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Interview: „Der Bedarf ist dieses Mal unvergleichlich viel größer“

Von Online-Redaktion am

Der dauerhaft schwelende Konflikt zwischen dem israelischen Militär und dem militärischen Flügel der Hamas in Gaza eskalierte Anfang Juli. Beide Seiten haben Todesopfer und Verwundete zu beklagen. Am 28. August wurde eine uneingeschränkte Waffenruhe geschlossen, die bis heute anhält. In Israel ist die Infrastruktur weitestgehend intakt. Im Gazastreifen sind laut Angaben der Vereinten Nationen alle 1,8 Millionen Einwohner direkt von den Folgen der Kampfhandlungen betroffen gewesen. Über 100.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Die Diakonie Katastrophenhilfe stellte finanzielle Mittel für einen lokalen Partner - in Zusammenarbeit mit dem internationalen Netzwerk ACT Alliance - zur Verfügung, der medizinische Hilfe und die Versorgung mit Lebensmittel und Trinkwasser ermöglichte. Karoline Kleine-Cosack, Programmkoordinatorin im Regionalbüro der Diakonie Katastrophenhilfe in Istanbul, reiste Mitte September in den Gazastreifen, um sich ein Bild der aktuellen Lage zu machen und mit den lokalen Partnern die Weiterführung der Hilfe und Wiederaufbaumaßnahmen zu planen.

Wie ist momentan die Situation in Gaza – es soll ja jetzt mit dem Wiederaufbau von den mindestens 18.000 Häusern begonnen werden, die zerstört wurden. Kehrt wieder so etwas wie Alltag im Gazastreifen ein?


Karoline Kleine-Cosack: Genau das hab ich die Menschen und unsere Mitarbeiter auch gefragt. Die Antwort ist eindeutig: Nein. Das hat nicht nur mit den Auswirkungen der Zerstörung zu tun, sondern auch mit den psychologischen Folgen des Konflikts. Die Menschen hatten noch nie eine solche Angst über einen so langen Zeitraum. Nirgendwo in Gaza war man sicher.

Jetzt haben die Schulen wieder angefangen, aber die Kinder werden in Zelten unterrichtet, da in den Schulen noch Flüchtlinge untergebracht sind, deren Hauser zerstört wurden. Der Unterricht läuft in drei Schichten. Viele Menschen können ihre Arbeit noch nicht wieder aufnehmen, große Landstriche mit landwirtschaftlicher Produktion sind zerstört. Natürlich gibt es auch wieder Routine: Menschen gehen wieder einkaufen, heiraten, oder besuchen die Universität. Aber mit Normalität hat das alles wenig zu tun


Wie sieht es gerade in Gaza aus? Wie schlimm ist das Ausmaß der Zerstörung?


Karoline Kleine-Cosack: Immens. Obwohl ich den Konflikt natürlich verfolgt habe, habe ich mir das Ausmaß so nicht vorstellen können. Straßenzüge und komplette Stadtteile sind zerstört. Man sieht teilweise nichts als Trümmerhaufen.

Wir haben uns verschiedene Gebiete in Gaza angeschaut, um uns ein Bild zu verschaffen und auch um unsere Projektgebiete zu besuchen. Es gibt kaum Stellen die nicht beschädigt wurden: Einschlaglöcher, Schrapnelle, eingestürzte Moscheen und sogar zerstörte Hochhäuser. Farmland ist voller Geröll und Schutthaufen. Gewächshäuser und Olivenbaumfelder sind vielerorts völlig zerstört. Bei dem Anblick ist es schwierig sich vorzustellen, wie das in den nächsten Monaten und Jahren wieder aufgebaut werden soll.


Wie sieht das Leben der Menschen in Gaza aus?


Karoline Kleine-Cosack: Viele Menschen in Gaza erhalten externe Hilfsleistungen von den verschiedenen Organisationen zum Beispiel dem World Food Programm. Nahrungsmittel sind weitgehend abgedeckt für den Moment. Auch andere Dinge des täglichen Bedarfs werden teilweise zur Verfügung gestellt wie zum Beispiel Hygieneartikel. Aber all das sind natürlich keine längerfristigen Lösungen. Es wird Monate oder sogar Jahre dauern bis die Menschen wieder in ihre Häuser können.

