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Fischfang im Viktoriasee: Darwins Alptraum zuende?

Von Francisco Mari am
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Francisco Mari Referent Welternährung, Agrarhandel, Meerespolitik
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Der Export des Fischs aus dem See bringt den Staaten auch erhebliche Deviseneinnahmen. Dennoch hat der Viktoriabarsch, wie er bei uns im Supermarkt heißt, seit vielen Jahren ein schlechtes Image, dazu trug nicht zuletzt der Dokumentarfilm "Darwins Nightmare" aus dem Jahr 2004 bei.

Die vielen Bemühungen von Industrie, Fischereiverbänden, Zivilgesellschaft und Regierungen in den letzten Jahren, die Bewirtschaftung nachhaltiger zu gestalten, ökologisch und sozial, haben bislang nicht wirklich gegriffen. Da kommt es gerade recht, dass nach Jahren der „Fischerei-Blindheit“ in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit die Bemühungen von Fischererei-ExpertInnen der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und von NROs wie WWF, Fair Oceans oder Brot für die Welt erste Erfolge erzielen: Endlich finden die globalen Fischressourcen Anerkennung bei der Bekämpfung von Mangelernährung und Armutsbekämpfung. Im Rahmen der Sonderinitiative des Entwicklungsministeriums (BMZ) „Eine Welt ohne Hunger“ wird es einige Projekte geben, die handwerkliche Fischereien unterstützen.

Eines der Projekte könnte sich um die Nilbarsch-Fischerei am Viktoriasee kümmern. Das BMZ hat die GIZ beauftragt, gemeinsam mit der Staatenverwaltung der Fischerei im Viktoriasee LVFO ein Projekt zur Förderung einer nachhaltigen Fischerei konzeptionell zu prüfen. Kernstück des Projektes könnte dabei ein bewusst partizipativer Ansatz der entlang der Wertschöpfungskette beteiligten Interessengruppen sein, wenn es gelänge, die Selbstverwaltungen in den Küstengemeinden (BMUs) einzubeziehen. Zu diesem Vorhaben fand nun ein Projektplanungsworkshop in Jinja am Viktoriasee in Uganda statt, in dem dieser inklusive Ansatz bereits beeindruckend umgesetzt wurde. Die ausgearbeitete Projektplanung und mögliche Finanzierung wurden detailliert mit allen Beteiligten diskutiert und Einwände oder Vorschläge aller Gruppen aufgegriffen. Die beiden langjährigen Fischerei-ExpertInnenund GIZ-BeraterInnen, Hilde de Beule und James Scuillion, hatten daran einen großen Anteil.

Der Viktoriasee, zweitgrößter Süßwassersee der Welt, ist fischreicher als so manche lange Meeresküste. Erst recht nachdem in den 1950er Jahren englische Kolonialherren Nilbarsche und Tilapien aus den niedriger liegenden Seen dort aussetzten. Seit der letzten Eiszeit waren die Nilbarsche im Viktoriasee ausgestorben, da der See ausgetrocknet war und ein großer Wasserfall den Zugang zum See flussaufwärts von den kleineren Seen aus behindert. Unter Biologen gilt das Aussetzen der Fische allerdings als britische Untat, weil es das ökologische Gleichgewicht des Sees empfindlich störte. Vor allem weil der Nilbarsch, ein Raubfisch, im Viktoriasee keine natürlichen Fressfeinde mehr hat. Anders als die ebenfalls ausgesetzten, aber vornehmlich pflanzenfressenden Tilapien bestand die Gefahr, dass die extrem artenreiche Population von endemischen (nur im Viktoriasee vorkommenden)Buntbarsch Arten – von denen viele wegen ihres Farbenreichtums als Aquarienfische sehr beliebt sind – aufgrund des neuen Räubers einfach verschwindet, also vom Nilbarsch weggefressen werden.

