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Der Intendant hat seine Schuhe ausgezogen. Max Wagner, 40, hockt mit einem Dutzend Kindern auf dem bunt gemusterten Teppich. Sie besuchen das Ankur Learning Center in Dakshinpuri, einem Stadtteil mitten in Indiens Hauptstadt Delhi. Wagner ist mit einigen Musikern des Stuttgarter Kammerorchesters zu Besuch. Sie wollen sich einen Eindruck vom Leben in der indischen Großstadt verschaffen.
Cellist György Bognar erklärt "Ich bin das erste Mal in diesem Land – und ich finde es toll hier." Der 57-Jährige schwärmt von den vielen Farben, den Gerüche und den verwinkelten Gassen! Der Musiker, der ursprünglich aus Ungarn stammt, hat mit seinem Orchester schon viele Reisen unternommen: China haben sie schon besucht, Japan und fast alle europäischen Länder. Er sagt: "Ich freue mich immer, wenn wir die Chance bekommen, mehr zu sehen als schicke Hotels und Konzerthallen. Das hier ist ein großartiges Geschenk!"
Für die Stuttgarter hat ihr Besuch eine besondere Bedeutung: Nach Delhi floss das Geld, dass sie im Dezember vergangenen Jahres in ihrer Heimat mit einem Benefizkonzert einnahmen und mit dem "Brot für die Welt" die indische Organisation Ankur unterstützt. Die Musiker, derzeit auf Tournee einmal quer durch Indien, nutzen ihre knappe Zeit zwischen zwei Konzerten gerne für einen Besuch bei denjenigen, die von dem Spendengeld profitieren: Kinder und Jugendliche, die dank Ankur die Chance bekommen, sich abseits von den Zwängen des Alltags und dem Lärm der Großstadt zu entfalten und ihr kreatives Potential auszuschöpfen.
"Wir setzen da an, wo das staatliche Schulsystem aufhört", erklärt Sharmila Bhagat, die Direktorin von Ankur, ihre Arbeit. Die kleine, quirlige Frau trägt einen roten Sari, und wenn sie lächelt, strahlt ihr ganzes Gesicht. Die 45-Jährige sagt: "Vor allem fördern wir junge Leute darin, sich frei auszudrücken." Um das zu demonstrieren, läuft sie mit ihren Gästen durch die verwinkelten Gassen, vorbei an Wäscheleinen, an denen bunte Tücher zum Trocknen in der Sonne hängen, vorbei an einem Mann, der einen großen Stapel Orangen verkauft und einem anderen Händler, der versucht, in den ersten Sonnenstrahlen des milden, indischen Frühlings noch Brennholz loszuwerden.
Hinein ins Ankur Learning Center, eine Bildungseinrichtung, die die Kinder freiwillig nach dem regulären Schulunterricht besuchen: Von außen ist es ein unscheinbarer Backsteinbau, doch innen leuchtet das Zentrum in vielen Farben: Das enge Treppenhaus ist knallrosa gestrichen, die Sechs- bis Neunjährigen haben sich in zwei Klassenräumen versammelt, deren Wände sie über und über selbst bemalt haben: Sagenfiguren, spielende Kinder und immer wieder Sonnen und lachende Gesichter.
Barfuß sitzen die Deutschen zusammen mit den Kindern im Kreis, erzählen von ihrem Beruf als Musiker und ihrer Reise durch das große, für sie so fremde Indien. Die neunjährige Aartie hat den Mut, vor den ausländischen Besuchern eine Geschichte vorzulesen, die sie gerade geschrieben hat. Sie handelt davon, wie sie ihr Vater zum ersten Mal auf dem Moped mitnahm, und wie die beiden an Menschen und Geschäften vorübersausten. Das Mädchen sagt lachend: "Das war schön, dass die fremden Erwachsenen mir zugehört haben." Dann blickt sie schüchtern zu Boden: "Aber es war auch ein bisschen seltsam, die haben mich alle so angeguckt."
Etwas selbstbewusster treten da die Jugendlichen im "Cybermohalla" auf, der zweiten Ankur-Einrichtung, die die Schwaben besuchen. Sechs Jungen und vier Mädchen nehmen die Orchestermitglieder in Empfang. "Ich mache auch Musik", erklärt der 19-jährige Anil, "Aber anders als ihr. Ich nehme dazu Blechdosen und Gläser." Ein anderer Junge erzählt, wie er am Computer komponiert und mit Leidenschaft Songs aus dem Radio nachsingt. "Und ich liebe es, zu schreiben", ergänzt die 17-jährige Chanda. Dafür laufe sie durch die Straßen, höre zu, was die Leute ihr erzählen, und dichte daraus Kurzgeschichten.
Auch wenn Dakshinpuri ein einfaches Stadtviertel ist – seine Zeiten als Elendsquartier sind vorbei. In den 1970er-Jahren wurde es als Armensiedlung weit außerhalb des Stadtkerns errichtet – ganze Familien, die nach Meinung der Behörden illegal auf den Straßen Delhis wohnten, wurden dorthin verfrachtet. Inzwischen hat die rasant wachsende Metropole den ehemaligen Vorstadtslum regelrecht verschluckt und die Menschen dort haben Häuser gebaut sowie Geschäfte und Schulen eingerichtet. Einen Teil seines bescheidenen Wohlstands hat Dakshinpuri auch "Brot für die Welt" zu verdanken. Das evangelische Hilfswerk unterstützt die Organisation Ankur seit ihrer Gründung 1983.
Ankur-Chefin Bhagat sagt: "Ankur ist ein Hilfsprojekt, das auch weniger wohlhabenden Menschen einen Zugang zur Kultur ermöglicht." Denn auf Kunst, Literatur und Musik sollten Menschen nicht nur in reichen Ländern ein Recht haben, sondern auch in den armen Regionen der Erde.