Wir haben viele Menschen gesehen, die in den Trümmern ihrer zerstörten Häuser leben. Sie haben ein halbes Dach über dem Kopf, keinen Strom, kein fließend Wasser, kein Schlafzimmer, keine Küche, Wasser wird mit LKWs gebracht, statt Wänden gibt es Tücher. Über 50.000 Menschen leben noch in Schulen. Viele Menschen sind bei Verwandten untergekommen, irgendwie arrangieren sie sich mit der Situation. Sie versuchen ihre Häuser zu reparieren, falls das möglich ist. Diejenigen die das nicht können, warten und bemühen sich Zugang zu Hilfsleistungen zu bekommen.


Was macht die Diakonie Katastrophenhilfe vor Ort?


Karoline Kleine-Cosack: In Gaza läuft ein dreijähriges durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) gefördertes Projekt zur Katastrophenvorsorge. Schwerpunkt ist die unzureichende Wasserversorgung in Gaza. Das Projekt bemüht sich um die Verminderung der Auswirkungen von Dürre. Unser Partner installiert Regenwassersammelsysteme für Haushalte und für den landwirtschaftlichen Gebrauch. Zudem werden die Landwirte in verbesserten Anbaumethoden geschult, die Wasser sparen.

Wir wollten sobald wie möglich nach dem Krieg nach Gaza reisen, um uns einen Überblick zu verschaffen und unseren Mitarbeiter vor Ort und unsere Projektpartner zu besuchen und zu unterstützen. Wir haben nun die Familien besucht, welche von uns ein Regenwassersammelsystem erhalten haben und die Schäden begutachtet. Leider sind einige dieser Systeme völlig zerstört und müssen nun wenn möglich wieder aufgebaut werden.

Zugleich haben wir auch aktuelle Nothilfeprojekte besucht. Schon während des Krieges haben unsere Partner Hilfsgüter verteilt (Nahrungsmittel, Wasser).

Jetzt ist es wichtig an den Wiederaufbau zu denken. Unser Ziel ist es vor allem so schnell wie möglich die Einkommens- und Lebensgrundlage der Menschen wieder herzustellen, damit sie nicht mehr abhängig von externer Hilfe sind. Deshalb planen wir mit unserem Partner gerade ein Projekt zum Wiederaufbau von landwirtschaftlichen Betrieben (Gewächshäuser, Geflügelbetriebe).


Wie können denn die Menschen in Gaza wieder ein normales Leben führen?


Karoline Kleine-Cosack: Es gibt erste Wiederaufbaupläne. Israel und die Vereinten Nationen haben sich auf Einfuhrregelungen geeinigt, damit Baumaterialien wieder nach Gaza eingeführt werden kann. Das wird zumindest die Wiederherstellung öffentlicher Gebäude und der UN-Infrastruktur voranbringen. Viele Organisationen beginnen nun wie wir zum Beispiel mit dem Wiederaufbauprojekten im landwirtschaftlichen Bereich. Sogenannte Cash-for-Work Maßnahmen sollen Einkommen schaffen.

Nach dem was ich hier vor Ort gesehen habe, ist mir klar geworden, wie groß der Berg ist, der den Menschen hier in Gaza und auch den Hilfsorganisationen gegenüber steht. Wiederaufbauarbeiten haben auch schon in der Vergangenheit stattgefunden – das letzte Mal nach dem Krieg im November 2012. Aber der Bedarf ist dieses Mal unvergleichlich viel größer.


Wie ist die Stimmung bei den Menschen in Gaza? Ist so etwas wie Erleichterung festzustellen?


Karoline Kleine-Cosack: Es ist eindeutig eine große Erleichterung zu spüren nach dem Ende der Gewalt, der Angst und der Unsicherheit. Viele Menschen begegnen den Erfahrungen mit Zynismus, erzählen scherzend über die furchtbaren Erlebnisse. Aber alle Menschen die wir besucht haben, berichten von einer gravierenden Veränderung auf psychischer Ebene. Sie fühlen sich nicht mehr sicher in ihren eigenen Häusern. Die Menschen sind traumatisiert. Die Perspektiven fehlen und die Angst vor einer Wiederholung der Gewalt ist groß. Das ist traurig zu sehen und deshalb versuchen wir so gut wie möglich wieder Perspektiven zu schaffen, auch wenn diese natürlich niemals ausreichen werden. Das Problem Gazas muss auf politischer Ebene gelöst werden, nur das könnte zu einer wirklichen positiven Perspektive für die Menschen hier führen.

 

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