Herr Tanzmann, was entgegnen Sie Menschen, die sagen, Hunger hätte es immer schon gegeben?
Wir befinden uns akut in multiplen Ernährungskrisen. Wie viel man davon merkt, hängt immer davon ab, wo man lebt. Weltweit hungern 670 Millionen Menschen. Auch in Deutschland sind rund 3,5 Millionen Menschen von Ernährungsarmut betroffen. Menschen, die sagen, Hunger hätte es immer schon gegeben, würde ich antworten, dass damit unsere Verantwortung nur noch größer wird.
Ist Hunger ein Skandal für den Globalen Norden?
Letzten Endes ist er ein Skandal für alle. Natürlich hat der Globale Norden noch einmal eine andere Weltverantwortung. Beschämend ist außerdem, dass es nicht einmal in einem Wohlstandsland wie Deutschland gelingt, das Recht auf Nahrung zu verwirklichen. Der Tatsache, dass gerade Kinder und alte Menschen auch hier von Ernährungsarmut betroffen sind, kann man nicht teilnahmslos gegenüberstehen – auch aus einer christlichen Verantwortung heraus nicht.
Welche politischen und wirtschaftlichen Ursachen stehen hinter dem heutigen Hunger?
Von der Politik wird Hunger oft auf ein Produktionsproblem reduziert, was es de facto schon lange nicht mehr ist. Viele Staaten kommen ihrer Pflicht auf angemessene Ernährung nicht nach – und verletzen damit bestehendes Menschenrecht. Es bestünde schon lange die Möglichkeit, alle Menschen zu ernähren. Es ist und bleibt eine Verteilungsfrage. Und weil die Politik so wenig handelt, bewegt sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.
Warum handelt die Politik nicht?
Ich glaube, dass die Politik oft ihren Fokus verloren hat. Vor allem im Globalen Norden stehen nicht Menschenrechte im Mittelpunkt, sondern Wirtschaftsinteressen. Entscheidungen müssen der Wirtschaft nutzen? Nein! Sie müssen den Menschen nutzen. Politiker*innen müssen die Menschenrechte in den Vordergrund stellen.
Als Grundlage für Umwelt- und Klimaschutz, faire Lebensmittelpreise und Nahrungssicherheit weltweit setzt Brot für die Welt auf Agrarökologie als Gegenmodell zur industriellen Landwirtschaft. Wieso?
Agrarökologie bedeutet, mit der Natur und mit den eigenen Möglichkeiten zu arbeiten. In dieser Welt voller Krisen und Kriege wird das immer wichtiger. Agrarökologische Landwirt*innen bleiben unabhängig und souverän und sind nicht auf Hilfe von außen angewiesen. Zum Beispiel müssen Saatgut, Dünger und Pestizide nicht auf dem Weltmarkt eingekauft werden, sondern können selbst produziert werden.
Dieses Jahr ist das Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft. Warum sind auch Frauen und weiblich gelesene Menschen so zentral für diese Unabhängigkeit?
Weil sie den größten Teil der Produktion ausmachen. Eigenes Land, auf dem sie selbst entscheiden können, haben sie aber nicht. Auch in Deutschland sind nur elf Prozent der Betriebe in weiblichem Besitz. Das ist viel zu wenig. Frauen sind diejenigen, die in den Betrieben am meisten arbeiten. Deswegen sollte es selbstverständlich sein, dass sie im Fokus politischer Maßnahmen stehen. Das tun sie aber nicht. Unsere Aufgabe als Brot für die Welt ist es, auf gendergerechte Landwirtschaft hinzuweisen. Und darüber hinaus auch auf nonbinäre Menschen in der Landwirtschaft. Für die Demonstration war es uns ein großes Anliegen, dass erstmals keine Männer auf der Bühne sprechen.
Das kam gut an. Warum ist Gender aber gerade in Bezug auf Landwirtschaft ein Thema, auf das sich rechte Parteien besonders stark stürzen?
Weil sie denken, hier mit alten Stereotypen spielen zu können. Was überhaupt nicht zukunftsfähig ist – und was darüber hinaus die Realitäten im ländlichen Raum nicht widerspiegelt. Wer gegen gendergerechte Landwirtschaft argumentiert, vergisst, dass ohne sie viele Frauen und weiblich gelesene Menschen aus dem ländlichen Raum abwandern. Deshalb ist Gendergerechtigkeit ein Thema, das eine größere Rolle spielen muss – gerade auch im ländlichen Raum.
Welche zentralen Forderungen stehen dieses Jahr noch im Mittelpunkt?
Eine zentrale Forderung ist, dass es Solidarität und Zusammenhalt braucht. Und dafür auch insbesondere eine starke Finanzierung für die Entwicklungszusammenarbeit. Darüber hinaus wollen wir Wertschätzung für Bäuerinnen und Bauern und deren Arbeit. Und wir müssen die Tatsache beleuchten, dass viele ihre Höfe aufgeben, weil sie von dieser Arbeit nicht mehr leben können. Wir wollen einen Wandel auf Produktionsebene, um auf die ökologische und klimatische Krise zu reagieren, in der die Welt sich befindet. Und unsere Schwesterorganisation, die Diakonie Deutschland, versucht, die von Ernährungsarmut betroffenen Menschen auch hier zu organisieren.
Welche konkreten Erwartungen hat Brot für die Welt an die Agrarminister*innenkonferenz?
Die wichtigste Erwartung ist, dass sich die Bundesregierung sowohl für das Recht auf Nahrung als auch für das Recht auf Wasser einsetzt. Und dass die von der Verletzung dieser Rechte betroffenen Gruppen an politischen Entscheidungen teilhaben können. Bei der Weltwasserkonferenz gibt es dafür aktuell keine Strukturen. Und dass das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) mit Via Campesina eine der größten bäuerlichen Bewegungen in diesem Jahr nicht mehr eingeladen hat, ist ein Problem. In der letzten Legislaturperiode konnten wir das endlich erkämpfen. Nun dreht das Landwirtschaftsministerium die Uhren wieder zurück.
Was erwarten Sie nun trotzdem von der Politik?
Dass sie Betroffenen eine Teilhabe ermöglicht. Neben den oben genannten Gruppen unbedingt auch Schüler*innen. Ein erster Schritt wäre, das Schulessen wieder an die regionalen Gegebenheiten anzupassen. Mahlzeiten sollten größtenteils aus der Region bezogen und an der Schule selbst verarbeitet werden, um wieder eine direkte Verbindung herzustellen. So ist es unter anderem in Brasilien.
Apropos Brasilien: Wie bewerten Sie den Abschluss des Mercosur-Abkommens?
Das Abkommen hält an dem fest, was zu den Problemen geführt hat, die wir heute haben: dass Bäuerinnen und Bauern zu wenig Geld verdienen, dass viele Menschen sich Lebensmittel nicht mehr leisten können und nur kleine Eliten in Nord und Süd profitieren. Gerade in einer Zeit, in der die USA sehr auf das Recht des Stärkeren setzen, halte ich es für wichtig, sich viel stärker mit der Handelsfrage zu beschäftigen. Wir müssen Verantwortung übernehmen – für Menschen hier und weltweit.