Genug Fisch im See – zu wenig für die Fabriken

Der Nilbarsch hat sich nämlich prächtig vermehrt. Aber entgegen den Befürchtungen, so die Daten neuester Untersuchungen über den Bestand der Biomasse, hat dieser Druck durch den Nilbarsch insbesondere eine Art kleinere Süßwassersardine (Rastrineobola Aargentea)zu größerer Fruchtbarkeit animiert. Zum Glück für den Artenreichtum, denn noch gibt es die artenreiche Variation von endemischen Buntbarschen im See. Und zum Vorteil der Bevölkerung. Denn am See leben inzwischen fast 30 Millionen Menschen. Ein nicht geringer Teil ihrer Grundnahrung besteht genau aus diesen mit unterschiedlichsten Namen bedachten kleinen Süßwassersardinen oder „Silberfischen“, wie man die Buntbarsche auch nennt.

Das Problem mit dem Nilbarsch liegt nicht einmal, wie es sonst so oft vorkommt, in einer Überfischung. Zur Überraschung vieler TeilnehmerInnen am GIZ-Workshop besagen neueste Untersuchungen, dass es eigentlich genug Nilbarsch gibt. Trotzdem beklagen sich die Fischfabriken, die den Fisch filetieren, darüber, dass sie zu wenig Fisch exportieren können. Sie arbeiten mit einer geringen Auslastung und können die Beschäftigten nicht ganzjährlich beschäftigen. Viele Fabriken haben schon dichtgemacht. Tatsächlich ergeben die neuesten Statistiken, dass nur noch 40 Prozent der geschätzten Fangmenge exportiert wird. Wo bleibt also der Nilbarsch?

Traditionell schmeckt der Bevölkerung Nilbarsch nicht, besonders wenn er als großer Fisch gefangen wurde, weil er dann zu fettig ist. Wenn nicht die traditionell gefischten kleinen „Silberfische“ oder Süßwassersardinen auf dem Teller sind, wird lieber Tilapia gegessen. Man machte früher sogar lieber Brennöl aus dem Nilbarsch, als ihn zu essen. Es gibt ja genug anderen Fisch zur Auswahl. Aber steigende Einkommen und bessere Transportmöglichkeiten zu den Nachbarländern haben in den letzten Jahren rund um den See eine neue Nachfrage nach Nilbarsch entstehen lassen. Allerdings zum Nachteil der Fischfabriken, die den filetierten Fisch nach Europa und in den Nahen Osten exportieren.

Nach den Skandalen vor zehn Jahren, als der Nilbarsch tatsächlich drohte, überfischt zu werden, haben verantwortungsbewusste Mittelständler fast aller Fischfabriken eine Vereinigung gegründet und vereinbart, nur noch Fisch über einer gesetzlich festgelegten Fanggröße zu verarbeiten. Damit kann der Fisch wenigstens einmal in seinem Leben für Nachwuchs sorgen. Die Fabrikbesitzer legen Geld zusammen, um sich durch unabhängige Inspektoren kontrollieren zu lassen und nach Einschätzung aller, auch der Fischer und der Zivilgesellschaft, halten sie sich auch weitgehend an ihre Vorgaben.

Das traurige Los der Fisch-Verarbeiterinnen

Die Konsequenz davon müsste also nun sein, dass die Fabriken nun letztlich mehr Fisch verarbeiten, weil darauf verzichtet wird, die jungen Nilbarsche zu fangen. Aber leider weit gefehlt. Der Nilbarsch wird immer noch unter der erlaubten Fanggröße gefangen – allerdings nun von einer anderen Berufsgruppe verarbeitet. Immer mehr Frauen haben sich darauf spezialisiert, Fische, die gesetzlich eigentlich geschützt sind, und doch in die Fangnetze geraten, zu räuchern. Der so konservierte Fisch wird von Händlerinnen in die Nachbarländer wie DR Kongo und Ruanda, aber auch an BewohnerInnen weit im Hinterland der See-Anrainer verkauft. Die Menschen dort können sich zwar Fisch leisten, aber eben nur wenn er nicht zu groß ist, denn dann wird er für die meisten zu teuer.

