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Brot für die Welt

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12.08.2010

Paul und Hedwig

Über dem Tresen läuft der Fernseher, Nachrichten. Die drei Männer haben ihr x-tes Pils vor sich stehen und sehen ab und zu hin, wenig interessiert, nur der eingefleischte Reflex. Aber dann eine kleine Serie von Katastrophenmeldungen: Waldbrände in Russland mit feuerrot gefleckter Landkarte; nun schon seit mehr als einer Woche. Monsunflut in Pakistan mit Millionen Opfern. Die Zahlen kann man sich so schnell nicht merken; verhängnisvolle Erdrutsche in China mit vielen Toten.

Die Sprecherin redet davon, dass es in Pakistan unter anderem auch am Geld fehlt. Private Spenden bleiben aus. Deutschlands Regierung spendet gerade mal 10 Millionen und die Taliban mischen sich irgendwie ein. In Russland wiederum keine Aussicht auf Regen.

Alles keine Nachrichten für den gemütlichen Kneipen-Feierabend. Paul, immer gut für einen flotten Spruch, tut eine irre Schnapsidee kund: „Sollen die da in Pakistan den Russen doch ihr Wasser verkaufen. Dann haben alle, was sie wollen.“ Sagt´s und nimmt einen kräftigen Schluck.

Normalerweise schafft es Paul, mit seinen Tresen-Kundgebungen ein störendes Thema zu den Akten zu legen und irgendwie die Kurve zum nächsten Bundesliga-Spieltag zu kriegen. Diesmal nicht. Hedwig, die grauhaarige Kneipenwirtin, blickt von ihrem Strickzeug auf und verkündet: „Paul, du hasse se doch nich alle. Wir werden da alle noch schön Ärger mit kriegen. Datt is datt Klima. Oder kapiert ihr datt nich? Also, ich stell diesen Herbst den Heizschirm da draußen für euch nich mehr auf, nur damit ihr da die Frauen länger hinterher kucken könnt. Kommt doch allet zusammen bei den Klima. Und dann zeigen se datt in Färnsehen.“

Paul knurrt irgendetwas, was ich am anderen Ende des Tresens nicht verstehen kann. Aber seine Laute sind wohl eine deutliche Rückzugsgeste. Keine Witze auf Kosten der Leute, die Hedwig
– und nicht nur sie – für ferne Opfer dieses weltweiten Geschehens hält, das Tag für Tag Klimawandel genannt wird.

Eigentlich bin ich ja nicht schüchtern, wenn es um Wortgefechte beim Bier geht. Aber heute Abend muss ich mich nicht einmischen. Erstens ist Paul nicht mein Kumpel. Und zweitens: besser als Hedwig könnte ich ihm auch nicht Kontra geben. Die wartet nicht darauf, bis ihr der letzte Professor oder Politiker Schwarz auf Weiß gibt, wie die katastrophalen Auswirkungen des grenzenlosen Klimawandels zusammenhängen. Fünfundsechzig Jahre Lebenserfahrung reichen ihr. Und drittens: sie tut was. Obwohl: ich habe letztes Jahr auch schon mal unter ihrem Heizschirm gesessen.

von Harald Rohr

 

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