Blog

Schnellerer Ausstieg aus fossilen Energien nötig

Um die Klimakatastrophe noch abzuwenden, braucht es große zusätzliche Anstrengungen beim Umstieg auf Erneuerbare Energien, lautet die Botschaft des jüngsten Berichts des Weltklimarates (IPCC). Denn jedes weitere Jahr mit nur halbherzigen Maßnahmen lässt die Kosten für den Umbau der Energieversorgung, die Dekarbonisierung der Wirtschaft und eine Transformation aller weiteren Bereiche steigen.

Von Jaime Fernández Medina am
Bild von Jaime Fernández Medina
Jaime Fernández MedinaReferent Energiepolitik
Telefon: +49 30 65211 -1505jaime.fernandez@brot-fuer-die-welt.de
mehr zur Person

Photovoltaikplatten

Photovoltaikmodule auf dem Dach eines Krankenhauses in Chitulipasi, Simbabwe

Wenn wir das Ende von Kohle, Öl und Gas hinauszögern, riskieren wir umso größere Verwerfungen. Der beispiellose Umbau, der auf uns zukommt, wird nicht nur teuer, er wird uns auch zu schmerzhaften Kompromissen zwingen. Aber die ökonomischen, humanitären und ökologischen Kosten eines zögerlichen ‚Weiter so‘, so der IPCC, wären ungleich höher. Denn der Klimawandel kennt keine Pause und geht mit völlig unkalkulierbaren Risiken einher, wenn er nicht sehr schnell eingedämmt wird.

Um 1.2°C haben wir die Atmosphäre bereits aufgewärmt, wobei der Großteil der Erwärmung auf die vergangenen 40 Jahre entfällt. Die damit einhergehenden Schäden und Verluste sind bereits massiv. Jenseits der 1.5°C-Grenze wächst das Risiko unkontrollierbarer Kettenreaktionen exponentiell. Gerade einmal 0.3°C trennen uns von dieser Scheidelinie. Bei einer Fortzetzung der aktuellen Emissionstrends ist der Puffer, der uns bleibt, in zirka acht Jahren aufgebraucht, so die alarmierende Prognose des IPCC.

‚Just Transition‘ - Transformation braucht Gerechtigkeit und Gleichheit 

Klimaschutz bedeutet Veränderung. Damit einher gehen neben Kosten und Lasten auch große Chancen. Mittel- und langfristig, so der IPCC, überwögen die Vorteile von ambitioniertem Klimaschutz überall auf der Welt.

Aber das ist kein Selbstläufer. Es gibt kein wissenschaftlich seriöses Szenario, welches aufzeigt, wie die Ziele nachhaltiger Entwicklung global erreicht werden könnten, ohne auf emissionsarme Entwicklungspfade umzuschwenken. Weil diese aber erhebliche zusätzliche Investitionen erfordern, die dann anderenorts fehlen, und weil teilweise auch soziale Härten unvermeidbar sind, etwa dann, wenn fossile Energieträger verteuert werden, aber noch nicht sofort durch günstige klimafreundliche Alternativen ersetzt werden können, wird es nahezu unweigerlich zu einer Zunahme von Interessenskonflikten kommen, so der IPCC. Ganz besonders werden sich Konflikte mit denjenigen Unternehmen, Branchen und Regionen zuspitzen, deren Geschäftsmodelle durch eine schnelle Dekarbonisierung gefährdet sind. Deshalb müsse der rasche Ausstieg aus fossilen Energien politisch so gestaltet werden, dass er bei allen unvermeidlichen Härten gesamtgesellschaftlich als gerecht erachtet wird. Soziale Ungleichheit darf durch Klimaschutz nicht vertieft, sondern muss vermindert werden.

Nie zuvor hat der IPCC so deutlich betont, dass Gleichheit und Gerechtigkeit nicht nur wünschenswerte Ziele, sondern Voraussetzungen für das Erreichen der Klimaziele sind. Dafür braucht es eine ‚Just Transition‘. Damit einher geht die Forderung nach einer massiven Aufstockung der finanziellen Unterstützung für eine tiefgreifende Dekarbonisierung.

Klimaschutz schafft globale Wohlfahrtsgewinne

Vermeidungskosten einer Klimakatastrophe liegen weit unter deren Folgekosten. Ambitionierter Klimaschutz schafft Wohlfahrtsgewinne. Besonders profitieren würden arme Länder und Haushalte, so der IPCC. Die Kosten der Dekarbonisierung werden für die nächsten Jahrzehnte auf unter zwei Prozent des Bruttosozialproduktes in Industrie- und unter drei Prozent in Entwicklungsländern beziffert. Bislang wird aber nur ein Fünftel der benötigten Investitionen getätigt. Für arme, klimavulnerable, hoch verschuldete Entwicklungsländer kann diese Finanzierungslücke nur über hohe Nord-Süd-Transfers geschlossen werden, so der IPCC weiter.

Die Zukunft gehört den Erneuerbaren Energien

Den Erneuerbaren Energien gehört die Zukunft, weil sie nicht nur saubere, sondern auch günstige und dezentral leicht verfügbare Energie produzieren. Innerhalb von zehn Jahren sinken die Investitionskosten von Photovoltaik um 80 Prozent, die von Batteriespeichern um zwei Drittel. Vor allem im Globalen Süden sind fossile Energieträger bei der Stromerzeugung immer weniger konkurrenzfähig, insbesondere, wenn deren Subventionierung wegfällt. Fossilen Kraftwerken drohen Abschreibungsverluste von mehreren Billionen US-Dollar, so der IPCC. Aber auch wenn die Windkraft von 2015 bis 2018 um 75 Prozent und die Photovoltaik um 225 Prozent gewachsen sein werden, läuft der Zuwachs noch immer deutlich zu langsam, um das 1.5° C-Ziel zu erreichen.

Wald-, Agrar- und Ernährungswende sind unverzichtbar für den Klimaschutz

Alle Klimamodelle zeigen: Die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1.5°C setzt den Schutz der Wälder und Moore sowie großflächige Aufforstungen, eine ökologischere Landwirtschaft, niedrigere Viehbestände und eine nachhaltigere Ernährung mit weniger tierischem Eiweiß voraus. Nahrungsmittelpreise werden umso mehr steigen und Landnutzungskonkurrenzen zunehmen, je später ambitionierter Klimaschutz beginnt. Auch die energetische Nutzung von Bioenergie verbunden mit der Abscheidung und Einlagerung von CO2 wird für die Erzeugung negativer Emissionen zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2°C nach allen Modellen umso stärker eingesetzt werden müssen, je später wir aus den fossilen Energien aussteigen.

Insgesamt lässt der IPCC-Bericht nur einen Schluss zu: Es bedarf eines großen Kraftaktes, die Klimakatastrophe abzuwenden. Jeder Tag zählt. Der Ausstieg aus den fossilen Energien muss überall dramatisch beschleunigt werden. Dafür braucht der Globale Süden viel mehr Unterstützung. Jetzt!

 

Dieser Beitrag wurde in Kooperation mit Thomas Hirsch (Climate Development Advice) verfasst.