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Nachdem viele der durch das Erdbeben obdachlos gewordenen Menschen in Zelten und Notbehausungen untergekommen sind, richtet die internationale Gemeinschaft nun das Hauptaugenmerk auf den Bau von „Temporary Shelters“. Diese stabilen Übergangsbehausungen halten je nach Ausführung zwei bis sieben Jahre dem tropisch feuchten Klima Haitis stand.
Die große Bewährungsprobe für diese kleinen Häuser wird die Zeit der Wirbelstürme sein, die bis November die Insel heimsuchen könnten. Die staatlichen Vorbereitungen für die stürmische Saison kommen viel zu langsam voran – weder der staatliche noch der UN-Katastropheneinsatzplan sind fertiggestellt.
Zehntausende Unterkünfte fehlen
Der Bedarf an Übergangsbehausungen war auf 125.000 Einheiten geschätzt worden, davon sind sieben Monate nach dem Beben gerade einmal 3000 fertiggestellt. Nach wohlwollenden Schätzungen werden bis Ende des Jahres nur 40.000 „T Shelter“ fertig gebaut sein. Neben den auffallenden logistischen und organisatorischen Problemen der internationalen Gemeinschaft, ist das Hauptproblem beim Wiederaufbau Haitis die oft ungeklärte Eigentumsfrage bei Baugrundstücken.
„Geld für Arbeit“ hilft
Der Abriss der alten Gebäude und der Abtransport des Schutts von öffentlichen Gebäuden kommt dank des „Geld für Arbeit“ -Programms („Cash for work“) und anderen Programmen vergleichsweise gut voran. Bei Wohnhäusern sieht es ganz anders aus: Dort bleiben die Eigentümer in der Regel sich selbst überlassen. Der Schutt wird auf die Straße gekippt, in der Hoffnung, der Staat oder der nächste Regen räumen das alles weg. Das trägt viel zum ohnehin chaotischen Verkehr, etwa in der Innenstadt von Port-au-Prince, bei.
Milliarden fehlen
Das Internationale Komitee zum Wiederaufbau Haitis (CIRH), das die Investitionen zum Wiederaubau koordinieren soll, hat Mitte Juni seine Geschäfte aufgenommen. Die Erwartungen an das CIRH, das die in den vergangenen Monaten versprochenen Milliardensummen verwalten soll, sind hoch. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass von den vielen versprochenen Milliarden bisher nur ein winziger Bruchteil wirklich eingezahlt wurde.
Präsident im Stimmungstief
Die Popularität des Präsidenten Preval erreicht neue Tiefpunkte: Die Opposition wirft ihm Untätigkeit, Unfähigkeit und Amtsmissbrauch vor. Er nutze seine Privilegien, um die Wahl seiner Parteifreunde beim nächsten Urnengang zu ermöglichen. Er selbst könne nicht wiedergewählt werden, wolle aber sichergehen, als künftiger Expräsident Haitis nicht strafrechtlich verfolgt zu werden, so die Vorwürfe.
Kriminalität geringer als befürchtet
Die Befürchtungen, dass die mehr als 5000 Gefangenen des Zentralgefängnisses, die am Tag des Erdbebens ausbrechen konnten, das Land terrorisieren, haben sich bislang nicht bewahrheitet. Die Kriminalitätsrate, die kurz nach dem Beben stark zurückgegangen war, steigt wieder, jedoch noch nicht in dem befürchteten Maße.
Erste Opfer des sich anbahnenden Wirtschaftspokers beim Wiederaufbau sind allerdings schon zu beklagen: die Präsidentin der größten Investitionsbank des Landes und ihr Ehemann, ein hochrangiger Angestellter im Finanzministerium, sind ermordet worden.
Geübt im Überlebenskampf
So merkwürdig und regelrecht zynisch es auch klingen mag: das Leben geht – auch in Haiti – weiter. Die Menschen dort mussten schon immer erfindungsreich sein, um ihr Überleben zu sichern. Diese Fähigkeit trägt dazu bei, dass die mangelnde staatliche Hilfe nicht zum vollständigen Zusammenbruch des Landes führt. Der informelle Sektor mit den „fliegenden Händlern“ prägt wieder das Bild der Innenstadt von Port-au-Prince. Das bunte Treiben kann aber nicht das immer noch riesige Ausmaß der Zerstörung zu verdecken.