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Er war, was man einen gestandenen Mann nennt; auch noch in den letzten Jahren als Witwer. Noch mit über achtzig hat er die unsicheren Stufen oben im Kirchturm nicht gefürchtet, wenn es galt, den Reparaturbedarf zu ermitteln. Bis vor kurzem fehlte sein Auto an keinem Sonntagmorgen auf dem Parkplatz an der Kirche.
Aber jetzt hat die Gemeinde ihren Ältesten doch zu Grabe tragen müssen. Kinderlos, wie er war, war es an der Gemeinde, seine Wohnung aufzulösen. Das war fest versprochen. Kleiderkammer und Möbelbörse der Diakonie und der Umsonstladen waren Nutznießer des Einsatzes. Dazu der unvermeidliche Sperrmüll, der hierzulande zu jedem Lebensende gehört. Im Gemeindehaus erinnern ein Aquarell der Kirche, ein Foto und ein hübscher Schrank an den Toten.
Nur eine Fundsache hat noch keine Verwendung gefunden. In der Garage standen unerwartet fünf große Metallkanister, randvoll mit Diesel. Ein wenig leichtsinnig und womöglich auch gegen die Vorschriften. Sicher hat der alleinstehende Alte für den Bedarfsfall vorbeugen wollen. Eine, die ihn gut kannte, meinte beim Kirchkaffee zu wissen: „Seit diesen Ölkrisen vor 30 Jahren hat er zu Hause immer eine Reserve gehabt.“
Was tun mit dem Sprit? Das dazu gehörende Auto hat er selbst noch verkauft – und dabei wohl übersehen, dass seine Dieselreserve ihren Sinn verloren hat. Pfarrer, Küster und Kindergartenpersonal fahren Benziner. Die können die 50 Liter also nicht zugunsten der Gemeindekasse tanken.
Eine Kleinanzeige? Die kostet, und außerdem: dürfen Privatleute überhaupt Treibstoffe lagern und weiter verkaufen? In die leichte Ratlosigkeit mischt sich schließlich ein Vorschlag des „Paradise-Clubs“. So nennt sich die Umweltgruppe der Gemeinde. „In den Osterferien machen wir doch das Seminar über Energien der Zukunft. Da reicht der Diesel doch, hin und zurück mit zwei Kleinbussen.“ Je mehr sie darüber nachdenken, umso besser scheint das zu passen.
Jemand bringt den englischen Fachausdruck „Peak Oil“ in die Diskussion. Der hat nichts mit dem Pik beim Skat zu tun. Er steht für die Tatsache, dass die Erdölförderung im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts auf dem Planeten ihren Allzeit-Höhepunkt erreicht und überschritten hat. Andererseits dürfen christliche Gemeinden nicht auf die Fata Morgana vom Bio-Sprit-Zeitalter hereinfallen. Weiter so mit Bio-Sprit? Das leert die Teller der Ärmsten und zerstört völlig unersetzliche Lebensräume.
Zukunftstaugliche Lebensregeln für mobile Christenmenschen. Darum soll es gehen an dem Wochenende. Da wäre es doch eine tolle Symbolik, dafür die unverhoffte einmalige Treibstoffspende eines geachteten Gemeindegliedes zu nutzen. Beispielsweise würde der Diesel nicht in einem PKW-Tank verschwinden: diese durstigen kleinen Monster, in denen viel zu oft nur ein eiliger einsamer Mensch sitzt; egal ob im Berufsverkehr oder in der Freizeit. Zwei voll besetzte Kleinbusse ergeben da eine deutlich sinnvollere Bilanz.
Und sogar in dem Thema-Gottesdienst, in dem von dem Seminar berichtet werden soll, wären die leeren Kanister noch eine anschauliche Requisite. Nach dem Motto „Neue Zeiten verlangen neue Antworten“ – auch und gerade von den Christenmenschen.
von Harald Rohr