Blog-Beitrag

„Lasst uns regionale Produkte essen!“

Auf der diesjährigen Biofach, der Weltleitmesse für Bio-Produkte, die vom 13. bis zum 16. Februar in Nürnberg stattfand, waren nicht nur Händler und Produzenten vertreten, sondern auch zwei starke Fürsprecher der Bewahrung lokaler Ernährungsgrundlagen im globalen Süden. Die indische Aktivistin Vandana Shiva und der senegalesische EED-Partner und Agrarjournalist Madieng Seck nahmen an der Veranstaltung „Ernährung lokal und bio für eine nachhaltige Esskultur weltweit“ teil. Sie sprachen sich engagiert gegen das Diktat der internationalen Agrarindustrie aus.

 

Von Francisco Mari am
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Francisco Mari Referent Welternährung, Agrarhandel, Meerespolitik
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Als Verteter des Südens forderten beide die Umsetzung des UN- Rechts auf reichhaltige und kulturell angepasste Nahrung. Die lokalen Anbau- und Verarbeitungsalternativen müssten gefördert und geschützt werden. Man dürfte die traditionellen Ernährungsgewohnheiten nicht den Exportinteressen der Industrieländer opfern. Die massiven Agrarimporte verdrängten regionale Produkte vom Markt und bedrohten so die Existenz der lokalen Anbauer.

So lauteten ihre zentralen Aussagen. Madieng Seck beschrieb die Situation in Westafrika: „Innerhalb der letzten 50 Jahre ist der Pro-Kopf-Konsum von Weizenprodukten in Westafrika um das Fünffache gestiegen, die Weizenimporte um das Zwanzigfache. Die Ursache hierfür liegt jedoch nicht nur im Bevölkerungswachstum oder gar an der Geschmacksveränderung im Zeitalter der Globalisierung, sondern es ist vor allem der fehlende politische Wille, lokale Getreidesorten endlich adäquat zu fördern!“. Am Beispiel des Baguettes erklärte er die Geschichte dieser Importe in seinem Heimatland: Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hatte mit Weizenimporten in den Senegal und gleichzeitig dem Anbau von wervollen Exportprodukten, wie zum Beispiel Erdnüssen, begonnen. Die Produktion lokalen Getreides, vor allem Hirse-Sorten, und Knollengewächsen wie Maniok und Yams wurde zu Gunsten des Exportanbaus vernachlässigt. Damit war die Basis für die heutige Abhängigkeit vom Weltmarkt mit seinen Preisschwankungen geschaffen. Diese Abhängigkeit kommt das Land teuer zu stehen: Laut FAO-Statistiken bezieht der Senegal heute rund die Hälfte seines Getreidebedarfs vom internationalen Markt. Im Jahr 2010 wurden rund 450 000 Tonnen Weizen für 140 Mio € importiert. Die Haushalte geben heute 20-30 Prozent ihres Einkommens für den Einkauf von importierten Getreideprodukten aus (Baguettes, Reis). Der Brotpreis stieg 2008 um etwa 18 Prozent. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist unterernährt, der Großteil der Leidtragenden sind Bauern.

Die Alternative zu dieser Stituation sieht Seck in der Rückkehr zum Anbau und Verzehr regionaler Agrarprodukte: „Der Senegal wäre in der Lage sich selbst zu ernähren. Aber dafür müssen wir unsere Ernährungsgewohnheiten umstellen. Daher treten Bauern- und Konsumentenvereinigungen heute auch im Senegal für den bewussten Genuss regionaler Produkte ein.“ In dem Slowfood-Projekt „Mangeons local- Lasst uns lokale Produkte essen“ arbeiten er an der Umsetzung dieser Ziele. Dies geschieht durch Bildungsinitiativen mit Schülern, Verkostung lokaler Gerichte, aktives soziales Marketing und gezielte Werbung.

Die indische Aktivistin Vandana Shiva unterstrich, dass Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion in vielen Teilen Indiens nach wie vor sehr stark von kleinbäuerlichen Strukturen geprägt seien. Sie drückte ihre Angst vor dem Freihandelsabkommen aus, das die EU derzeit mit Indien verhandelt: „Die Lebensgrundlagen von Millionen von familiären Bauernbetrieben sind bedroht.“ Besonders stark betroffen werden die Milch-, Fleisch- und Getreideproduktion, also Produkte, die in der EU starke Subventionen erhalten. Shiva verdeutlichte: „ In Indien spielen Zusammenschlüsse familiärer Betriebe eine sehr wichtige Rolle. Durch Kooperativen, meistens von Frauen angeleitet, können sich arme Familien mit einer einzigen Kuh ein Einkommen sichern. Wie sollen sie nach der Liberalisierung mit den industriellen Groβbetrieben aus der EU mithalten? Wir wollen unsere eigenen Produkte verzehren und gleichzeitig das sensible soziale Gefüge Indiens bewahren.“

 

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