Blog-Beitrag

Eine Welt ohne Hunger ist keine Utopie

Es ist möglich, den Hunger in der Welt in den kommenden 15 Jahren bis 2030 fast vollständig zu besiegen. Zu diesem ermutigenden Ergebnis kommt eine neue Studie der Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland für nachhaltige Entwicklung. Die Studie wirbt für einen ganzheitlichen Ansatz zur Sicherung der Welternährung und warnt davor, allein auf technologische Lösungen zu setzen.

 

Von Thilo Hoppe am
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Thilo Hoppe Entwicklungspolitischer Beauftragter mehr zur Person

Es ist möglich, den Hunger in der Welt in den kommenden 15 Jahren bis 2030 fast vollständig zu besiegen. Zu diesem ermutigenden Ergebnis kommt eine neue Studie der Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland für nachhaltige Entwicklung. Wenn alle geernteten pflanzlichen Lebensmittel vorrangig  der menschlichen Ernährung zugeführt werden, so reichte die heutige Welternte mehr als aus, um alle Menschen zu ernähren. Solange jedoch ein großer Teil der fruchtbaren Böden für die Erzeugung von Tierfutter und Agrartreibstoffen genutzt wird, ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Dezidiert zeigt die Studie auf, wie der Hunger besiegt werden kann.

Neue Technologien allein sind keine Lösung

Die Aufgabe ist groß: Mehr als 805 Millionen Menschen leiden chronisch Hunger und zwei Milliarden sind mangelernährt. Ihnen fehlen lebenswichtige Vitamine, Mineralien und Nährstoffe. Die Autorinnen und Autoren machen klar: Das Hungerproblem ist nicht allein durch Steigerung der Agrarproduktion mit Hilfe neuer Technologien  und der industriellen Landwirtschaft zu lösen. Sicher müssen für eine wachsende Weltbevölkerung auch mehr Nahrungsmittel produziert werden. Doch hier kommt es entscheidend auf das „Wie“ an. Dies muss auf eine Art und Weise geschehen, die die natürlichen Ressourcen (Böden, Wasser, Klima, biologische Vielfalt) schont und sich vor allem an den Bedürfnissen derjenigen  orientiert, die zurzeit am stärksten von Hunger und Mangelernährung betroffen seien. Dazu zählen vor allem bäuerliche Familienbetriebe, Landarbeiter, Hirten und Fischer in den Entwicklungsländern. Wenn diese Gruppen mehr Unterstützung erhalten, zum Beispiel bessere Lagermöglichkeiten für die Ernte oder einfacheren Zugang zu Krediten, dann können sie nicht nur sich selbst besser versorgen, sondern auch lokale und regionale Märkte besser beliefern.

Ganzheitlicher Ansatz ist nötig

Wer nur auf Ertragssteigerung setzt, ohne die Belastung der Böden durch chemische Dünger, Monokulturen oder den Großeinsatz von Pestiziden zu berücksichtigen, erzielt vielleicht kurzfristig Erfolge, riskiert aber, dass vor allem die anfälligsten Bevölkerungsgruppen ihre Lebensgrundlage für immer verlieren. In gentechnisch veränderten Pflanzen sehen die Autorinnen und Autoren keine nachhaltige Lösung zur Überwindung des Hungers. Zudem müsse jedes Jahr wieder Saatgut gekauft werden, wodurch viele kleine Betriebe in die Schuldenfalle gerieten.    

Empfohlen wird ein  ganzheitlicher Ansatz zur Überwindung von Hunger und Mangelernährung. Dazu gehört auch  der Auf- und Ausbau von sozialen Sicherungssystemen in den Entwicklungs- und Schwellenländern, die so konzipiert sein müssen, dass sie auch die Ärmsten der Armen erreichen. Eine notwendige und überfällige Neuausrichtung der Entwicklungs- und Agrarpolitik am Recht auf Nahrung dürfe nicht länger durch ungerechte Strukturen im Bereich der Handels- und Finanzpolitik  blockiert werden. Um den Hunger zu überwinden, ist es unerlässlich, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Nur so kann verhindert werden, dass Anbauflächen in großem Umfang verloren gehen.

Intitiative des Entwicklungsministeriums ist richtig, aber korrekturbedürftig

In der Studie wird dargelegt, welche Veränderungen in den unterschiedlichen Politikfeldern wie der Handels-, Entwicklungs-, Umwelt- und Agrarpolitik in Nord und Süd nötig sind, um durch ihr Zusammenwirken die Welternährung zu sichern. In der neuen Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ des deutschen Entwicklungsministeriums sieht die Studie Ansätze zu einer Kurskorrektur in die richtige Richtung, fordert jedoch eine noch stärkere Fokussierung auf die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen und eine stärkere Berücksichtigung agrarökologischer Aspekte.

Ergebnisse des Weltagrarreports werden nicht berücksichtigt

Die Autorinnen und Autoren beklagen, dass in der Agrarpolitik sowohl in Deutschland als auch international die Empfehlungen des 2008 erschienenen Weltagrarreports des  IAASTD (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) kaum gehört oder umgesetzt worden sind. Mit der einseitigen Ausrichtung  auf Produktionssteigerung, Weltmarktorientierung und Industrialisierung der Landwirtschaft könne man  die Überwindung des Hungers mit dem Schutz des Klimas und der biologischen Vielfalt nicht in Einklang bringen.

Auch das in der Agrarpolitik und Forschung zurzeit populäre Konzept der „nachhaltigen Intensivierung“, das auf Produktionssteigerung setzt und zugleich durch  Effizienzverbesserung den Einsatz von synthetischen Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln begrenzen will, wird in der Studie hinterfragt. Die Empfehlungen des Weltagrarreports des IAASTD seien weitergehend, umfassender und würden ökologische und soziale Aspekte stärker berücksichtigen.

Auch Kirchen sollen Beitrag leisten, den Hunger zu überwinden

Mit der Studie wendet sich die EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung nicht nur an Entscheidungsträger  in Politik und Wirtschaft, sondern appelliert auch an die Kirchen, Gemeinden sowie an jeden einzelnen, Beiträge zur Überwindung des Hungers zu leisten. Die konkreten Handlungsempfehlungen reichen dabei von Umweltauflagen für die Verpachtung von Kirchenland über die konsequentere Beachtung von ökologischen, sozialen und menschenrechtlichen Standards im kirchlichen Beschaffungswesen bis zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit Lebensmitteln im Alltag. Darüber hinaus entfaltet die Studie theologische Leitgedanken und sozialethische Kriterien, an denen sich verantwortungsvolles kirchliches Handeln wie auch politische Weichenstellungen für eine zukunftsfähige Ernährungssicherung orientieren können.

 

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