Das Geschäft ist für alle – die Fischer, die Bootsbesitzer, auch für die Frauen, HändlerInnen und KonsumentInnen – sehr lukrativ. Zum Nachteil des Erhalts gesunder Nilbarschbestände, und außerdem ist dieses Geschäft illegal. Das führt dazu, dass die Frauen häufig bedroht werden von Behörden oder Polizei und sich freikaufen müssen. Sie gehen immer das Risiko ein, ihre Ware zu verlieren. Die Fischer und Bootsbesitzer, die eigentlich den illegalen Fang bewerkstelligen, bleiben weitgehend ungeschoren. Nun muss eines an dieser Stelle erklärt werden: Warum diese Unterscheidung von Fischern und Bootsbesitzern; meint das nicht letztlich das Gleiche?

Fischer ohne Fangboote

Es dürfte in der Welt der handwerklichen Fischerei sehr selten vorkommen, dass diejenigen, die auf Seen oder aufs Meer hinausfahren und mit ihren Händen die Netze mit dem Fang ins Boot heben, meist Lohnarbeiter sind. Denn die Nilbarsch-Fischerei am Viktoriasee ist relativ jung und erst in den 1990ern gewachsen, d.h. es gab vorher praktisch keine traditionellen Nilbarsch-Fischer. Die in den 1990ern und frühen 2000ern stark angewachsene Zahl der Fischer sind ursprünglich eingewanderte Bauern des umliegenden Hinterlands, die von Bootsinvestoren angeheuert wurden. Manche „Investoren“ besitzen gleich Hunderte Boote. Der Bau eines Bootes kostet zwei Millionen Uganda Shilling, ein Außenbordmotor sieben Millionen (ca. 1.850 Euro). Da müssten die Fischer lange arbeiten, um sich ein Boot zu leisten, denn sie bekommen nur den Wert von 10 Prozent der Fangmenge täglich ausgezahlt.

Der Rest, den die Händler für den Fangfisch zahlen, ist für die Bootsbesitzer bestimmt. Diese schreiben die Boote ab und tragen natürlich aber auch die Kosten für den Treibstoff, die Netze, das Kühleis und die Reparaturen. Aber wenn man die Häuser, Satellitenschüsseln und auch Autos am Seeufer sieht, dann scheint es den Bootsbesitzern nicht so schlecht zu gehen. Denn sie lassen die „Fischer“ eben auch mit Netzen fischen, die es erlauben, viel Jungfisch als „Beifang“ zu fischen, und „ihre“ Fischer vermarkten ihn wie beschrieben illegal an die den Fisch verarbeitenden Frauen. Noch werden bis zu 60 Prozent der Nilbarsche mit zu kleiner Größe gefangen. Für die Gesamtfangmenge mag das Bild weniger dramatisch sein, da die größeren Fische im Netz überproportional mehr wiegen. Allerdings ist diese sogenannte Fangselektivität für ein nachhaltiges Fischereimanagement ungenügend. Nicht nur die Fischfabrikanten, sondern auch die Regierungen, aber auch Umweltorganisationen und Nichtregierungsorganisationen sehen die negativen Konsequenzen.

Wenn der zu klein gefangene Jungfisch sich noch nicht reproduzieren konnte, dann gibt es irgendwann keinen mehr. Die Biologen, die sich einen Urzustand des Viktoriasees ohne Nilbarsch wünschten, sind vielleicht glücklich. Aber viele Menschen und die Regierungen, aber auch die Frauen, die jetzt von der Fischverarbeitung leben, wären dann weniger zufrieden. Daher sind auch Vertreterinnen von Frauengruppen zum GIZ/LVFO Workshop gekommen. Sie wissen um die Gefahr für ihren Lebensunterhalt. Die Fischereibehörden der drei Anrainerstaaten haben nun also reagiert. Und dies nicht zum ersten Mal, wenn man auf der Webseite der LVFO sieht, wie viele Projekte und sog. Managementpläne in den letzten zehn Jahren bereits verabschiedet wurden. Auch der neue Plan bis 2020 ist sehr ambitioniert und analysiert kritisch die Situation, braucht aber ein Budget von 54 Millionen Euro. Das BMZ-Projekt könnte davon nur ein Zehntel übernehmen.

