Der Krieg im Sudan gilt inzwischen als die schlimmste humanitäre Krise der Welt. Seit April 2023 kämpfen die Sudanese Armed Forces (SAF) und die Rapid Support Forces (RSF) um die Macht. Laut dem neusten Bericht von IRC wurden seit April 2023 mindestens 150.000 Menschen getötet, rund 33,7 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen – fast zwei Drittel der Bevölkerung. Zehn Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, weitere vier Millionen in Nachbarstaaten.
Kein Kollateralschaden: Sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie
Die Zivilbevölkerung leidet unter massiven Menschenrechtsverletzungen, Hunger, Vertreibung und systematischer sexualisierter Gewalt. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 6,7 Millionen Frauen sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Verantwortlich sind überwiegend die RSF. Die Muster sind bekannt: Vergewaltigung, Entführung und Folter als Mittel von Krieg, Kontrolle und Einschüchterung. Diese Gewalt setzt fort, was Frauen und Mädchen in Darfur, Kordofan, am Blauen Nil und in den Nuba-Bergen seit Jahrzehnten erleben – begünstigt durch anhaltende Straflosigkeit.
Seit 25 Jahren wird damit auch der Kern der UN-Resolution 1325 unterlaufen: der Schutz von Frauen in bewaffneten Konflikten und ihre gleichberechtigte Beteiligung an Friedensprozessen. Was Frauen im Sudan widerfährt, ist kein „Kollateralschaden“, sondern gezielte Strategie. Frieden bleibt unmöglich, solange sexualisierte Kriegsgewalt nicht politisch benannt, verfolgt und verhindert wird – und solange betroffene Frauen von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen bleiben.
Am 15. Dezember 2025 sprach ich mit der sudanesischen Feministin und Menschenrechtsaktivistin Hala Al-Karib, Direktorin des SIHA-Networks, eines Partners von Brot für die Welt. Die internationale Gleichgültigkeit gegenüber den Gräueltaten bezeichnet sie als nicht nur moralisch erschütternd, sondern politisch brandgefährlich: Gewalt sei ansteckend, und wer sie dulde, gebe Tätern weltweit grünes Licht.
Krieg im Sudan mit langer Vorgeschichte
Der aktuelle Krieg im Sudan ist kein plötzlicher Zusammenbruch. Er ist das Ergebnis jahrzehntelanger Marginalisierung, regionaler Machtinteressen ohne demokratische Ambitionen und einer gescheiterten Übergangsphase nach dem Sturz des Bashir-Regimes 2019. Frauen- und Jugendbewegungen füllten damals das politische Vakuum und forderten Gerechtigkeit, Rechenschaftspflicht und Menschenrechte und ein Ende der Militarisierung des Staates.
Doch diese Agenda wurde schnell geopfert – zugunsten vermeintlicher Stabilität durch die zivile Übergangsregierung, Diese erzielte zwar einige Fortschritte wie die Abschaffung zentraler Moralgesetze, überließ dem Militär jedoch Schlüsselressorts. Zudem blieben Gewaltakteure vor allem aus den Reihen der Milizen unangetastet; Frauen und Junge Menschen waren in Sicherheits- und Friedensverhandlungen kaum vertreten. „Das war ein fataler Fehler“, so Al-Karib. Die Revolution wurde ihrer eigenen Trägerinnen beraubt.
Frauen als Rückgrat des Überlebens im Sudan
Trotz Krieg und Vertreibung halten Frauen im Sudan ihre Gemeinschaften am Leben. Viele sind in Frauenorganisationen und Netzwerken organisiert, viele in Selbsthilfegruppen, Mutual Aid Groups, die in der Praxis eine der wirkungsvollsten humanitären Reaktionsstrukturen in Krisenzeiten bilden. Sie organisieren Nahrungsmittelversorgung, betreiben Gemeinschaftsküchen, versorgen Schwangere, retten Überlebende sexualisierter Gewalt und verhandeln an Checkpoints.
Viele dieser Initiativen werden von jungen Frauen getragen – oft unter extremem Risiko. Feministische Küchen, von Frauen geführt und gesteuert, retteten hunderte Leben. Als internationale Mittel ausliefen, legten Frauen Gemüsegärten an, um die Versorgung aufrechtzuerhalten.
Dennoch bleiben diese Leistungen weitgehend unsichtbar. Humanitäre Hilfsorganisationen erkennen sie kaum an, finanzieren sie selten und weiterhin sind Frauen aus Entscheidungsprozessen in der humanitären Koordination weitgehend ausgeschlossen. Die Folge: zentrale Verantwortung ohne Macht, Schutz, Zugänge oder Anerkennung.
Gen Z und junge Frauen
Junge Menschen im Sudan wachsen heute in einem Kontext permanenter Krise auf: Krieg, wirtschaftlicher Zusammenbruch, fehlende Bildungs- und Erwerbsperspektiven, massive Repression. Viele junge Frauen wissen: Sichtbarkeit und politisches Engagement kann lebensgefährlich sein, Unsichtbarkeit aber bedeutet Machtlosigkeit. Trotz allem organisieren sie sich weiter, bauen eigene Netzwerke auf und kämpfen um politischen Raum. Ihre Forderung ist klar: nicht nur teilnehmen, sondern mitentscheiden. Ohne diese jungen Frauen gibt es keine Zukunft für den Sudan – und ohne ihre Sicherheit, Anerkennung und Finanzierung auch keinen Frieden.
Hala Al-Karibs Rat an junge Frauen: Sie dürfen sich nicht allein auf allgemeine Bewegungen verlassen, sondern müssen eigene feministische Netzwerke und Organisationsräume aufbauen, um Machtverhältnisse zu verstehen, sich gegenseitig zu schützen und dauerhaft Einfluss zu sichern.
Frieden im Sudan neu denken – internationale Verantwortung
25 Jahre nach Resolution 1325 zeigt der Sudan, wie hohl viele Bekenntnisse geblieben sind. Frauen werden rhetorisch einbezogen, real aber an den Rand gedrängt. Ein feministischer Frieden kann kein politischer Deal zwischen bewaffneten Tätern sein. Er muss auf Rechenschaft, umfassender Gerechtigkeit und ziviler Handlungsfähigkeit beruhen – und sexualisierte Gewalt, Hunger und alltägliche Unsicherheit als zentrale Friedensfragen begreifen.
Was im Sudan geschieht, ist kein regionales Randthema, sondern ein Prüfstein internationaler Glaubwürdigkeit. „Feministische Bewegungen sind ein globales Ökosystem. Wer glaubt, dass der Abbau von Frauenrechten in Afrika keine Folgen für Europa habe, täuscht sich. Autoritarismus, Gewalt und patriarchale Machtlogiken breiten sich grenzüberschreitend aus – ebenso wie Widerstand“, so Al-Karib.
Wer außenpolitisch erfolgreich und nachhaltig handeln will, muss die Waffenlieferungen und politische Rückendeckung für Täter beenden, humanitäre Hilfe massiv aufstocken und sudanesische Frauenorganisationen direkt finanzieren und schützen. Solidarität bedeutet mehr als Mitgefühl. Sie erfordert die Bereitschaft, Macht, Ressourcen und Sichtbarkeit zu teilen. Hoffnung, sagt Al-Karib, sei keine Naivität – sondern eine Entscheidung.


