Blog-Beitrag

Jordanien: „Die Menschen nicht allein lassen“

Von Online-Redaktion am

Zwei Jahre Bürgerkrieg, 80.000 Tote, mehr als 1,4 Millionen Menschen auf der Flucht: Die Not der Menschen in Syrien und der Flüchtlinge ist groß. Die Pressesprecherin der Diakonie Katastrophenhilfe, Urte Lützen, berichtet aus der Türkei und dem Flüchtlingscamp Za‘atari an der syrisch-jordanischen Grenze.

Wie ist die aktuelle Situation der syrischen Flüchtlinge in Jordanien und der Türkei?

In Jordanien leben derzeit 450.000 Flüchtlinge. In der Türkei sind es mehr als 320.000 Bei dieser großen Anzahl ist es natürlich schwer zu verallgemeinern. Ich habe mit vielen Familien gesprochen. Jede Familie hat ihre ganz eigene Fluchtgeschichte. Was sie vereint, ist die Tatsache, dass sie alles zurückgelassen haben. Sie haben ihr zu Hause und teilweise Familienangehörige verloren. Alles, was sie aufgebaut haben, haben sie zurückgelassen. Viele haben Syrien erst vor ein paar Monaten verlassen, weil der Krieg zu nahe kam. Einige konnten ihre Flucht vorbereiten, andere sind mit dem gekommen, was sie am Leib trugen. Jetzt, in relativer Sicherheit, quält sie die Ungewissheit und Zukunftsangst. Sie wissen nicht, wann und wie sie zurückkehren können. Diese Ungewissheit auszuhalten, ist in meinen Augen das Schlimmste für die Flüchtlinge.

Wie muss man sich das Leben im Flüchtlingscamp Za‘atari vorstellen?

Das Leben im Camp ist gerade aufgrund der klimatischen Bedingungen nicht einfach. Es liegt mitten in der Wüste. Das bedeutet, die Versorgung mit Wasser stellt ein großes Problem dar. Im Winter und in der Nacht kann es sehr kalt werden. Tagsüber ist es heiß. Die Temperaturen werden jetzt weiter steigen, so dass es in den Zelten kaum auszuhalten ist.

In einem Zelt leben bis zu fünf Flüchtlinge. Ein Zelt kostet die Familie 40 jordanische Dinar bei der Ankunft. Meistens sind es Familien oder Angehörige, die sich Zelte teilen. So ein Zelt besteht aus einem Gemeinschaftsraum und einem winzigen Zusatzraum, der meistens als eine Art Küche genutzt wird, indem etwas zu Essen zubereitet wird. Unter anderem hat die Diakonie Katastrophenhilfe einige Wohncontainer für besonders bedürftige Familien aufgestellt. Der Vorteil der Container ist, dass sie besser vor den Witterungsbedingungen schützen. Sie sind etwas erhöht, so kann bei Regen der Schlamm nicht hineingespült werden. Auch vor Sandstürmen sind die Familien dort besser geschützt als in den Zelten. Die regelmäßigen Sandstürme führen vielfach zu Augenentzündungen und Problemen mit den Atemwegen. Auch deswegen sind die Container beliebt. Die Wohnfläche ist nicht viel größer als die in einem Zelt, dennoch leben dort oft viel mehr Menschen auf engstem Raum zusammen. Aber auch in diesen Unterkünften wird es tagsüber unerträglich heiß.

Mit etwa 140.000 Flüchtlingen ist das Camp zur viertgrößten Stadt in Jordanien geworden. Es gibt Sanitätshäuser und Krankenstationen, gemeinsame sanitäre Anlagen, doch die Infrastruktur kann nicht so schnell mit dem Ansturm der Menschen mitwachsen. Die jordanische Regierung plant auch deswegen weitere Camps. Da eine schnelle Rückkehr, wie von so vielen Flüchtlingen erhofft, eher unwahrscheinlich ist, baut die Diakonie Katastrophenhilfe ihr Programm zur psycho-sozialen Unterstützung weiter aus. Gerade in dem Camp ist es wichtig, die Menschen mit ihrer Situation nicht allein zu lassen.

Wo kommen die Flüchtlinge unter, die keinen Platz in einem Camp bekommen? Wie sind Ihre Lebensbedingungen?

Auch das ist sehr unterschiedlich. Viele Familien haben sich bewusst entschieden, nicht in das Zaatari Camp zu gehen. Andere sind aus dem Camp geflohen, weil sie es nach ein paar Monaten dort nicht mehr ausgehalten haben. Psychologisch haben sie den Vorteil, dass sie ihr Leben, so schwierig es gerade ist, selber in der Hand haben. Anderseits sind sie von der Hilfe weitestgehend abgeschnitten. Eine Arbeitserlaubnis haben sie in Jordanien nicht, und die Mieten waren schon vor dem Flüchtlingsansturm für syrische Verhältnisse nicht bezahlbar. Viele liehen sich Geld, um schäbigste Unterkünfte zu mieten. Teilweise helfen Nachbarn dabei, die kargen Unterkünfte ein bisschen wohnlich zu gestalten oder bei der Suche nach einem Arzt. Fast alle Familien haben mir gesagt, dass sie so nicht mehr lange weiter leben können. Denn die Ressourcen sind aufgebraucht, und sie wollen gerade für ihre Kinder eine Perspektive aufzeigen können. Wie eine solche Perspektive aussehen könnte, wissen allerdings die wenigsten.

