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Mexiko nach „El Mencho“

Der Tod von „El Mencho“ zeigt: Militärische Schläge lösen das Problem der Gewalt in Mexiko nicht. Nur eine menschenzentrierte Politik, starke Institutionen und zivile Konfliktbearbeitung können echten Frieden schaffen. Hier leisten die Partnerorganisationen im Zivilen Friedensdienst von Brot für die Welt einen Beitrag.

Von Leon Schettler am
Nationales Jahrestreffen 2025 des Movimiento por nuestros desaparecidos en México (Bewegung für unsere Verschwundenen in Mexiko)

(c) Servicios y Asesoría para la Paz A.C.

Am 22. Februar erschütterten dramatische Bilder den Bundesstaat Jalisco: Umgestürzte Busse und Lastwagen blockierten Schnellstraßen, Reifen brannten, Rauch lag über Kreuzungen. In Puerto Vallarta fielen Flüge aus, Schulen und Geschäfte schlossen aus Vorsicht. Die Stadt Guadalajara – WM-Austragungsort 2026 – zeigte, wie schnell „Normalität“ in einen Ausnahmezustand kippen kann.

Auslöser waren Berichte, dass Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, bekannt als „El Mencho“ und mutmaßlicher Anführer des Cartel Jalisco Nueva Generación (CJNG), bei einer Militäroperation in Tapalpa getötet worden sei. Die Regierung wertete die Operation als Erfolg. Doch die unmittelbar folgenden Straßensperren und Angriffe auf Sicherheitskräfte machten auch klar: Dieses Aufflammen der Gewalt ist nicht eine einmalige Reaktion des Kartells auf den Einsatz der mexikanischen Sicherheitskräfte, sondern Teil einer langjährigen, tief verwurzelten Gewaltordnung in vielen Teilen Mexikos.

Wenn der „Erfolg“ die Angst verstärkt

Sogenannte „Narco-Blockaden“, bewaffnete Auseinandersetzungen und massive Militäreinsätze stellen keine Ausnahme dar, sondern Teil des Alltags in vielen Regionen seit dem im Jahr 2006 gestarteten „Krieg gegen die Drogen“: das organisierte Verbrechen kontrolliert Straßen, Märkte und lokale Strukturen — oft in verflochtenen Netzwerken aus kriminellen Akteuren, staatlichen Stellen und legaler sowie illegaler Wirtschaft.

Dort, wo solche Verflechtungen greifen, ist der Staat nicht nur überfordert, sondern mitverantwortlich: Korruption, unzureichende Ermittlungsarbeit, eine instabile Justiz und eine allgemeine Straflosigkeitsrate von über 90 Prozent verschärfen die Krise. Die Gewalt zeigt sich in Vertreibung, Verschwindenlassen und geschlechtsspezifischer Gewalt, die besonders ländliche, bäuerliche und indigene Gemeinschaften trifft, sowie Führungspersonen, die Umwelt- und Gemeinwohlinteressen oder Menschenrechte verteidigen.

Am drastischsten sichtbar wird die Krise im Verschwindenlassen: Im August waren über 130.000 Menschen als „verschwunden“ registriert. Angehörige und zivile Suchgruppen übernehmen vielerorts die Aufgaben des Staates – suchen, dokumentieren, Öffentlichkeit herstellen – und zahlen dafür einen hohen Preis: Seit 2011 sind mindestens 27 Suchende und Angehörige ermordet worden, darunter auch 12 „Madres Buscadoras“, Mütter, die ihre verschwundenen Kinder suchen. Zuletzt fand man am 27. Februar 2026 Rubí Patricia Gómez Tagle ermordet in ihrem Zuhause. Auch Menschenrechtsverteidigerinnen sind häufig Angriffsziel, während Ermittlungen und Strafverfolgung meist ausbleiben.

