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niemand is(s)t für sich allein
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Interview mit dem Kampagnenteam

"Den eigenen Lebensstil überdenken“

"Niemand is(s)t für sich allein", meinen Carolin Callenius (l.) und Karen Neumeyer.

Dass Land in vielen Teilen der Welt knapp wird, sei auch auf die steigende Nachfrage der Konsumenten und Konsumentinnen in den Industrie- und Schwellenländern zurückzuführen, sagen Carolin Callenius und Karen Neumeyer. Die beiden "Brot für die Welt"-Mitarbeiterinnen koordinieren die Kampagne "Niemand is(s)t für sich allein".

Das neue Schwerpunktthema von "Brot für die Welt" lautet "Land zum Leben – Grund zur Hoffnung". Warum ist Land für die meisten Menschen in Entwicklungsländern so wichtig?
Carolin Callenius: Ganz einfach: Wer Zugang zu Land hat, kann Nahrungsmittel anbauen – für den eigenen Bedarf und für den lokalen Markt. Und wer Land zur Verfügung hat, kann Tiere weiden, jagen, Früchte und Brennholz sammeln. Der Zugang zu Land sichert Ernährung und hilft, die eigene Kultur zu bewahren.

Weltweit wird Land knapp. Warum?
C.C.: Aktuell gibt es einen regelrechten Run auf Land, der von der Ernährungs- und Finanzkrise ausgelöst wurde. Große Konzerne sichern sich Ackerflächen in Entwicklungsländern, um darauf Nahrungsmittel, Futtermittel und Agrartreibstoffe für den Export anzubauen. Dieser Prozess wird oft auch als Landraub oder "Landgrabbing" bezeichnet.

Was bedeutet "Landgrabbing"?
C.C.: Für den Anbau der genannten Produkte werden große Plantagen angelegt, häufig auf Flächen, die die Menschen bisher für den Eigenbedarf nutzten. Nicht immer werden die Betroffenen vertrieben, oft verkaufen oder verpachten sie ihr Land auch – in der Hoffnung auf einen guten Job oder einen schnellen Verdienst. Aber in den meisten Fällen erfüllen sich diese Hoffnungen nicht, und die Menschen stehen ohne etwas da.

Im Zusammenhang mit der Landknappheit ist neuerdings auch häufig von Energiepflanzen die Rede. Welche Bedeutung haben sie?
C.C.: Um die Treibhausgas-Emissionen zu senken und den Klimawandel zu bekämpfen, setzen immer mehr Länder auf so genannte Agrartreibstoffe. Sie werden aus Energiepflanzen wie Raps, Soja oder Zuckerrohr gewonnen. Da die heimischen Flächen zum Anbau dieser Pflanzen nicht ausreichen werden, wächst der Flächenbedarf in den Entwicklungsländern rasant an. Dort entstehen überall neue, riesige Plantagen. Das geht zu Lasten der Flächen, die eigentlich für Nahrungsmittel benötigt werden. Denn natürlich kann man das Land nur einmal bebauen.

Was können die Verbraucher in Deutschland tun, um diese Entwicklungen zu beeinflussen?
C.C.: Unsere Forderung lautet, den eigenen Lebensstil zu überdenken. Natürlich wollen wir niemandem vorschreiben, sein Auto ab sofort stehen zu lassen. Aber jeder kann dazu beitragen, den Treibstoffverbrauch zu senken – sei es, in dem er sein Auto mit anderen teilt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fährt, kurze Strecken mit dem Fahrrad zurücklegt oder einmal nicht mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegt. Und es geht ja nicht nur um den Sprit: Auch durch eine bessere Wärmedämmung der eigenen Wohnung oder ein verändertes Ernährungsverhalten kann man einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Es gibt also eine sehr breite Palette an möglichen Ansatzpunkten.

Sie erwähnen das Thema Ernährung. Wie kann man durch seine Ernährungsweise den Landraub in Entwicklungsländern bekämpfen?
Karen Neumeyer: Momentan haben wir in Deutschland einen jährlichen Fleisch- und Wurstverzehr von über 80 Kilogramm pro Kopf. Ein Großteil des Kraftfutters, das für die Tierhaltung benötigt wird, stammt aus Entwicklungsländern. Zum Beispiel wird in Lateinamerika auf riesigen Flächen Soja angebaut – auf Kosten der Menschen und der Natur. Daher ist es wichtig, dass wir den Verzehr von Fleisch und Wurst drastisch reduzieren.