Wie muss man sich die Situation der zahlreichen Flüchtlingskinder vorstellen?

Wenn die Kinder Glück haben, gibt es in der Nähe eine Schule. Um auf jordanische Schulen zu gehen, benötigen die Kinder Schuluniformen. Ein weiterer Kostenfaktor. Einige Kinder sind allerdings auch so verängstigt von ihren Erlebnissen in Syrien, dass sie sich weigern in Schule zu gehen. Denn auch vor Schulen hat der Krieg in Syrien nicht Halt gemacht.

In der Türkei habe ich mit einem syrischen Anwaltsehepaar gesprochen, das in privater Initiative eine kleine Schule aufgebaut hat. Das Ehepaar war selber geflohen und sah sich damit konfrontiert, dass die eigenen Kinder nicht einfach in eine türkische Schule gehen konnten. Sie haben ein Gebäude gemietet und aus Sperrholz sechs Klassenzimmer abgeteilt. Die Lehrer unterrichten ehrenamtlich. Als ich fragte, ob die Kinder nachdem, was sie erlebt haben, überhaupt aufnahmefähig sind, lachte der ehemalige Anwalt und neue Schuldirektor. Die Kinder seien in vielen Fällen viel stärker als die Erwachsenen.

Es ist sehr wichtig, für die Kinder auch in dieser Situation so etwas wie Normalität herzustellen. Schule und außerschulische Aktivitäten schaffen das ansatzweise. Die meisten Eltern bemühen sich daher sehr, einen Platz für ihre Kinder in einer Schule zu bekommen.

Wie konnte die Diakonie Katastrophenhilfe bisher Hilfe leisten?. Welche Projekte konnten Sie im Laufe der Reise besuchen?

Die Diakonie Katastrophenhilfe hat zunächst Nothilfe für die ankommenden Flüchtlinge geleistet. Das heißt die Familien haben Utensilien bekommen, die im Alltag gebraucht werden. Etwas zum Waschen, Seife, Zahnpasta, Handtücher, Matratzen und Bettbezüge. Diese Hilfe haben wir sowohl im Camp als auch außerhalb der Camps geleistet. Durch die Zusammenarbeit mit unseren lokalen Partnern haben wir auch Zugang zu den Familien, die nicht im Camp leben.

In der Türkei verteilen wir inzwischen auch Einkaufsgutscheine an besonders bedürftige Familien. Die Gutscheine haben den Vorteil, dass die Betroffenen selber entscheiden können, was sie am dringendsten brauchen und sie aktiv werden, statt passiv auf Hilfsgüter zu warten. Das Konzept schien gut zu funktionieren und entlastet auch die Hilfsorganisationen, da komplizierte Distributionslogistik eingespart werden kann.

Mit Anhalten des Krieges und steigenden Flüchtlingszahlen müssen wir unsere Maßnahmen immer wieder anpassen. Bedarf gibt es genug. Ob es die Unterstützung der Schulkinder ist, psycho-soziale Betreuung von Flüchtlingsfamilien oder die Unterbringung neu ankommender Flüchtlinge, wir haben noch viel zu tun.

Woran fehlt es? Was brauchen die Flüchtlinge am aller dringendsten?

Die Bedürfnisse sind unterschiedlich. Außerhalb der Camps kämpfen die Flüchtlinge damit, den teuren Lebensunterhalt aufzubringen. Schon vor Krise war das syrische Pfund kaum etwas wert gegenüber den Währungen der Nachbarländer. Arbeiten können die Flüchtlinge nur gelegentlich. Der Lohn deckt nicht einmal die Miete. Auf die Frage, wie sie denn ihre Familie unter diesen Umständen durchbringe, sagte mir eine Mutter von fünf Kindern in Zarqua, Jordanien: „ Fragen Sie den Gemüsehändler um die Ecke, wie hoch unsere Schulden sind, ich weiß es schon nicht mehr.“

Im Camp sind die Grundbedürfnisse einigermaßen gedeckt. Vielfach wurde mir allerdings erzählt, dass Babynahrung und Windeln fehlten. Und natürlich ist die Wasserversorgung ein Problem. Zudem ist das Leben im Zelt sowohl im Sommer als auch im Winter sehr schwer. Mit wachsenden Flüchtlingszahlen müssen sich immer mehr Menschen die Wasch- und Kochgelegenheiten teilen. Hygienische Probleme kommen hinzu. Ratten und Mäuse vergreifen sich an den wenigen Vorräten, die in den Zelten lagern.

Was hat Sie auf Ihrer Reise am meisten berührt?

Berührt hat mich, mit welch einer würdigen Haltung die Menschen schwierige Situation meistern und die Gastfreundschaft, mit der ich aufgenommen wurde. Natürlich hätten mich die Leute lieber in ihren Häusern in Syrien empfangen, statt in den Zelten oder ihren Notunterkünften. Trotz knapper Ressourcen ohne ein Glas Tee zu trinken, durfte ich selten wieder gehen.

 

Helfen Sie mit einer monatlichen Spende: Fördermitglied werden