. Eine kleine, überschaubare Veranstaltung mit interessanter Musik und viel links-alternativ angehauchter Literatur. Selbst Bertold Brecht haben wir auf Spanisch entdeckt, gleich neben den Tagebüchern von gewissen Herren mit Namen Ernesto Che Guevara und Jose Marti. Auch Kropotkin, Proudhon und selbst Augustin Souchy waren erhältlich, nach „Wealth of Nation“ von Adam Smith hielt der Interessierte dagegen vergeblich ausschau. Des weiteren habe ich vorgestern das erste Mal auf Spanisch gedatet;) und mich dabei relativ gut geschlagen, obwohl ich doch glaube das die blauen Augen eher Grund für ein zweites Treffen werden als tiefgründige, alles in den Schatten stellende Gespräche, ich bin Realist.

Hasta luego amigos y nunca olvidan: hasta la victoria siempre!!