Die Selbstverwaltungseinheiten

Das geplante GIZ SEWOH-Projekt strebt vor allem die Entwicklung einer gemeinsamen Verantwortung aller Beteiligten für den Fang des Nilbarsches an. Dabei fängt das Projekt bei weitem nicht bei null an ¬– trotz teilweise schlechter Erfahrungen mit Vorgängerprojekten der Europäischen Union oder der Weltbank. Ein guter Ansatz ist die Tatsache, dass es in allen Küstengemeinden und an den Anlandeplätzen gewählte VertreterInnen aller Interessengruppen gibt. Sie vereinen sich in den Beach Managements Units, kurz BMU – also Bootsbesitzer, Kontrolleure an den Anlandehäfen, Vertreter der Gemeinden oder auch der fischverarbeitende Frauen. Nicht nur für den Nilbarsch überwachen sie das Management, sondern auch für den Fang der Tilapien oder der kleinen Silberfische. Alle Akteure müssen sich immer wieder neu darauf einigen, mit welchen Maßnahmen sie die Bestände erhalten.

Dabei kann es auch sein, dass sie erlauben, wie wir in Kiyindi von der Direktorin der Anlandestelle erfahren, dass man die Anlandung von illegalem verarbeiteten Räucherfisch zulässt, um die Frauen nicht noch mehr zu marginalisieren. Der Fisch sei ja schließlich schon gefangen und tot – besser er dient der Ernährung, als dass er weggeworfen wird. Allerdings funktionieren viele dieser Selbstverwaltungen nicht. Die Politiker nehmen oft Einfluss, wie gerade im abgelaufenen ugandischen Wahlkampf für das neue Parlament, wo einige Abgeordnete, um ihre Wiederwahl fürchtend, einfach verbotene Fanggeräte oder zu kleine Maschenweiten für ihren Wahlkreis per Wahlkampfauftritt als erlaubt verkündeten oder die Selbstverwaltungseinheiten, die BMUs, suspendierten.

Die Inseln im See als Räuberhöhlen

Das Missmanagement rund um den Viktoriasee ist groß. Ein beachtliches Problem sind auch die vielen Inseln im See. Da die geringen Fangmengen es nicht kostengünstig erlauben, immer an Land zurückzufahren, wird der Fang auf diesen Inseln abgeladen und verkauft. Dort sind es meist Frauen, die den illegalen Anteil „verarbeiten“, meist räuchern und ihn an Händler weiterverkaufen, die auf die Inseln kommen. Die Transportboote bringen auch den frischen Nilbarsch gekühlt von den Inseln für die Fischfabriken an die Anlandeplätze am Ufer, wo die Kühlwagen auf die frische Ware warten, manchmal tagelang, um sie zum Filetieren in die Fabriken zu bringen. Dabei hilft ein SMS- Preisinformationssystem. Es teilt den Händlern und Booten die besten Preise oder den größten Bedarf an den Anlandestellen mit und schickt die Informationen per SMS aufs Handy.