Der Mythos vom „Kopf“, den man nur abschlagen müsse

„Die Ereignisse rund um den Tod von „El Mencho“, dem mutmaßlichen Chef eines der mächtigsten Drogenkartelle Mexikos, wirken wie ein Brennglas: Sie zeigen, dass spektakuläre Schläge gegen einzelne Anführer oft nur kurzfristig als „Sicherheitserfolg“ erscheinen.“. Wenn Korruption, Straflosigkeit, ausbleibende Ermittlungsarbeit und die wirtschaftlichen Anreize des illegalen Geschäfts bestehen bleiben, schlägt ein solcher Erfolg schnell in neue Unsicherheit um. Eine Antwort, die vor allem auf Militär und Festnahmen setzt, wird Mexiko deshalb nicht aus der Gewalt führen. Denn die Erfahrung der letzten Jahre zeigt immer wieder ein ähnliches Muster: Wird eine Führungsperson ausgeschaltet, zerfallen Netzwerke nicht einfach, sondern ordnen sich neu. Rivalen kämpfen um Kontrolle, Gruppen spalten sich, neue Allianzen entstehen – und in dieser Übergangsphase nimmt die Gewalt häufig zu. So hat die Strategie, Kartellbosse nacheinander festzunehmen oder zu töten – ob beim Juárez-Kartell, dem Golf-Kartell, den Zetas, bei „El Chapo“ oder „El Mayo“ – vor allem eines gezeigt: Sie führt nicht zu einem Ende der Gewalt, sondern zu einer Umstrukturierung, die Unsicherheit und Brutalität oft noch vertieft [1].

Militarisierung schafft Kontrolle – keinen Frieden

Militärische Operationen können kurzfristig Situationen „kontrollieren“: Waffen beschlagnahmen, Führungspersonen ausschalten, Bewegungen krimineller Gruppen einschränken. Nachhaltiger Frieden entsteht jedoch erst, wenn Bürger:innen sich dauerhaft auf staatliche Institutionen verlassen können: zivile Ermittlungsarbeit, verlässliche Justiz, wirksame Schutzprogramme, lokale Konfliktbearbeitung – und soziale Perspektiven, die Rekrutierung und Abhängigkeit von Gewaltökonomien verringern. Sicherheit, die auf Abschreckung und Kontrolle reduziert bleibt, schützt keine Menschenrechtsverteidiger:innen, sie heilt kein Trauma, sie baut kein Vertrauen auf. Und selbst dort, wo Schutzmechanismen existieren, bleiben sie ohne konsequente Strafverfolgung zu oft eine dünne Haut über einer offenen Wunde.

Der Hebel liegt hier: Eine Sicherheitspolitik muss die finanziellen Verquickungen ins Blickfeld rücken, denn ökonomische Anreize und Gewinne halten das Rad am Laufen – nicht nur in Mexiko, sondern auch durch Gewinne und Geldwäsche in den globalen Finanzzentren der USA und Europas. Die Verantwortung, die daraus erwächst, geht weit über militärische und polizeiliche Beratungs- und Ausbildungsarbeit hinaus.

Zivile Friedensarbeit als Grundvoraussetzung

Was Mexiko braucht, ist eine menschenzentrierte Sicherheitspolitik: eine, die Leben schützt und Gerechtigkeit garantiert, die Straflosigkeit bekämpft, Opfer schützt, Institutionen stärkt – und die Zivilgesellschaft nicht an den Rand drängt, sondern als Trägerin von Zukunft anerkennt. Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikt, sondern der tägliche Aufbau gerechter und gleichberechtigter Beziehungen. Daher ist zivile Friedensarbeit nicht nur eine Ergänzung zur aktuellen Sicherheitsdebatte, sondern eine Grundvoraussetzung für nachhaltigen Frieden, weil sie Gewaltursachen im Alltag ernst nimmt: Angst, Straflosigkeit und fehlende Zukunftschancen.

Genau hier setzt die Arbeit des Zivilen Friedensdiensts (ZFD) und seiner Partnerorganisationen in Mexiko an und setzt der Gewalt etwas entgegen: Schutz, Begleitung und Konfliktbearbeitung im Alltag. Sie stärken bedrohte Menschenrechtsverteidiger:innen durch psychosoziale Begleitung und Sicherheitsberatung, bauen zivilgesellschaftliche Netzwerke auf, bilden Schlüsselpersonen auf Gemeindeebene in Konfliktbearbeitung aus und fördern Dialogprozesse zwischen lokalen Gemeinschaften, staatlichen Stellen und weiteren Beteiligten. Zugleich bauen sie die menschenrechtsbezogene Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit aus, damit Bedrohungen sichtbar werden, Schutzmechanismen greifen und Gewalt nicht im Verborgenen fortwirkt.

Gerade in einem Kontext, in dem Angst, Straflosigkeit und soziale Zerrüttung den Alltag prägen, zeigt der ZFD: Friedliche Mittel sind kein „nice to have“, sondern unverzichtbar, um Würde, die Wahrung der Rechte und verlässlichen Schutz für alle sicher zu stellen.

[1] Siehe dazu auch den Artikel von Wolfgang Seiss: https://www.brot-fuer-die-welt.de/blog/mexiko-weder-netflix-noch-hollywood/

 

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