Kambodscha lebt mit einer Vergangenheit, die nicht vergeht. Vom 17. April 1975 bis zum 6. Januar 1979 herrschten die Roten Khmer; etwa ein Drittel der Bevölkerung fiel dem Terror zum Opfer. Die große Mehrheit der Überlebenden waren Frauen. Sie bestellten danach die Felder, hielten Familien zusammen, bauten Verwaltungen auf – und blieben doch in den Friedensverhandlungen der 1990er Jahre außen vor.
Die Gewalt verschwand nicht mit dem Regime, sie wechselte die Gestalt. Sexualisierte Gewalt während der Diktatur wurde jahrzehntelang beschwiegen. Erst die Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC) gaben Überlebenden Raum, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Wahrheit wurde möglich, Anerkennung tastbar. Aber die Gegenwart bleibt widersprüchlich: Häusliche Gewalt ist verbreitet, gut dokumentiert wurde dies insbesondere während der Pandemie. Knapp 20% der geschlossenen Ehen sind Kinderehen, in ländlichen Gegenden, bei indigenen und ethnischen Minderheiten liegt die Zahl deutlich höher; sie verlängern Armut und erhöhen das Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt.
Kaum politische Teilhabe für Frauen
Auch politische Teilhabe bleibt sehr begrenzt in Kambodscha. Frauen stellen (auch aufgrund der Nachwehen der Khmer Rouge Verbrechen) mehr als die Hälfte der Bevölkerung, aber nur zwei Ministerinnen und 13,6 Prozent der Abgeordneten in der Nationalversammlung, auf unteren Ebenen ist der Anteil im einstelligen Bereich. Wer führt, entscheidet mit – wer nicht führt, wird entschieden.
Hinzu kommen neue Sicherheitsbedrohungen durch transnationale Kriminalität und Menschenhandel. Insbesondere Frauen werden in Gefängnis-ähnlichen „Scam Centers“ unter Androhung von Gewalt, sexueller Ausbeutung und Folter gezwungen, Online-Betrug durchzuführen. Ihnen werden dort ihre Pässe abgenommen. Wo das Verbrechen auffliegt oder sie fliehen können, sind sie ohne Papiere und Mittel auf der Straße. Erst im Januar hat ein Fall in Kambodscha Aufsehen erregt, als ein solches Zentrum entdeckt wurde und zehntausende – vor allem Frauen – ohne Perspektive und Papiere auf der Straße landeten. Allein in Kambodscha gehen die Behörden von 12.5 Billionen US Dollar Umsatz aus (ein Volumen welches rund 25% des BIP in Kambodscha entspricht). Die Sicherheitsbedrohungen für Frauen nehmen hier zu. Und doch ist etwas in Bewegung in Kambodscha.
Aufarbeitung als Friedenspolitik
Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen hat Räume geöffnet – für individuelle Heilung und für eine politische Neubestimmung. Seit den frühen 1990er Jahren und insbesondere der Weltfrauenkonferenz in Peking haben zivilgesellschaftliche Organisationen, viele unter weiblicher Führung, beharrlich Lobbyarbeit geleistet.
Schon länger zählt Kambodscha zu den führenden Truppenstellern für UN-Friedensmissionen und rangiert unter den ASEAN-Staaten an erster Stelle im Hinblick auf seinen Frauenanteil. Auch in Minenräumungsteams wächst die Beteiligung von Frauen.
2024 verpflichtete sich die Regierung mit ihrem Nationalen Strategieplan zur Gleichstellung 2024–2028 zur Erarbeitung des ersten Nationalen Aktionsplans zu „Women, Peace and Security“ (WPS). Das ist mehr als Verwaltungssprache. Es ist die Anerkennung, dass Gewaltprävention Friedenspolitik ist – und dass strukturelle Ungleichheit ein Sicherheitsrisiko darstellt. Ein solcher Aktionsplan kann die Rolle von Frauen in der Friedenskonsolidierung institutionell verankern und Kambodschas Antwort auf neue Bedrohungen stärken – eine echte Chance!
Der Aufbau einer sozialen Sicherheitsarchitektur im ZFD
Hier setzt der Zivile Friedensdienst (ZFD) von Brot für die Welt an: mit einem Netzwerkansatz, der kleine und große Organisationen verbindet und übergreifende Allianzen fördert. Women, Peace and Security – das ist eine passende Überschrift für den ZFD von Brot für die Welt in Kambodscha, schon im Hier und Jetzt.
- Ein unabhängiges Medienzentrum stärkt Journalistinnen darin, geschlechtsspezifische Gewalt sichtbar zu machen, faktenbasiert zu recherchieren und Betroffene zu Wort kommen zu lassen – auch dort, wo öffentliche Debatten heikel sind.