Dort auf den Inseln herrscht Wildweststimmung, selbst dann wenn manchmal Polizeiposten existieren. Vielleicht ist es nicht ganz so schlimm, wie es in der ZEIT über die berüchtigtste Insel Migingo beschrieben wird. Aber die Frauen, die aus Angst auf Land erwischt zu werden den Fangfisch dort verarbeiten, sind allen möglichen Misshandlungen ausgesetzt. Gerade dort gilt das Prinzip „sexforfish“ und der Fischpreis richtet sich zynischerweise danach, ob mit oder ohne Kondom. Rund um den See steigt die HIV-Prävalenz (Aidsrate) immer noch an (22,3 Prozent), während sie im Landesinneren (5 bis 7 Prozent) zurückgeht. Schließlich sind diese Frauen für fast alle die Schuldigen an der Misere in der Nilbarsch- Fischerei. Unumwunden sagen Regierungsinspektoren auf dem GIZ-Workshop, wenn die Frauen den zu kleinen Fisch nicht verarbeiteten, würden ihn die Fischer erst gar nicht fangen. Der Nilbarsch hätte Zeit auszuwachsen, um dann in den Fabriken für den Export verarbeitet zu werden. Natürlich tönen die Fabrikbesitzer genauso. Dem Land entgingen Millionen Einnahmen durch den illegalen Fang. Sie seien deshalb dafür, endlich gesetzlich durchzugreifen und die illegale Fischverarbeitung und den Handel mit diesen Untergrößen zu beenden. Was für eine Logik! Fast alle verdienen das Mehrfache am illegalen Fisch, aber die Frauen, die ihn verarbeiten, werden als Verbrecherinnen abgestempelt.

Frauen in der Fischverarbeitung entkriminalisieren

Auf dem Workshop erwarteten nicht wenige, auch Frauen aus den Fischereiverwaltungen der Anrainerstaaten, dass das Projekt vor allem Lösungen vorschlägt, wie man den Frauen das Handwerk legt. Brot für die Welt hat sich in den Vorgesprächen zum Projekt daher immer darum bemüht, dass Vertreterinnen dieser Frauengruppen zumindest aus den beiden größten Anrainerstaaten, Tansania und Uganda, am Workshop teilnehmen. Zum Beispiel Margret Nakato, Direktorin der NRO Katosi Women Development Trust und gleichzeitig im Vorstand des globalen Kleinfischereinetzwerkes WFF.

Brot für die Welt arbeitet mit Margret seit Jahren an der Formulierung und Umsetzung der FAO-Leitlinien zur Kleinfischerei. Die GIZ lud auch den Sprecher der seit Jahren am aktivsten und kritischsten Fischerei NRO in Uganda, Seremosi Kamuturaki von UFFCA ein. Die NRO ist auch stark engagiert im Kampf gegen HIV/Aids. Vielleicht waren dann viele überrascht, dass der Workshop neben vielen anderen Vorschlägen, die alle aber erst nach und nach von den einzelnen Interessengruppen diskutiert werden müssen, in der Frage des Fangs von Untergrößen eine spannende Sprachregelung einbrachte. Der langjährige Fischereiexperte, der die Projektplanung mit den GIZ-KollegInnen entwickelt hat, James Scullion, betonte bei jeder Gelegenheit, dass das Ziel des GIZ/LVFO-Projektes in dieser Frage ganz klar eine Entkriminalisierung der Tätigkeit von Frauen in der Fischverarbeitung des Nilbarsch mit sich bringen muss. Er beruhigte gleichzeitig, dass es nicht um eine Legalisierung des Fangs von zu kleinem Fisch geht. Aber wie das gehen soll, fragten sich auch die anwesenden NROs und Frauenvertreterinnen.

Scullions Ansatz ist es zunächst einmal, die gesetzlichen Bestimmungen von Fanggerät in den Ländern zu harmonisieren, vor allem die Maschengröße der Netze. Denn noch sind in zwei Ländern (Uganda und Kenia) kleinere Maschenweiten (5 Zoll = 12,7 cm) als in Tansania (6 Zoll) erlaubt. Der Managementplan der regionalen Fischereibehörde Sein sieht vor, überall auf 7 Zoll (= 17,8 cm) Maschengröße zu gehen, damit kann sehr kleiner Jungfisch die Netze durchschwimmen. Dennoch wird es einen Beifang von Untergrößen geben, wenn auch unbeabsichtigt, da nicht alle Jungfische dem Netz entschlüpfen können. Dieser Beifang – geschätzt werden ungefähr 20 Prozent des Fanggewichtes – wird aber wegen der größeren Maschen naturgemäß älter und größer sein. Ziel ist es, dass dieser immer noch für die Fabriken zu kleine Beifang ausschließlich für die Verarbeitung durch Frauen legalisiert wird. Denn ansonsten verdirbt der Fisch oder wird über Bord geworfen und nützt niemandem.