Wie viel Fleisch sollte ein Mensch denn höchstens essen, um wirklich nachhaltig zu leben?
C.C.: Würden alle Menschen auf der Erde so viel Fleisch essen wie wir in Deutschland, brauchte es ungefähr zweieinhalb Planeten. Da weltweit immer mehr Menschen Fleisch essen, müssen wir also deutlich weniger konsumieren. Natürlich gibt es große individuelle Unterschiede im Ernährungsverhalten: Manche Leute essen ohnehin nur wenig Fleisch, andere tun dies mehrmals täglich. Denen fällt eine radikale Umstellung ihrer Ernährung natürlich schwer. Aber es ist auch nicht unser Ziel, jeden Menschen zum Vegetarier zu machen.

Sondern?
C.C.: Wir möchten die Menschen einladen, weniger, anders und bewusster zu essen. Wer seltener Fleisch isst, kann sich besseres und schmackhafteres Fleisch leisten. Ein Stück Fleisch aus artgerechter und umweltverträglicher Tierhaltung auf der Basis von einheimischem Futter ist von deutlich besserer Qualität. Somit ist der bewusste, seltenere Verzehr von Fleisch auch kein Verzicht, sondern ein gesteigerter Genuss.
K.N.: Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass sich unser Ernährungsverhalten auf die Situation der Menschen in Entwicklungsländern auswirken kann. Momentan wird auf vielen Ebenen über die Konsequenzen der Massentierhaltung auf Gesundheit und Klimawandel gesprochen. Dass es beim Fleischkonsum aber auch um die Welternährung geht, bleibt meistens außen vor.

Nun richten Sie ihre Forderungen ja nicht nur an die Verbraucher in Deutschland, sondern auch an die Politik. Was wollen Sie auf dieser Ebene erreichen?
K.N.: Wir setzen uns dafür ein, dass die bestehende Nachhaltigkeitsverordnung für Agrartreibstoffe um soziale Kriterien ergänzt wird. Bislang sieht sie zwar vor, dass keine Urwälder gerodet und ökologisch wertvolle Flächen in Plantagen für Energiepflanzen umgewandelt werden dürfen. Aber sie berücksichtigt weder das Recht auf Nahrung noch die Rechte der indigenen Völker. Außerdem wollen wir, dass die Verordnung auf Futtermittel, Nahrungsmittel und andere Agrarprodukte ausgeweitet wird.
C.C.: Und wir fordern, dass die Landvergabe nach strengen, internationalen Standards erfolgt. Dabei setzen wir auf die Leitlinien zum Umgang mit Land und natürlichen Ressourcen, die momentan von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen erarbeitet werden. Wir sehen gute Chancen, dass unsere Anliegen dort weit - gehend berücksichtigt werden.

Wie verleihen Sie Ihren Forderungen Nachdruck?
K.N.: Vor einigen Monaten haben wir die Postkartenaktion "Wer will schon Hunger tanken?" gestartet. Sie läuft noch bis zum 16. Oktober 2011. Wir bitten die Öffentlichkeit und die Kirchengemeinden, sich an dieser Aktion zu beteiligen – damit wir der Bundesregierung am Welternährungstag zeigen können, dass viele Menschen in Deutschland nicht auf Kosten anderer Auto fahren möchten.

Was können die Kirchengemeinden noch tun, um die Kampagne "Niemand is(s)t für sich allein" zu unterstützen?
K.N.: Zunächst einmal können sie natürlich mit Vorträgen, Ausstellungen und Präsentationen über das Thema Landraub informieren. "Brot für die Welt" leistet dabei umfangreiche Hilfestellung: Wir haben verschiedene Informations- und Bildungsmaterialien entwickelt, wie zum Beispiel die Ausstellung "Von Teller, Tank und Trog: Wettlauf um Land in Afrika, Asien und Lateinamerika", die als Plakatserie auch gut von Konfirmandengruppen eingesetzt werden kann. Weiterhin bieten wir Schulungen für Gemeindemitglieder an, damit sie die nötige Fachkenntnis haben, eigene Veranstaltungen durchzuführen. Und schließlich gehen wir auch selbst in Gemeinden, halten dort Vorträge und verknüpfen diese mit pädagogischen Angeboten. Wenn die Möglichkeit besteht, laden wir dazu auch Partner aus den Ländern des Südens ein.

Konstantin Francke (Interview)

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