Interview

10 Jahre Syrien-Konflikt: "Vertrauen neu aufbauen"

Was vor zehn Jahren als friedlicher Protest begann, führte zu einem langjährigen Krieg mit fast 500.000 Toten und der Flucht und Vertreibung von mehr als 12 Millionen Syrerinnen und Syrern. Interview mit Markus Koth, Syrienkoordinator bei Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe.

Von Thomas Beckmann am
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Markus Koth, Syrienkoordinator bei Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe

Markus Koth, Syrienkoordinator; Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt

Wie ist die aktuelle Situation und kann schon Entwicklungsarbeit geleistet werden?

Markus Koth: Der Konflikt dauert nun schon seit zehn Jahren an und eine politische Lösung scheint noch immer schwer möglich zu sein. In Teilen Syriens wird weiterhin gekämpft und auch die Lage der Menschenrechte im Land ist laut der UN kritisch. Elf Millionen Menschen sind zudem von humanitärer Hilfe abhängig. Doch die Menschen brauchen nicht nur Soforthilfe. Nach Jahren der Gewalt ist auch eine längerfristige Perspektive extrem wichtig und die versuchen wir als Brot für die Welt zu schaffen.

Was sind Deiner Meinung nach neben der allgemeinen Versorgung der Menschen die größten Probleme vor Ort?

Markus Koth: Die Intensität und Dauer des Konflikts haben das Land deutlich sichtbar schwer gezeichnet: Ganze Landstriche wurden entvölkert, Städte wurden durch intensive Bombardements zerstört und Stadtteile abgerissen, um nach dem Willen des Regimes demographische Veränderungen durchzuführen. Zehn Jahre Krieg, Gewalt, Flucht und Angst haben aber auch tiefe unsichtbare Spuren innerhalb der Gesellschaft und in den Köpfen und Seelen der Menschen hinterlassen. Gegenseitiges Vertrauen ist zerstört, vor allem auch über kulturelle, religiöse und politische Grenzen hinweg. Eine ganze Generation von Kindern, die im Krieg geboren wurden bzw. aufwuchsen, droht verloren zu gehen. Diese Kinder sind zum Teil nie zur Schule gegangen und mit Feind- statt Vorbildern aufgewachsen. Vertrauen neu aufzubauen, Feindbilder abzubauen und den Kindern und Jugendlichen Zugang zu Bildung zu ermöglichen und ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie sich sicher fühlen und entwickeln können, ist ein Ziel der Arbeit von Brot für die Welt und dem Programm Kirchen helfen Kirchen, das wir im Auftrag deutscher Kirchen umsetzen, sowie unserer lokalen Partner. Dabei werden Projekte sowohl in Syrien, als auch in dessen Nachbarstaaten gefördert. Durch ein Stipendienprogramm wird zahlreichen jungen Syrer:innen zudem ermöglicht, sowohl in Syrien selbst als auchim Ausland zu studieren - eine Investition in talentierte junge Menschen und die Zukunft des Landes, in dem dieses Wissen zu Frieden und Entwicklung beitragen soll.

Mit welchen Partnern arbeitet Brot für die Welt zusammen?

Markus Koth: Neben lokalen NGOs arbeiten wir vor Ort natürlich auch mit Kirchen zusammen. Diese haben nicht nur im Bildungsbereich traditionell wertvolle Erfahrungen. Kirchliche Partner sind auch im Bereich der psychosozialen Unterstützung – einem weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit – sehr wichtig. Es geht darum, die Menschen darin zu unterstützen, ihre schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und Traumata zu überwinden. Hierbei spielen Geistliche eine große Rolle, die den Mitgliedern ihrer Gemeinden seelsorgerisch ohenhin eng zur Seite stehen. Diese sollen als Multiplikatoren Wissen über psychosoziale Aktivitäten weitergeben und so zu einer Verbesserung der Situation der Menschen, über ihre normalen Tätigkeiten hinaus, beitragen.

Was wäre eine mögliche Lösung des Konflikts und welche Rolle können EU und Bundesregierung dabei spielen?

Markus Koth: Zwar gibt es politische Lösungsansätze für eine friedliche Beilegung des Konflikts, doch scheint dem Regime unter Präsident Assad und seinen militärischen Unterstützern Iran und Russland der Wille zu fehlen, sich an einer solchen Lösung ernsthaft zu beteiligen. Hierfür wäre auch ein intensiveres Engagement seitens der USA notwendig. Dies ist jedoch nicht absehbar, da die US-Außenpolitik aktuell andere Schwerpunkte setzt. Deutschland und die EU sollten jedoch dringend versuchen, die USA zu überzeugen, sich stärker einzubringen, um dadurch die oben genannten Parteien zu einem Einlenken zu bewegen. Gleichzeitig muss die EU endlich mit einheitlicher Stimme sprechen, um mehr Gewicht in Verhandlungen mit dem Regime zu erlangen. Anreize für eine Veränderung der Politik der syrischen Regierung könnten etwa die im Land geleistete humanitäre Hilfe oder das in Aussichtstellen einer möglichen Lockerung erhobener Sanktionen sein. Nachhaltigen Frieden wird es aber nur dann geben, wenn begangene Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufgeklärt und verurteilt werden. Wenn Verbrechen dokumentiert werden und Straftäter - auch von deutschen Gerichten – verurteilt werden, ist das ein wichtiger Schritt, der weiterverfolgt werden sollte. Für eine internationale Aufklärung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit muss sich die Bundesregierung weiterhin einsetzen.

Was kann Brot für die Welt zu einer friedlichen Lösung beitragen?

Markus Koth: Brot für die Welt möchte zur friedlichen Beilegung des Konflikts und zum Abbau von Feindbildern auf lokaler Ebene beitragen, indem Initiativen der Zivilgesellschaft gefördert werden, die auf Dialog und sozialen Zusammenhalt ausgerichtet sind. Hierbei setzen wir darauf, kleine Projekte gemeinsam mit ehemals verfeindeten Gruppen umzusetzen. Über Kooperation und Dialog sollen bestehenden Ressentiments abgebaut- und Vertrauen und gegenseitiges Verständnis aufgebaut werden.