Mit der Zeit wird es aber immer mehr größeren Fisch geben, weil viel mehr Jungfisch im See bleibt und sich später reproduzieren kann – davon werden die Fabriken profitieren. Den Frauen stünden dann zwar kleinere Mengen Fisch für die Verarbeitung zur Verfügung, aber dafür ist der gefangene Fisch größer und schwerer, wenn auch aus biologischer Sicht noch nicht groß genug. Doch die Frauen könnten diesen Fisch dann teurer verkaufen, und was wohl das wichtigste ist – sie handeln legal. Somit können sie sich besser gegen Bedrohungen und Missbrauch wehren und sie können auch zukünftig ihre Familien mit dem Fischräuchern ernähren. Wünschenswert wäre es, wenn die Frauen auch Unterstützung für gesündere Räuchertechniken erhielten, sowie sie die Welternährungsorganisation (FAO) entwickelt hat, damit die Lungenkrankheiten bei den Fischverarbeiterinnen zurückgehen. Auch der Wert des Fischs steigt, weil er nicht mehr so verkohlt wird und damit gesünder ist.

Die FAO-Leitlinien Kleinfischerei umsetzen

Das Projekt wird aber noch mehr heiße Eisen angehen müssen. Eines davon wird die Registrierung aller Boote und die spätere Lizenzierung sein. Es ist klar, es gibt zu viele Boote und zu viel illegales Fanggerät. Nach der Registrierung müssen Kriterien für die Fanglizenzen ausdiskutiert werden. Es ist eindeutig, dass auch die Fischer, die keine Boote besitzen, in Zukunft einen privilegierten Zugang zu den Fanggründen bekommen sollen, entsprechend den FAO-Leitlinien Kleinfischerei. Dann soll es auch Quoten für Frauen geben, um Fanglizenzen zu erwerben. Beide könnten dann selber Boote bauen oder welche kaufen. Denn erst danach soll es den verbliebenen Bootsbesitzern erlaubt sein, Lizenzen zu erwerben. Auch hier dürfte klar sein, dass diejenigen, die mehr als zehn oder zwanzig Boote besitzen, nicht mehr an die Reihe kommen können. Wenn alles mit fairen Mitteln zugeht. So könnten auch Frauen ihre Boote kaufen. Wenn sie nicht doch selber auf den See fahren, könnten sie auch Fischer anstellen, die exklusiv für sie Nilbarsch für die Verarbeitung fangen.

Schließlich werden aber auch Frauen in den Fischfabriken profitieren, wenn es wieder mehr Nilbarsch gibt, weil sie dann eine Dauerbeschäftigung haben. Beim GIZ-Workshop wurde zwar von den Fabrikbesitzern betont, dass Löhne und Arbeitsbedingungen internationalen Maßstäben folgen, aber kritische Stimmen von NROs hören auch andere Ansichten zum Thema. Der Vertrag zwischen der Fischereivereinigung und einem Gewerkschaftsdachverband berücksichtigt wohl nicht, dass in den Fabriken viele Frauen eigene Gewerkschaften gebildet haben, die dem Verband nicht angehören. Auch die Frage der Arbeitsbedingungen, nicht zuletzt was die Fangboote angeht, sollten vom Projekt nicht vernachlässigt werden. Im Projektplan wird zudem gefordert, dass diese „Tagelöhner“ auf dem See endlich eine eigene Vertretung brauchen. Auch wenn die Bootsbesitzer auf dem Workshop das für überflüssig hielten und sich gerne als die Vertreter der Fischer ansprechen lassen.