- Andere helfen beim Aufbau von Strukturen auf Gemeinde-Ebene, in denen Frauen nicht selten die Führung übernehmen. So helfen sie etwa beim Aufbau und Management von „saving groups“, d.h. informellen Gemeinschaftsgruppen, in denen Mitglieder regelmäßig kleine Geldbeträge einzahlen, die dann als Kredite an Mitglieder vergeben oder am Ende eines Zyklus aufgeteilt werden. Frauen in ländlichen Regionen sind besonders häufig strukturell vom formalen Finanzsystem ausgeschlossen, da soziale Normen im Weg stehen, ihre Mobilität eingeschränkt ist, Bankfilialen weit entfernt sind und sie selten Landtitel als Sicherheit vorweisen können. Saving Groups umgehen all das. Sie finden im Dorf statt, werden von Frauen selbst verwaltet und erfordern kein Eigenkapital als Einstieg. Frauen erlernen hier autonom zu wirtschaften, Buch zu führen, Konflikte zu lösen. Dies stärkt entsprechend ihre Verhandlungsmacht in der Gemeinde wie zu Hause.
- Eine Partnerorganisation nutzt Forum-Theater um insbesondere Frauen und Mädchen in marginalisierten Regionen zu stärken: Dorfbewohner:innen spielen Konflikte nach und thematisieren so Gefahren welche von Online-Scam Zentren ausgehen, häusliche Gewalt, Gender-Normen, Landkonflikte, aber auch Diskriminierung gegen LGBTQI*-Menschen. Das Publikum greift ein, verändert Szenen, erprobt Alternativen. Aus Zuschauenden werden Handelnde. Bei der Auswertung nach einem Stück sagt eine queere Person: „Durch das Forum-Theater konnte ich meine eigene Realität auf die Bühne bringen. Seitdem werde ich besser verstanden, von meinen Eltern und von der Gemeinde. Die tägliche Schikanierung hatte ein Ende“.
- Auch Männergruppen entstehen immer mehr im Land, in denen Männer sich kritisch mit ihrer Prägung, sozialen Normen und den Ursachen für „Gender-Based Violence“ auseinandersetzen.
Dieses lokale Engagement wird von den Organisationen oder über Dachverbände wiederum mit effektiver Lobbyarbeit auf nationaler Ebene verbunden, um etwa ein geplantes Gesetz zu häuslicher Gewalt so zu beeinflussen, dass Frauen auch effektiv geschützt werden.
Gemeinsam ist all diesen Ansätzen im ZFD: Sie überbrücken die Kluft zwischen politischem Anspruch und lokaler Realität. Und sie stellen Frauen in Zentrum.
Zivilgesellschaft unter Druck und im Umbruch
Kambodscha steht an einer Wegscheide. Die Narben der Geschichte sind sichtbar, die Risiken der Gegenwart real. Die zivilgesellschaftliche Landschaft ist im Umbruch.
Kambodschanische NGOs sind seit Beginn der 1990er in hohem Maße abhängig von der Unterstützung aus dem Ausland. Die abrupte Aussetzung der USAID-Finanzierung im Februar 2025 sowie die Kürzungen anderer OECD-DAC-Staaten – darunter Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden und die Niederlande – bedeutet eine existentiell bedrohliche Zäsur für viele Organisationen. Hinzu kommt, dass Kambodscha aller Voraussicht in den nächsten 2 – 4 Jahren aus der Gruppe der „Least Developed Countries“ in jene der „Middle Income Countries“ aufsteigt – ein Beleg für das kontinuierlich hohe Wirtschaftswachstum der vergangenen 30 Jahre, aber eben auch ein Schritt welcher in aller Regel mit erheblichen Einschnitten in der Entwicklungsfinanzierung einhergeht.
Aktuell scheint die Regierung nicht willens, die Arbeit der NGOs auch nur annähernd vergleichbar zu finanzieren, ein harter „Cut“ ist das wahrscheinlichste Szenario.
Im Gegenteil, der letzte UN-Bericht zur Menschenrechtslage 2025 verweist auf restriktive Gesetze, Zensur und willkürliche Verhaftungen gegen Menschenrechtsverteidiger:innenund unabhängige Medien. Wer sich einmischt, lebt gefährlich, der CIVICUS Monitor 2025 bewertet den zivilgesellschaftlichen Handlungsspielraum in Kambodscha mit 27 von 100 Punkten als „unterdrückt“.
Kambodscha am Scheideweg für Frauenrechte
So tut sich einerseits ein Möglichkeits-Fenster zur Förderung von Frauenrechten, Frieden und Sicherheit auf. Insbesondere der geplante Aktionsplan zu Women, Peace and Security inklusive Bekenntnis zur wichtigen Rolle der Zivilgesellschaft lässt hoffen.
Andererseits gibt es ein hohes Maß an Unsicherheit aufgrund neuer Bedrohungen, weniger Förderung und Repression. In dieser Zeit sind belastbare Netzwerke, Kooperation und Solidarität gefragt und genau hier leistet der ZFD in Kambodscha seinen zentralen Beitrag. Hoffnung spenden jedoch insbesondere die starken Organisationen im Netzwerk, die überwiegend seit langem von starken Frauen geführt werden und mit Verve, Kompetenz, Fingerspitzengefühl und Beharrlichkeit alles dafür tun, die Frauen und Mädchen in Kambodscha nicht im Stich zu lassen. Sie verdienen verlässliche Partner an ihrer Seite – gerade in diesem Umbruch, gerade jetzt.