Kritik an MSC-Zertifizierung

In einem Punkt gab es von Seiten von Brot für die Welt und den KollegInnen der Zivilgesellschaft große Skepsis. Die Beteiligung des Marine Stewardship Council(MSC) als bisheriges Industrielabel für Meeresfisch mit rein ökologischen Zertifizierungskriterien greife in dieser handwerklichen Fischerei viel zu kurz. Der MSC weigert sich seit Jahren, soziale, menschen- oder arbeitsrechtliche Kriterien für eine wirkliche Nachhaltigkeitsprüfung in der Fischerei zu integrieren. Kein Wunder, wenn man sich anschaut, dass im MSC vor allem die Fischereiindustrie und die Handelskonzerne, allen voran auch aus Deutschland dominieren. Es wurde aber mangels Alternative akzeptiert, dass, um die Bestände zu managen, auf MSC-Kriterien zurückgegriffen wird. Dies darf aber in keinem Fall schon eine Vorentscheidung dafür sein, dass Bestände an Viktoriabarsch zukünftig MSC-zertifiziert werden. Damit würden die VerbraucherInnen bei uns durch ein Industrielabel geblendet werden, das in keiner Weise für soziale Kriterien steht und auch nicht einen solchen Anspruch erhebt, so auch die Kritik von Brot für die Welt. Die Zertifizierungskosten müssten dann auch noch von den Fischern von ihren knappen Einnahmen teuer bezahlt werden. Warum also, wenn das Projekt Erfolg hat, nicht an eine andere Zertifizierung denken? Ein Label, das beides vereint, ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Brot für die Welt sieht das vor allem im „Fairen Handel“ viel besser aufgehoben als in einem Industrielabel. Doch auch das Label von „Naturland“, das am Viktoriasee in Bukoba (Tansania) Nilbarsch zertifiziert, versucht die sozialen Rechte der Kleinfischer zu berücksichtigen.

Zivilgesellschaft und Frauengruppen reden mit

Im etwas schrägen Schlusswort wollte der Direktor des LVFO wollte er den TeilnehmerInnen weismachen, dass der Nilbarsch, wie Kaffee oder Tee, doch nur ein reiner Devisenbringer für die Anrainerstaaten ist. Wie auch viele andere wehrte er sich dagegen, den Nilbarsch auch nur in die Nähe des Begriffs Ernährungssicherheit zu bringen, dafür hätte man ja anderen Fisch im See. Dem widersprach die Frauenvertreterin aus Tansania. Direkt und indirekt wird Nilbarsch immer wichtiger für die Verminderung von Mangelernährung und Armut in der Region. Das Projekt darf die Probleme in der Nilbarsch Fischerei nicht auf eine reine „Business“ Frage in einer exportorientierten Wertschöpfungskette reduzieren, so auch Seremosi für die NROs in seinem Abschlussstatement. Der aktuelle Planungsstand sieht einen Projektzeitraum von erst einmal drei Jahre vor. Brot für die Welt wird in Deutschland weiter die Einladung des BMZ aufgreifen und kritisch, wie bei allen anderen SEWOH Projekten, auch dieses begleiten. Es wird im Austausch mit den Partnern am Viktoriasee versuchen, die Erfahrungen der NROs und vor allem der Frauengruppen am See berücksichtigend das Projekt zum Erfolg zu führen, sollte das BMZ wirklich den Auftrag erteilen. Ein guter Anfang wurde mit dem Planungsworkshop in Jinja gemacht. So sahen das alle VertreterInnen der Zivilgesellschaft. Sie freuen sich darauf, die Möglichkeiten zu ergreifen, die ein solches Projekt zum Monitoring oder zum Einbringen eigener Erfahrung oder Kritik bieten würde.

Dank an die KollegInnnen des GIZ Sektorvorhabens „Förderung einer nachhaltigen Fischerei und Aquakultur“ (Mark Prein, Kai Wiegler und Maria Winkler) für fachliche Korrekturen.

 

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